3. Als Kronprinzessin am preußischen Hof

"Sie fragen mich in ihrem Briefe, was ich zu der Englischen Heirath sage. Ich muß beide Worte trennen, um meine Meinung zu sagen; das Englische darin gefällt mir nicht[...] Gelingt es daher der Prinzessin, die Engländerin zu Hause zu lassen und Preußin zu werden, so wird dies ein Segen für das Land sein. [...] Bleibt [...] unsere künftige Königin auf dem preußischen Throne auch nur einigermaßen Engländerin, so sehe ich unseren Hof von Englischen Einflußbestrebungen umgeben, ohne daß wir [...] irgend welche Beachtung in England finden, außer wenn die Opposition in Presse und Parlament unsere Königsfamilie und unser Land schlecht macht."[46]
Entgegen dieser Äußerung Bismarcks sahen die eher liberal ausgerichteten Politiker der Zeit in der Hochzeit der beiden eine große Hoffnung für ein vereinigtes liberales Deutschland; eine Vision, die sich jedoch nie verwirklichen sollte. "Als er [Prinz Friedrich Wilhelm] die englische Princess Royal heimführte, da erwartete die gesamte liberale Welt von seiner Herrschaft eine Zeit des Völkerglücks: denn noch galt England für das Mutterland der Freiheit [...]".[47]
Nach der Hochzeit zog das frisch vermählte Paar in Berlin vorübergehend in das Berliner Schloß, bevor sie im Kronprinzenpalais Unter den Linden und im Neuen Palais in Potsdam heimisch wurden. Im Berliner Schloß wurde selten gelüftet und Vicky vermißte die für sie alltäglich gewordenen Dinge wie fließendes Wasser, Seife und eine Kanalisation.[48] Für die Preußen waren dies überflüssige Neuerungen, mit deren Forderungen sie aneckte, denn sie wurden als Verschwendung angesehen und nicht im Hinblick auf Hygiene und Gesundheit gewertet. Es erschien ihnen wie ein Affront ihres Landes, welches von ihr offenkundig als rückständig dargestellt wurde.
"Es war schon bekannt geworden, daß [...] sie schon ganz bestimmte Ansichten nicht nur in politischen, sondern auch in vielen sozialen Fragen hatte, die mehr oder weniger in Konflikt mit preußischen Ideen und Traditionen standen. Ihre Gesichtspunkte in bezug auf weibliche Erziehung und soziale Brauchbarkeit gingen weiter als die deutschen Anschauungen, und ihr großes Interesse an literarischen und künstlerischen Fragen war oft dazu angetan, das zu übersteigen, was im allgemeinen in Preußen als rechtmäßiges Frauenreich anerkannt war. [...] Ihr Einfluß auf ihren Gatten war als bedeutend bekannt und wurde von dem Feudaladel und den amtlichen Kreisen mit dem äußersten Mißtrauen betrachtet, die sie verdächtigten, in ihr Adoptivland den Geist des englischen Liberalismus einzuführen, in dem sie erzogen war."[49]
Für die junge Vicky begann eine Zeit der Veränderungen, denn die gesellschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Preußen und ihrem Heimatland England waren gravierend. Seit dem Sieg 1815 bei Waterloo über Napoleon war England führende Exportnation. Die Industrielle Revolution brachte nicht nur wissenschaftliche und technologische Fortschritte, sondern ebenso bürgerlichen Reichtum mit sich. Das erstarkende liberale Bürgertum erhielt durch die parlamentarische Monarchie politisches Mitspracherecht. Den Schattenseiten, wie der sozialen Verelendung des Proletariats, versuchte man durch soziale Unterstützung entgegenzuwirken. Vicky jedoch - im Königshaus aufgewachsen - bekam von letzteren sicherlich nur wenig mit.
Preußen hingegen war noch nicht durch eine bürgerliche Industrie-, sondern durch eine Adelsgesellschaft geprägt. Auch der wissenschaftliche und technologische Rückstand war unübersehbar. Erst langsam setzte sich auch hier die Industrielle Revolution mit ihren Konsequenzen auf Wirtschaft und Gesellschaft durch, Preußen war auf dem Weg zur Industrienation. Die gesellschaftspolitische Entwicklung hinkte jedoch weit hinter der wissenschaftlichen zurück. Die Zeit bis zur Reichsgründung 1870/71 war gekennzeichnet vom steten Wechsel zwischen Fortschritt und reaktionären Rückschlägen in der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung.
