1. Einleitung

"Wenn der Bildhauer, [...] das ihr [Victoria] gebührende Denkmal zu fertigen [...] die Allegorie zu Hilfe nehmen würde, dann müssten zwei Gestalten vor Allem seiner Phantasie lebendig werden: Die Charitas, von Frauen und Mädchen umgeben, die dankbarlich zu ihr, als der Retterin aufschauen, und die Kunst, die das Handwerk in die lichten Höhen des Geistes führt." [1]
Kaiserin Friedrich war die Frau Kaiser Friedrich III., der 1888 für die kurze Dauer von 99 Tagen deutscher Kaiser war. Wegen der kurzen Regierungszeit ihres Mannes wurde bisher angenommen, Victorias Einsatz für gesellschaftliche und soziale Neuerungen sei von geringem Ausmaß gewesen. Dies trifft bei näherer Untersuchung ihrer Aktivitäten nicht zu. Ihr Einsatz bei der Entstehung und Entwicklung unterschiedlicher, teilweise noch heute existierender Institutionen auf den Gebieten der Kunst, Wissenschaft und Bildung war beachtlich. Trotz aller Kritik an ihrer Person gelang es ihr zumindest auf einigen Gebieten, ihre Reformvorschläge durchzusetzen.
In dieser Arbeit soll ihr unermüdlicher Einsatz sowohl für die Bildende Kunst und das Kunstgewerbe als auch für die wesentlichen frauenfördernden Institutionen in den Blickpunkt gerückt werden.
Dabei sind ihre Biographie und die kultur- und geistesgeschichtliche Einordnung ihrer vielfältigen Aktivitäten in die Zeitgeschichte die Grundlagen. Victoria Kaiserin Friedrich war die älteste Tochter von Königin Victoria von England und Prinz Albert von Sachsen-Coburg. Sie heiratete den Prinzen Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich III., und wurde dadurch preußische Kronprinzessin. Als sie nach ihrer Hochzeit in Preußen eintraf, muß ihr das Land sehr rückständig vorgekommen sein, denn England war - aufgrund seiner industriellen Entwicklung seit 1815 - sowohl auf wissenschaftlichem als auch auf technischem Gebiet weiter fortgeschritten, was sich auch im gesellschaftlichen Leben widerspiegelte.
In Berlin angekommen, engagierte sie sich in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Bildung für eine Verbesserung der Situation, angeleitet durch ihre fundierte Ausbildung, die sie unter anderem ihrem Vater verdankte.
Trotz ihrer guten Absichten wurde sie oft verleumdet, dies jedoch vor allem aus zwei Gründen. Zum einen war sie eine Frau und ihre Rolle in Preußen demzufolge die einer guten Gattin, Hausfrau und Mutter, welche keinerlei Einmischung in politische Fragen erlaubte. Helene Lange machte in ihrer Denkschrift über Kaiserin Friedrich diesen Zwiespalt deutlich:
"Eine Frau mit selbständigen politischen Ansichten, die Mächte dem Thron, in der Bismarckschen Aera! Die Prinzeß Royal von England, die ein weitblickender Vater schon als halbes Kind mit in das Parlament genommen hatte, um sich nachher von ihr die Dispositionen der gehörten Reden geben zu lassen und ihr politisches Urteil zu bilden, am preußischen Hof!"[2]
Zum anderen stammte sie aus England und wurde in Deutschland fortdauernd als Ausländerin behandelt, obwohl ihre Mutter selbst eine Coburgerin als Mutter und auf der väterlichen Seite hannoversche Vorfahren hatte. Man sah in ihr eine politische Gefahr, da sie aus dem liberalen England mit einer konstitutionellen Monarchie als Regierungsform kam, während Preußens politisches, soziales und kulturelles Leben noch vom Adel geprägt war. Das Mißtrauen, welches ihr entgegengebracht wurde, ließ auch im Laufe der Zeit nicht nach, zumal sie offen ihre politischen Ansichten, die sehr wahrscheinlich auf diejenigen ihres Vaters zurückgingen, kundtat. Widersinnig an dieser zwiespältigen Situation war, daß auch ihr Vater ähnlichen Problemen in England nach seiner Hochzeit ausgesetzt gewesen war und eigentlich hätte voraussehen müssen, wie die Zukunft seiner Tochter als preußische Prinzessin aussehen würde.
"In Vicky überschneiden sich altpreußische Vorurteile gegen die westliche Zivilisation und deutschnationale Aggressivität gegen alles Fremde. Es ist bemerkenswert, wie kontinuierlich Bismarcks Verdikt über seine mächtigste innenpolitische Gegnerin in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen seine Geltung erhielt."[3]
Nach der Hochzeit waren die Ziele des Paares von Anfang an, in Preußen ein fortschrittliches, konstitutionelles Regierungssystem einzuführen. Aufgrund des frühen Todes Friedrichs III. konnten sie diese nicht verwirklichen. Statt dessen etablierte sich unter Bismarck ein reaktionärer Militärstaat und eine Kanzlerdiktatur, unter welcher Meinungsfreiheit wie Parlamentarismus unterdrückt wurden. Ursache hierfür war im Grunde lediglich ein ungünstiger Verlauf, denn Victorias Schwiegervater Kaiser Wilhelm I. regierte bis zum seinem Tod im Alter von 91 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war der Tod ihres Mannes Kaiser Friedrich III. vorauszusehen. So kam ihr 29jähriger Sohn Wilhelm, nun Kaiser Wilhelm II., an die Macht. Dieser hatte sich Bismarcks Ideen verschrieben und teilte nicht die Ansichten seiner liberalen Eltern.
