2. Jugendjahre am königlichen Hof in Großbritannien

"Die Erziehung der Prinzessin wurde von dem Vater mit dem bestimmten Hinblick auf die einer preußischen Königin zufallenden Aufgaben geleitet. Ihre außerordentliche und vielseitige Begabung gestattete eine mannigfaltige, gründliche und auch auf deutsche Politik und Volkswirtschaft ausgedehnte Bildung."[13]
Victoria Kaiserin Friedrich, geboren am 21. November 1840 und getauft auf den Namen Victoria Adelheid Marie Luise Princess Royal, war die älteste Tochter von Königin Victoria von Großbritannien und Irland, der Nichte Wilhelms IV., Herrscherin über ein Reich, in dem "die Sonne nie unterging"[14], und ihrem Mann Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha. Von ihren Eltern und ihrem zukünftigen Mann Vicky genannt, wuchs sie unbehelligt im königlichen Elternhaus auf.
Sowohl zu ihrer Mutter, die 1837 den englischen Thron bestieg, als auch zu ihrem Vater hatte Vicky eine sehr enge Bindung. Jedoch war es letzterer, der ihr zukünftiges Leben prägte. Albert übernahm die Erziehung und den Unterricht seiner Erstgeborenen, zu welcher er ein außergewöhnlich inniges Verhältnis hatte, vermutlich da sie "von allen Kindern [...] dasjenige [war], das wohl im weitesten Umfange dessen künstlerische und geistige Begabung geerbt hat."[15]
Die vermeintlich politische Ehe von Königin Victoria und Albert war dennoch sehr glücklich, so daß sich ihr harmonisches Familienleben positiv auf Vickys Entwicklung auswirkte. Albert, der in den Anfangsjahren in Großbritannien gegen die Vorurteile Ausländern gegenüber anzukämpfen hatte, gelang es im Laufe der Zeit mit Bescheidenheit, Intelligenz und Arbeitseifer, nicht mehr nur Ehemann der Königin zu sein, sondern als politischer Berater bzw. Privatsekretär für die Staatsgeschäfte akzeptiert zu werden.[16] Auch Benjamin Disraeli urteilte nach dem Tod Alberts: "Wir haben unseren Souverän begraben; dieser deutsche Prinz hat England 21 Jahre lang mit einer Weisheit und Energie regiert, wie sie keiner unserer Könige jemals gezeigt hat."[17] Ebenso im familiären Leben: Er setzte sich als Lehrer und Erzieher der Kinder an die Stelle einer Gouvernante. Sich selbst charakterisierte er gegenüber dem Herzog von Wellington als "Gatten der Königin, Hauslehrer der königlichen Kinder, Privatsekretär des Souveräns und ihr permanenter Minister".[18]
Da sein Einfluß auf Vicky im Hinblick auf ihr zukünftiges Leben als preußische Kronprinzessin nicht zu überschätzen ist, werde ich im folgenden seine wesentlichen Taten und Eigenschaften darstellen. Denn "sie that in Preußen dasselbe, was ihr geistvoller Vater, der Prinz Gemahl Albert für sein neues Vaterland England gethan [...]".[19]
Albert gehörte zu den Liberalen des Vormärz, und sein großer Traum war die deutsche Einigung in Form einer konstitutionellen Monarchie unter der Führung Preußens mit einem liberalen Wirtschaftssystem. Ihm erschien das englische parlamentarische System perfekt. Diese politischen Ansichten zur Zukunft Deutschlands lehrte er seiner Ältesten, die jedoch nach ihrer Hochzeit eben aufgrund dieser ihr 'eingeimpften' politischen Sichtweisen in Berlin mit sehr großen Konfrontationen zu kämpfen hatte.
Alberts und Victorias Tochter wuchs am englischen Hof umgeben von deutscher Kunst auf und erbte 1837 bereits einige deutsche Gemälde von Ulrich Apt, Georg Pencz, Hans Holbein d.J. und auch Lucas Cranach, den Albert besonders bewunderte.[20] Albert hat seine Frau Victoria nirgendwo "so nachhaltig beeinflußt wie in der Entwicklung ihrer Kunstideale und ihrer Einstellung gegenüber den Künstlern, die für sie arbeiteten."[21]
Sie war - wie künftig ihre Tochter - leidenschaftliche Sammlerin von Porträts, wobei sie deutsche Künstler bevorzugte, wie Franz Xaver Winterhalter, der Hofmaler in London wurde; Später stiegen auch englische Maler in ihrer Gunst und erhielten Aufträge vor allem von Porträtdarstellungen.
Albert, "der den Kunstsinn des englischen Volkes weckte und ausbildete"[22], sammelte bereits sehr früh Gemälde, Kopien, Stiche und Zeichnungen unterschiedlicher Künstler, vor allem von seinem Favoriten Raffael. Die große Anzahl von dessen Werken, die heute im Britischen Museum hängt, geht auf ihn zurück.