Victorias Geringschätzung gegenüber Deutschland kam zu Tage, nachdem sie viele Jahre oftmals vergeblich versucht hatte, sich in ihrer neuen Heimat nicht nur einzuleben, sondern auch, Mißstände zu beheben, um dem Land wirtschaftlichen und sozialen Nutzen bringen. Aus einem Briefwechsel mit ihrem Sohn, zu jenem Zeitpunkt schon Kaiser Wilhelm II., ging ihre Verdrossenheit hervor:
"Aber leider kann ich die Meinung weder akzeptieren, daß die Regierungsform erstklassig ist noch die Entwicklung Eures Handels und der Landwirtschaft noch die sozialen Zustände bei Euch, selbst in der Kunst könnte ihr die anderen nicht schlagen - und Ihr seid rückständig in vielen Dingen, in denen zivilisierte moderne Nationen perfekt sein müssen[...] Ohne Zweifel hat Deutschland die größten Meister in der Musik gehabt. Aber nicht in der Malerei. Momentan sind Knaus und Menzel nicht besser als die französischen, spanischen und englischen Meister."[50]
Ein weiteres Problem, mit welchem sie sich konfrontiert sah, war Otto von Bismarck. Bismarck wurde 1862 preußischer Ministerpräsident und 1871 deutscher Reichskanzler, der die reaktionäre Partei energisch vertrat. Mit dem stand ihre von Albert geprägte liberale politische Einstellung im krassen Gegensatz. Bismarck ist dafür verantwortlich, daß sie zeitlebens in Berlin eine Fremde blieb. Denn mit seinen permanenten Intrigen gegen sie unterdrückte er die politische Gefahr, die sich durch die kluge, liberal eingestellte Prinzessin hätte anbahnen können. Das Verhältnis der beiden war von Haß durchdrungen, und dieses sollte ein Leben lang anhalten - Bismarck stellte sie stets als "die Engländerin" hin; Sie ging sogar soweit, auf die Frage nach dem Hochzeitsgeschenk für ihre jüngere Schwester Helene mit den Worten "Schenken wir ihr Bismarcks Kopf auf einem Tablett"[51] zu reagieren.
In manchen Ideen war die Kronprinzessin ihrer Zeit so weit voraus, daß ihre Mutter ihr vorwarf, sie sei "so außerordentlich radikal, daß Du im Grunde Deines Herzens sogar eine Republikanerin zu sein scheinst."[52]
Ihr Bestreben zusammen mit ihrem Gatten Friedrich um eine fortschrittlichere und liberalere Innenpolitik, eine Verbesserung auf pädagogischem und sozialem Gebiet wie der Erziehung und Bildung, sowie das Bemühen, neue Erkenntnisse in der Gesundheitspflege umzusetzen, stießen bei der ultrakonservativ eingestellten Regierung auf Widerwillen und Gegenwehr. Ihre größte Hoffnung, ein liberales Regierungssystem in Preußen zu verwirklichen, sollte nicht in Erfüllung gehen. "Sie glaubte an die Macht sozialer und künstlerischer Ideale, hoffte mediceische Tage wiederherstellen zu können, als der Zeitgeist die praktische Vernunft und die scharfkantige Logik einer Realpolitik auf den Thron erhob."[53]
Trotz aller Probleme in der Berliner Gesellschaft war das Eheleben des Paares sehr harmonisch, dem Vickys Eltern vergleichbar. Sie vergötterte ihren Mann und zusammen mit ihren insgesamt 8 Kindern erfreuten sie sich an ihrem unversehrten Familienleben. Victorias Kammerherr, Gustav zu Putlitz, urteilt über die Ehe: "Die beiden Naturen ergänzen sich vortrefflich, und der gegenseitige Einfluß ist im besten Sinne unverkennbar."[54] Aber es wurden auch negative Stimmen laut, denen zufolge ihr starker Charakter ihren Mann bevormunden und ihn zu sehr in die englische liberale Richtung lenken würde. "Man sah schon damals deutlich, daß sie den Gemahl völlig beherrschte und in ungünstigem Sinne beeinflußte."[55] Ihr Gemahl Friedrich Wilhelm - mit Kosenamen auch Fritz gerufen - sah in ihrer Festigkeit die positive Unterstützung in der ausweglosen politischen und gesellschaftlichen Situation, in der sich die beiden befanden. "Frauchen ist mein treuester Ratgeber, meine ganze Stütze, mein unermüdlicher Tröster, wie's keine Worte auszudrücken vermögen. Unsere Stellung ist aber furchtbar!",[56] denn sie hatten keinerlei politisches Machtbefugnis. Er hatte nur repräsentative Aufgaben inne, wie das Protektorat über die preußische Abteilung bei der Teilnahme an der 1867 in Paris stattfindenden Weltausstellung oder die Repräsentanz bei der pompösen Eröffnung des Suez-Kanals 1869.[57] Ihm wurde keine politische Aufgabe zugebilligt. Diese politische Ohnmacht steigerte sich mit der Reichsgründung 1871, als Fritz das Amt des Protektors der Königlichen Museen anvertraut bekam.
