7. Ergebnis

"Und auf jedem Gebiet menschlichen Wissens war sie zu Hause, ob es sich um Theologie, Philosophie, Geschichte, Literatur, Archäologie, Kunstgeschichte, Völkerkunde, Volkswirthschaft oder Gesundheitspflege handelte. Selten wohl besaß eine Frau ein gleich umfassendes Wissen wie sie."[408]
Victorias Engagement bei der Entstehung des Berliner Kunstgewerbemuseums und dem 'Verein der Berliner Künstlerinnen' als auch für Institutionen zur Förderung der Frauenbildung klingt bis heute nach, denn diese Einrichtungen setzen ihr Wirken auch nach 100 Jahren weiter fort. Hieran wird deutlich, daß Victorias Unterstützung von Institutionen auf den Gebieten der Kunst, Bildung und den Wissenschaften nicht bedeutungslos war. Sie erkannte früh Defizite in der Gesellschaft, die der Staat nicht in der Lage oder nicht gewillt war zu beheben. Sie verfügte über eine ausgeprägte Urteilsfähigkeit - "[...] scharfblickend, geistvoll, immer bemüht, die Zeitströmungen zu verstehen [...]"[409] - aufgrund ihrer ausgezeichneten Ausbildung auf sämtlichen Gebieten der Wissenschaften am königlichen Hof in London. Ihr Vater Prinz Albert hatte dabei eine führende Rolle eingenommen und als Vorbild für ihr zukünftiges Wirken in Preußen gedient.
Victorias ursprüngliche Absicht, zusammen mit ihrem Mann Friedrich Wilhelm ein liberales System in Deutschland ähnlich dem englischen ins Leben zu rufen, ging ebenfalls auf ihren Vater zurück. Dieses Vorhaben konnte das Paar allerdings nie in die Tat umsetzen, da Friedrich Wilhelm als Kaiser Friedrich III. nur eine Herrscherzeit von 99 Tagen geblieben war. Während ihrer Zeit als Kronprinzenpaar war es beiden nicht vergönnt, über politisches Mitspracherecht zu verfügen, da ihre liberalen Absichten gegensätzlich zu denen des Herrschers Wilhelm IV. waren. Ihre politische Machtlosigkeit hinderte sie jedoch nicht daran, ihren Reformwillen zumindest in den ihnen möglichen Bereichen umzusetzen.
Victorias Engagement im Bereich der Bildenden Kunst kann nicht im traditionellen Sinn von Mäzenatentum im Bereich der Bildenden Kunst verstanden werden. Sie holte Künstler an den preußischen Hof und vergab vor allem Aufträge für Familienporträts, trat jedoch nicht als Mäzenin hervor, unter anderem auch, weil ihr hierfür das notwendige Vermögen fehlte. Ihre Aufträge hatten nicht die eigene Machtverherrlichung zum Ziel, sondern dienten lediglich dem eigenen Gefallen. Zudem stand es in der Tradition der Fürstenhäuser, Familienmitglieder porträtieren zu lassen. Förderung im Bereich der Künste war für Fürsten auch in der Vergangenheit keine Ausnahme. Oftmals wurde sie freilich zur Prestigesteigerung des Herrschers eingesetzt und nicht mit der Absicht, den betreffenden Künstler zu unterstützen wie z.B. am Hof Friedrich des Großen.
Victoria war überdies Kunstsammlerin. Allerdings lassen sich in ihrer Sammeltätigkeit keine kultur- bzw. bildungspolitischen Absichten erkennen, da sie zum einen ihre Sammlung nicht der Öffentlichkeit zugänglich machte, zum anderen investierte sie nicht in die aktuellen, noch nicht etablierten Kunstrichtungen, sondern in Kunstschätze vor allem aus der italienischen Renaissance sowie vergangenen Jahrhunderten. Ihre Motivation war lediglich das Interesse und die Leidenschaft für die Kunst. Sie ging nicht das Risiko ein, zeitgenössische Kunst wie z.B. Werke der französischen Impressionisten zu kaufen. Sie sammelte Kunstobjekte, die ihr gefielen und die ihre Umgebung schmücken sollten. Ihre Sammelleidenschaft war geleitet von ihrem Interesse für die Bildende Kunst; kunstfördernde Absichten hatte sie in diesem Bereich allerdings nicht.
Fördernden Absichten zusammen mit dem Bewußtsein, die Entwicklung der Gesellschaft voranzutreiben, waren die Grundlage für ihr Engagement im Bereich des Kunstgewerbes. Hier äußerte sich ihr Einsatz vor allem bei der Gründung des Berliner Kunstgewerbemuseums. Zum Zeitpunkt von Victorias Eintreffen in Berlin war das deutsche Kunstgewerbe noch sehr rückständig im Vergleich zu Frankreich und England. Aus diesen beiden Ländern kamen die meisten Kunstgewerbeobjekte, die die Bürgerhäuser schmückten. Zu einem großen Teil ist es der Initiative Victorias zu verdanken, daß das Kunstgewerbe in Preußen wieder wie zu Zeiten Karl Friedrich Schinkels an Bedeutung gewann. Die Reichsgründung 1870/71 trug ebenfalls zu einer Konjunktur im Kunstgewerbe bei, da mit ihr der wirtschaftliche Aufschwung Preußens, respektive Deutschlands einsetzte.
Victorias Absicht war, das Gewerbe zu stärken und dadurch das wirtschaftliche Wohlergehen Preußens zu verbessern und sein Prestige zu erhöhen. Diese Möglichkeit sah sie in ihrem Einsatz für das Kunstgewerbe, welcher gleichzeitig positive Auswirkungen auf die Frauen hatte, da dies eines der ersten Gebiete war, in welchem sie einen Beruf ergreifen konnten. Obwohl ihrem Engagement gute Absichten sowohl für die Gesellschaft als auch für das wirtschaftliche Wohl des Landes zugrunde lagen, wurde sie zeit ihres Lebens mißtrauisch als Ausländerin angesehen und kritisch beurteilt, vor allem wegen ihrer liberalen politischen Einstellung, die mit der Bismarcks kollidierte.
