6. Witwenjahre in Kronberg

"In allen Zweigen der Wohltätigkeit, der Künste und der Wissenschaften versuche ich [Victoria] weiterhin mich zu betätigen."[323]
Nach dem Tod Kaisers Friedrich III. kam ihr Sohn Wilhelm II. an die Macht, der den Idealen Bismarcks teilte, und untersagte seiner Mutter Victoria von nun an jegliche repräsentative Funktion, die sie zuvor in Berlin inne gehabt hatte. Ihre Niedergeschlagenheit trat in ihrem ersten Brief an ihre Mutter nach dem Verlust ihres Mannes hervor:
"wir waren dem treu, was wir als Recht erkannt hatten, an das wir glaubten. Wir liebten Deutschland - und wünschten es groß, nicht nur durch das Schwert, sondern in allem, was Gerechtigkeit, Kultur, Fortschritt und Freiheit bedeutete. Wir wünschten das Volk glücklich und frei, in Wachstum und Entwicklung alles Guten zu sehen. Wir haben uns eifrig bemüht, zu lernen, zu studieren und uns für die Zeit vorzubereiten, die uns zum Werk an der Nation rufen würde. Viel Erfahrung hatten wir gesammelt! Bitter hart erkaufte Erfahrungen!! Und nun ist alles umsonst gewesen[...]"[324]
Sogar das kurz zuvor in Schloß Friedrichskron in Memoriam an Friedrich III. umbenannte Neue Palais mußte sie zwei Wochen nach dem Tod ihres Gatten verlassen - "Aus Friedrichskron soll ich heraus"[325] - , da Wilhelm II. es als Wohnort beanspruchte. Ihr blieben das Bad Homburger und das Wiesbadener Schloß sowie Schloß Charlottenburg, welche ihr jedoch alle nicht zusagten, so daß sie sich auf die Suche nach einer neuen Sommerresidenz machte.
Finanziell war sie nicht sehr gut gestellt, um sich eine Residenz kaufen oder bauen zu können. Jedoch erbte sie unverhofft durch den Tod ihrer langjährigen Genueser Freundin, der Herzogin von Galliera, ausreichend, so daß sie sich auf die Suche nach einem neuen Anwesen machte. Ihr Hofmarschall Freiherr von Reischach wurde 1888 in Kronberg fündig, wo sie die Villa Schönbusch des Frankfurter Bankiers Reiß erwarb. Kronberg hatte sie, als sie während des Deutsch-französischen Krieges bei ihren Lazarettbesuchen am Mittelrhein mit Standquartier in Bad Homburg ein Musterlazarett von Baurat Jacobi nach Victorias Maßstäben errichtet hatte, sowie bei Sommeraufenthalten im hessischen Schloß Homburg v.d.Höhe, welches seit 1866 zu den Sommerresidenzen der preußischen Könige gehörte, kennengelernt. Währenddessen besuchte sie unter anderem das Lazarett, welches im Hause des der Kronberger Malerkolonie angehörenden Malers Adolf Schreyer untergebracht war.[326]
Beim Abriß der Villa Reiß fand sich ein Denkmal Hartmuts XII. von Cronberg, angefertigt von dem baltischen Künstler Eduard Schmidt, welches die Kaiserin Friedrich der Stadt schenkte.[327]
Unterkapitel
6.1 Friedrichshof
6.2 Mäzenatische Aktivitäten
6.3 Schluß

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