Von Beginn an pflegte der Prinzgemahl den Aufbau der Royal Collection.[23] Es ist sein Verdienst, daß die Sammlung in beträchtlichem Maß angewachsen ist.[24] Eine deutsche Note erhielt die Royal Collection durch Prof. Ludwig Gruner, den Freiherr von Stockmar, der Berater des Königspaares, in Absprache mit Prinz Albert am Hof als professionellen Berater in künstlerischen Fragen einführte. Diese Funktion behielt er noch nach seiner Ernennung zum Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts inne.
Seit 1844 war Albert Vorsitzender der Royal Arts Commission und zuständig für die Ausstattung des neu gebauten Parlaments mit Fresken, wobei die in Regensburg 1841 errichtete nationale Ruhmeshalle Walhalla als Vorbild diente.[25] Ursprünglich hatte er für diesen Auftrag deutsche Künstler vorgesehen, jedoch änderte er aufgrund seiner Stellung seine Ansicht, und so wurden englische Künstler mit dem Plan beauftragt. Auch ist es ihm zu verdanken, daß die deutsche Musik in England hoch geachtet wurde. Er war mitverantwortlich bei der Auswahl der Programme für Konzerte der Philharmonischen Gesellschaft.[26]
Er war umfassend gebildet in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Industrie, so daß es nicht verwunderlich scheint, daß er es war, der die internationale Weltausstellung 1851 erstmals in London ins Leben gerufen und organisiert hat. Grundidee der Ausstellung war, eine Symbiose aus technischem Fortschritt, Kunst und sozialen Verbesserungen der Welt entgegen aller Unkenrufe der Bevölkerung vorzuführen.[27]
"Albert besiegt alle Widerstände, und die internationale Weltindustrieausstellung gestaltet sich zu einem großen, ja überwältigenden Erfolg. [...] Die Tatsache, daß man den Gedanken der Ausstellung so bekämpft hat und ihr nun doch ein so glänzender Erfolg beschieden ist [...],"[28]
hob sein Ansehen bei der englischen Bevölkerung beträchtlich an.
Alberts Ziele, die er durch seine Tochter in Deutschland verwirklicht sehen wollte, waren die Durchsetzung des englischen Liberalismus; ein Vorhaben, welches von Anfang an aufgrund der komplizierten deutschen Verhältnisse zum Scheitern verurteilt schien. Diese waren ihm durchaus bekannt und so ist es verwunderlich, daß er Vicky trotzdem ein irreales, nahezu idealisiertes Bild von Preußen vermittelte. Ein Konflikt, dem seine Tochter nach ihrer Hochzeit in Berlin ausgesetzt war.
Vicky fiel schon früh durch ihre hohe Begabung auf. Bereits als Dreijährige sprach sie nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch und Französisch "mit großer Geläufigkeit und gewähltem Ausdruck"[29]. Albert erkannte in Vicky ihre herausragenden Fähigkeiten. Schon
"als sie 14 war, durfte sie neben Alberts Schreibtisch sitzen und ihm helfen. [...] 'Sie hat den Kopf eines Mannes und das Herz eines Kindes', charakterisiert Albert sie. Mit ihr konnte er reden, konnte ihr gelegentlich sein Herz weiter öffnen als ihrer Mutter, sie verstand ihn, sie war sein anderes Ich."[30]
Ihrer Erziehung widmeten sich neben ihrem Vater nur die besten Lehrer und Wissenschaftler Englands. Es scheint, daß die Idee zur Hochzeit mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen sehr früh in Albert aufkam, denn er vermittelte seiner Tochter von Kindesbeinen an seine Vorstellungen im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich. Wir wissen von Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, "daß diese Verbindung seit der Geburt der Prinzessin ein Lieblingsplan des Königs war [...]".[31] Prinz Albert unterrichtete sie täglich abends ein bis zwei Stunden in Politik und Geschichte zur Vorbereitung auf ihre künftige Stellung als Königin. "Sie [Vicky] kommt nun alle Abende von sechs bis sieben Uhr zu mir, wo ich eine Art allgemeiner Katechisierung vornehme."[32] "Vicky war in letzter Zeit mit einer englischen Übersetzung von Droysens 'Karl August' beschäftigt, die fast vollendet ist."[33] Christian Friedrich Freiherr von Stockmar, der Albert und seiner Frau viele Jahre als Berater zur Seite stand, hielt Vicky für "ungewöhnlich begabt, in einigen Bereichen fast genial"[34] "Sie [Vicky] erzählte gern [...] wie Prinz Albert bis ins einzelne ihre geistige Entwicklung überwacht habe, wie er sie Geschichtsübersichten habe anfertigen und die Dispositionen von Parlamentsreden habe ausziehen lassen."[35]
Über ihre musikalische Ausbildung am englischen Hof wissen wir wenig, jedoch ist ihre künstlerische geprägt durch den väterlichen Einfluß. Schon im Alter von 3 Jahren erhielt sie von den Künstlern Unterricht, bei denen ihre Eltern Werke in Auftrag gaben, wie der Maler William Leighton Leitch oder seit 1852 der Historienmaler Edward Henry Corbould (1815 - 1905).[36]
So übte sie die Malerei und Bildhauerei, auch geleitet durch Albert, schon im Kindesalter aus[37], pflegte jedoch ebenso den theoretischen Unterricht durch Besuche von Ausstellungen ebenso wie "alten englischen Königsschlössern, von welchen eine vielhundertjährige Geschichte mächtig zu ihr sprach."[38] "Der eigentliche Unterricht umfaßte in gleicher Weise alle Zweige einer hohen Bildung und pflegte die künstlerischen Anlagen nach allen Richtungen hin."[39]
Auch die "Mußestunden wurden gern mit Zeichnen, Malen oder Radieren verbracht, in Windsor saß Albert in seiner Freizeit meistens in der Bibliothek und ermunterte auch die Kinder [...], die Bücher zu nutzen."[40] "Schon in ihrem zehnten Lebensjahr habe sie [Vicky] von ihrem Taschengeld immer nur Bücher gekauft."[41]
Vicky hat die Erziehung des Vaters genossen und versuchte, all sein umfassendes Wissen in sich aufzunehmen.