Seinen Ruhm verdankte er seinen militärischen Erfolgen, die er als Heerführer bei den Kriegen, die zur Einigung Deutschlands führten, errungen hatte.[58] Darüber hinaus jedoch verwehrte man ihm jegliches politische Mitspracherecht, da seine liberalen Ansichten nicht mit denen seines Vaters übereinstimmten. So hoffte das Kronprinzenpaar, seine politischen Grundanschauungen durchsetzen zu können, sobald dieser verstorben war. In der Zwischenzeit konnten sie nichts unternehmen als warten.
Vicky fühlte sich nicht nur aufgrund der politischen Handlungsunfähigkeit am preußischen Hof unwohl. Auch "die Einfachheit, die damals in Berlin [...] herrschte, im Gegensatz zu dem Luxus und den großen Verhältnissen, an die sie aus ihrem Elternhause gewöhnt war" war augenscheinlich.[59] Strenge, fast militärische Etikette war Pflicht und an den ständigen Pflichtempfängen, Theaterbesuchen und Soireen fand sie kein Gefallen gleich ihrem Vater, der diese Art der gesellschaftlichen Zerstreuung mied.
"Das Käfigleben am Berliner Hof empfand Vicky als öde und leer. 'Aus Vergnügen , Theater, Gesellschaften etc[...].mache ich mir nichts - hasse u. fliehe das alles vielmehr - die frivole nutzlose Existenz die man hier führt in ihrer tötenden Monotonie finde ich geradezu vernichtend für Geist u. Körper."[60]
Sie bevorzugte die Gesellschaft von Gelehrten aus Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Kunst. Sie lebte nach dem Grundsatz ihres Vaters, demzufolge "Fürsten und ihre Nachkommen [...] gut daran täten, engen Kontakt zu den Leuchten der Wissenschaft - meist bürgerlich - zu pflegen."[61] Sie und ihr Gatte waren eng mit den führenden Liberalen Berlins befreundet. Dazu zählten Conrad Ferdinand Meyer, Gustav Freytag, Max Müller, Sir Robert Morier, Max Duncker, Moritz August von Bethmann Hollweg, Heinrich Friedberg, Baron Ernst von Stockmar - Sohn des engsten Beraters ihres Vaters, der ihr Privatsekretär war.[62] Dazu gehörten auch der Führer der katholischen Opposition im Reichstag, Ludwig Windthorst und der ihr seit der Kindheit bekannte deutsche Chemiker August Wilhelm Hofmann. Bei diesem hatte sie, nachdem er nach London gezogen war und dort zusammen mit Albert das Royal College of Chemistry aufgebaut und 20 Jahre geleitet hatte, studiert. Die Freundschaft zwischen den beiden dauerte ein Leben lang an, zumal er 1863 wieder nach Berlin übersiedelte und 1867 als Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften die Deutsche Chemische Gesellschaft nach dem Londoner Vorbild gründete. Seine 3 Bände umfassenden Gedächtnisreden "Zur Erinnerung an vorangegangene Freunde" widmete er 1888 "Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Friedrich",[63] wobei er im Vorwort besonders Vickys Ausdauer und Fleiß beim Lernen der Chemie hervorhob und sie als eine "hochherzige Beschützerin der Wissenschaft"[64] betitelte.