Neben der Kunst, die sie schon aufgrund ihrer Repräsentationspflichten und Friedrichs Position als Protektor gut kannte, zählte der Bereich der Frauenbildung zu ihrem
Interessengebiet. Die Situation der Frauenbildung war infolge der aufkommenden Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland mehr und mehr in die Kritik geraten. Ihre liberale Einstellung ließ sie die sozialen Mißstände Preußens erkennen und leitete sie bei ihrem Einsatz für die Frauenbewegung.
"Der Kronprinzessin lagen vor anderen Dingen die sozialen Aufgaben der Zeit am Herzen. die erste Anregung dazu hatte der Vater ihr gegeben, der in England der Urheber sozialer Tätigkeit gewesen ist. In Deutschland stand man noch in den Anfängen. Frauenfrage, Arbeiterfrage, Wohnungsfrage, Arbeiterversicherung waren, als sie kam, fast unbekannte Dinge. Diese hat sie mit größtem Eifer gepflegt. Sie hatte eine aufrichtige Liebe zum Volk, die sich durch nichts [...] beirren ließ, sondern sie immer von neuem zu hülfreicher Tätigkeit antrieb."[410]
Ihre Hilfe ließ sie der Frauenbewegung nicht nur durch die Übernahme von Protektoraten oder finanziellen Zuschüssen angedeihen, sondern sie stand den führenden Frauen als Ratgeberin zur Seite. Sie hatte eine außergewöhnlich breitgefächerte Bildung in ihrem Elternhaus genossen, die es ihr ermöglichte, die Mängel in der Stellung der Frau innerhalb der deutschen Gesellschaft zu erkennen und sie, soweit es in ihrer Macht stand, zu beheben. Ihre liberale, emanzipatorische Einstellung war neben ihrer Erziehung zu einer eigenständig denkenden Frau einer der wesentlichen Gründe für sie, den preußischen Frauen ihre Hilfe anzubieten.
Ihr Einsatz im Bereich der Krankenpflege und der Gesundheitslehre stand durchaus in der Tradition der Fürsten und muß daher nicht gesondert hervorgehoben werden; Dennoch waren ihr Ideen für preußische Verhältnisse sehr progressiv, so daß ihr häufig Mißtrauen entgegengebracht und ihre Hilfe abgelehnt wurde. Ihre Anstrengungen gingen dagegen über das übliche hinaus.
"Die Kronprinzessin erkannte nach ihrem eigenen Worten den schönsten Lebensberuf einer Fürstin in der unermüdlichen Thätigkeit für die Verbesserung der gesamten Lebenslage der notleidenden Klassen."[411]
Sogar nachdem sie aller repräsentativen Ämter in Berlin durch ihren Sohn und neuen Kaiser Wilhelm II. enthoben worden war und Berlin verlassen mußte, setzte sie ihr Engagement in Kronberg fort. Einerseits im Bereich der Kunst, wie der Erhalt der historischen Bauten zeigt, andererseits weiterhin in der Frauenförderung, in der Verbesserung des Gesundheitswesens und der Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek.
All dies zeigt, daß ihr Handeln keine persönlichen Ziele hatte, sondern allein dem Allgemeinwohl der Bevölkerung und dem Ansehen Deutschands dienen sollte. "Der Parteien Haß und Gunst hat sie bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Aber in Zeitideen und Institutionen lebt ihr Wollen weiter;"[412] Sie verlangte keine Gegenleistung von den Institutionen oder Personen, die sie unterstützte. Ihr Einsatz kann somit als uneigennützig definiert werden und entspräche demzufolge der Definition von Mäzenatentum als einer altruistischen Hilfe für die Gesellschaft in den Bereichen, in welchen Defizite auftauchen, die der Staat nicht in der Lage ist, zu beheben.
Sie engagierte sich, da sie die Notwendigkeit für Reformen erkannte. Ihr gesamtes Wirken galt stets der Verbesserung des Allgemeinwohls, sei es im Bereich der Bildung oder der Gesundheit. Auch ihre Tätigkeit für das deutsche Kunstgewerbe und der Aufbau eines Museums in Berlin zielt in diese Richtung, da der Aufschwung des Kunstgewerbes auch einen wirtschaftlichen Fortschritt nach sich zog.
Sicher läßt sich ihr Enthusiasmus als Kompensation für die nicht vorhandene politische Macht sehen. Dennoch bin ich der Ansicht, daß ihr Engagement auch als Teil dessen gesehen werden sollte, was sie verwirklichen hätte können, wäre ihrem Mann mehr Zeit als Herrscher geblieben. Ihre Förderung von Kunst und Wissenschaft hatte zum Ziel, die gesellschaftliche und soziale Situation Preußens zu verbessern, sowie sein Prestige innerhalb Europas zu steigern. Allerdings stand immer das Wohl der Menschen im Vordergrund.
Aufgrund ihrer politischen, für Preußen sehr liberalen Ansichten, war es ihr nicht vergönnt, die Anerkennung zu erhalten, die sie verdient hätte;
"Dabei hat sich die engl. Prinzessin wirklich um die Förderung der Kultur in Deutschland verdient gemacht, von der Körperhygiene bis zum Museumsbau. Durch Bismarcks Machtpolitik und Hofintrigen wurden ihre Kämpfe für Frauenemanzipation, freies Denken und die Förderung der Künste gekontert und scheiterten nach 1888 gänzlich."[413]
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