Victorias soziales Engagement, daß sie ihr ganzes Leben hindurch auszeichnete, hatte offenbar ebenfalls ihr Vater etabliert, der sich besonders mit den sozialen Problemen, die durch den Fortschritt, den die Industrielle Revolution mit sich gebracht hatte, ausgelöst worden waren. Einerseits ermöglichte sie Englands Spitzenstellung in Weltpolitik und Wirtschaft, zog jedoch auf der Schattenseite katastrophale Verhältnisse der Arbeiterklasse mit sich. Der Prinzgemahl versuchte, die Not durch staatliche Hilfe zu lindern und galt seither als der Wegbereiter des sozialen Wohnungsbaus. Außerdem organisierte er Schulen für Arbeiterkinder und ermöglichte ihnen so eine bessere Ausbildung. Vickys jugendliches Engagement in der Krankenpflege läßt sich wohl auf die Taten ihrer Eltern zurückführen, die sie beide schon im Kindesalter zu wohltätigem Handeln erzogen haben.[42]
Die Idee der Vermählung mit dem preußischen Prinzen Friedrich Wilhelm nahm während der ersten Weltausstellung 1851 konkrete Formen an. Die 11jährige Vicky lernte dort den jungen Prinzen kennen und führte ihn fachmännisch durch die Ausstellung. Wie oben erwähnt, war sie hierzu aufgrund der Bildung, die ihr Vater ihr mit auf den Weg gegen hatte, befähigt und weil wir annehmen können, daß sie die Vorbereitungen, die 1849 begonnen hatten, miterleben durfte. Friedrich verliebte sich in die junge Engländerin und machte ihr 1855 einen offiziellen Antrag. Nach einer Wartezeit heirateten die beiden 1858 und obwohl es eine politisch orientierte Verbindung war, entstand daraus wie auch schon bei Victoria und Albert eine Liebesehe. "Es war nicht Politik, es war nicht Ehrgeiz, es war mein Herz", so Fritz' Worte über seine Frau.[43]
Ihr Ehemann Friedrich Wilhelm, geboren am 18. Oktober 1831 als ältester Sohn des Prinzen Wilhelm I., der durch den Tod seines Bruders, des Königs Friedrich Wilhelm IV. 1858 zum Regenten und 1861 zum König von Preußen wurde, erfuhr eine typisch preußisch ausgerichtete militärische Erziehung. Jedoch wurde er durch seinen Lehrer, den Archäologen Ernst Curtius, von 1844 an auch in künstlerischer Hinsicht gebildet. Durch den Tod des liberalen Wilhelm IV. wurden anstelle der liberalen nun konservative Minister in die Ämter gehoben, was für das frisch vermählte Paar die Hoffnungen auf ein liberales Deutschland schwinden ließ.
Prinz Friedrich Wilhelms politisches Denken war wie das des Prinzgemahls geprägt vom Liberalismus. Auch er strebte einen kleindeutschen Nationalstaat unter preußischer Führung an.[44] Dies mag zum Teil an dem Einfluß Alberts liegen, der ihm in der 3jährigen Wartezeit bis zur Hochzeit regelmäßig in Briefen seine Gedankenwelt darlegte. So schrieb Albert an Friedrich, der sich zuvor über die reaktionären Verhältnisse in Berlin beschwerte, daß "Preußen in Deutschland aufgehen [möge] und nicht Deutschland in Preußen"[45] und versprach, nach seiner Machterlangung im Sinne Alberts zu regieren. Dazu jedoch sollte es in der Realität aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände nie kommen. Diese politische Richtung des zukünftigen preußischen Kronprinzenpaares brachte die beiden in Berlin in argen Konflikt mit den konservativen bis reaktionären Preußen.

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