All ihre Freunde waren liberale Intellektuelle, die Victorias Bildung weiter vervollständigen konnten, wie zwei ehemalige Erzieher ihres Mannes, Prof. Schellbach und Ernst Curtius (Archäologe und Althistoriker). Auch mit den Historikern Carl Ferdinand Ranke und Johann Gustav Droysen, dem Gelehrten Johannes Brandis und dem Philosophen Karl Werder stand sie in engem Kontakt. Es war das erste Mal, daß "sich in Preußen eine Prinzessin mit Intellektuellen umgab - sollte das einen Skandal verursachen, so würde sie wenigstens von so guter Gesellschaft profitieren."[65] So waren
"Ihre [Victorias] Feste, [...] ein Vereinigungspunkt aller hervorragenden Künstler, Gelehrten, Industriellen. Nicht Geburt und Rang waren die Bedingungen zum Zulaß zu denselben, sondern Talent, Genie, geistige Leistungen; wurde doch ihr Hofhalt der 'medicäische Hof' genannt."[66]
"Kein anderer Hof ist jedermann so zugänglich, so liberal und gastfreundlich. Wir empfangen jeden Beamten der Regierung, jeden Künstler oder Wissenschaftler[...].In Wien, Dresden, Weimar[...].wäre so etwas unerhört, kein Bürgerlicher ist dort hoffähig."[67]
Dennoch sah Vicky ihre Rolle durchaus auch als Ehefrau ihres Mannes und Mutter ihrer gemeinsamen Kinder. So schrieb sie, die politisch progressive Frau, die die untergeordnete Rolle der preußischen Frau in der Gesellschaft anprangerte, an ihren Mann, sie müsse sich bemühen, ihm nicht " einige Dutzend mal am Tag sagen zu können daß ich [...].darauf rechne alle 2 Jahre ein liebes Baby an der Brust zu haben um glücklich zu sein."[68] Für sie war das Mutterglück und das Leben als Ehefrau nicht automatisch gleichbedeutend mit Unterdrückung und der Unfähigkeit, eine eigene Meinung - auch in politischen Fragen - zu äußern.[69]
Die flüchtige Hoffnung auf einen bevorstehenden Thronwechsel, ausgelöst durch das Attentat 1878 auf den 82jährigen extrem konservativen Kaiser Wilhelm I., der seinem Bruder 1861 auf den Thron gefolgt war, zerplatzte schnell wie eine Seifenblase. Der Kronprinz wurde nur mit der wenige Monate dauernden Stellvertretung in den Reichs- und den preußischen Regierungsgeschäften betraut. Dies bedeutete für ihn, die Politik seines Vaters unverändert weiterzuführen und so dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, der ab 1867 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes wurde, noch mehr Macht einräumen zu müssen.[70] Mit der Kaiserproklamation wurde Bismarck 1871 Reichskanzler und das Kronprinzenpaar fortan mit der Anrede Kaiserliche Hoheit angesprochen. Aber eine Übernahme der Herrschaft war noch lange nicht in Sicht, denn sein Vater regierte noch bis 1888. Als der 91jähriger Monarch endlich starb und das lange Warten von Victoria und Friedrich ein Ende hatte, war Fritz bereits unheilbar an Krebs erkrankt und starb wenige Monate nach Besteigung des Throns am 9. März 1888.
Die Umsetzung der konstitutionellen Monarchie mit einer liberalen Wirtschaftsordnung wurde den beiden verwehrt, denn nun kam ihr Sohn Wilhelm II. an die Macht, der jedoch andere politische Ambitionen hatte als seine Eltern.[71]
Nachdem ihr Mann seinem Krebsleiden erlegen war, zwang Victorias Sohn und neuer Kaiser Wilhelm II. sie knapp zwei Wochen danach, Friedrichskron zu verlassen, da er die Absicht hatte, dort einzuziehen. Sie beschloß, ganz aus Berlin fortzugehen und suchte sich eine neue Sommerresidenz, wo sie das Andenken an ihren Mann pflegen und weit weg von den Streitigkeiten Berlins in Ruhe leben konnte. Sie wurde schließlich in Kronberg im Taunus fündig, einem Ort, den sie während ihrer vorhergehenden Aufenthalte im Bad Homburger Schloß kennengelernt hatte.

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