Die ersten Kapitel sollen die biographische Grundlage schaffen und die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Berlin und London kurz aufzeigen. Weiteres Augenmerk liegt auf der ganzheitlichen, reformatorischen Erziehung, die Victoria von ihrem Vater Prinz Albert erfahren hat. Dessen kulturpolitische Bestrebungen in London waren zukunftsweisend für seine Tochter. Immer wieder läßt sich feststellen, daß sein Einfluß auf Victoria prägend für ihr späteres Leben in Preußen war.
Im Anschluß wird untersucht, inwiefern sich ihr Engagement zusammen mit ihrem Mann im Bereich der Kunst in Berlin ausgewirkt hat, vor allem wegen der engen Freundschaft zu dem "Museumsmann" Wilhelm von Bode.
Dabei fällt besonders ihre Vorliebe für das Kunsthandwerk bzw. die Gründung des Berliner Kunsthandwerksmuseum ins Auge. Die bedeutendsten Kulturprojekte, mit denen sich ihr Name in Verbindung bringen läßt, werden in chronologischer Reihenfolge dargestellt. Bei allen Projekten steht im Mittelpunkt, welche Möglichkeiten zur kulturellen Förderung sie besaß, sei es in Form der Übernahme von Protektoraten und Vereinsmitgliedschaften oder durch Museums-, Ausstellungs-, Konzert- und Theaterbesuche.
Ferner ist Victorias Engagement für die Förderung der Frauenbildung ein Schwerpunkt, denn zum Zeitpunkt ihres Eintreffen in Berlin begannen die Frauen, ihre Gleichberechtigung gegenüber den Männern einzufordern, angefangen bei einer Verbesserung der Bildungssituation. Im Laufe der Zeit forderten sie mehr und mehr Rechte, darunter auch das Mitspracherecht in der Politik. Es stellt sich die Frage, ob Victorias Einsatz für die Frauen emanzipatorische Gründe hatte und sie daher als erste Fürstin der Frauenbewegung zuzuzählen ist. Warum engagierte sie sich überhaupt für Frauen und nicht nur für Kunst und Wissenschaft, wie es in Fürstenhäusern sonst üblich war? Lag es an ihrer fundierten Bildung und ihrer liberalen Erziehung, die sie in ihrem Elternhaus erfahren hatte und die sie als selbständig denkende Frau erkennen ließ, daß nur eine Verbesserung der Bildung den Frauen weiter half?
Sie unterstützte die aufkommende Frauenbewegung auf vielerlei Gebieten, auch noch, nachdem Friedrich III. verstorben war und ihr Sohn Kaiser Wilhelm II. ihr sämtliche Aktivitäten in Berlin untersagte. Sie schuf sich in Kronberg im Taunus einen Witwensitz und hörte nicht auf, sich der Belange der Frauen anzunehmen. Auch ihr Interesse für die Kunst erlahmte nicht in Kronberg, wo sie sich tatkräftig für den Erhalt historischer Bauten wie der Burg Kronberg und der Stadtkirche einsetzte.
Die Untersuchung in dieser Arbeit zielt darauf ab, herauszufinden, in welcher Form sich ihr Mäzenatentum äußerte. Auf welche Art nahm sie Einfluß im Bereich der Kunst und der Bildung? In welchen Aktionen zeigte sich ihr Engagement; ist es nur die Übernahme von Protektoraten oder ließ sie auch auf andere Weise ihre Hilfe angedeihen?
Läßt sich ihr Einsatz für das Kunstgewerbe dahingehend verstehen, daß sie die Kultur allen Bevölkerungsschichten zugänglich machen wollte? Oder zielten ihre Absichten mehr auf das volkswirtschaftliche Wohl des Staates ab? Gab es zwischen ihrer kulturellen Förderung und ihren politischen Interessen eine Verbindung? Dies könnte bedeuten, daß ihr Engagement auch in engem Zusammenhang damit stand, daß es ihr und ihrem Mann nicht vergönnt war, ihre politischen Ziele - die eines liberalen Deutschlands - zu verwirklichen.
War Victoria im Bereich der Kunst eine Mäzenin? Förderte sie einen bestimmten Künstler oder eine Richtung? Oder trat sie selbst als Auftraggeberin besonders hervor? Vielleicht kann man sie nicht in die Tradition ihrer Vorgänger einordnen, da es ihr verwehrt blieb, an die Macht zu kommen, denn innerhalb der nur 99 Tage währenden Herrschaft war es unmöglich, Dinge gravierend zu verändern. War sich Victoria überhaupt ihrer Rolle als Mäzenin bewußt? Als Mäzen wird man nicht geboren, man entwickelt sich aufgrund unterschiedlicher Ursachen in diese Richtung, auch wenn die Herkunft, die Familie sowie der Beruf für mäzenatische Aktivitäten richtungsweisend sein können.
Was waren die Ursachen für ihre Bemühungen um Institutionen wie das Kunstgewerbemuseum oder die Vereine zur Förderung der Frauenbildung?
Motive für mäzenatisches Engagement können darin liegen, daß einer Person Defizite in der Gesellschaft, in den Bereichen der Wissenschaft oder auch der Kunst auffallen und das Bedürfnis vorhanden ist, diese zu beheben, so lange der Staat dazu nicht in der Lage ist. Ursprünge dafür können auch in der Erziehung und dem Elternhaus begründet liegen, wie es im Fall Victorias wahrscheinlich ist.
War es ihre Absicht, durch ihre Hilfe sowohl einen Prestigegewinn für das Land als auch eine Verbesserung für die Gesellschaft zu erreichen? Oder aber handelte sie in eigenem Interesse zur Verherrlichung ihrer Macht, wie dies bei Herrschern z.B. unter Friedrich dem Großen zuvor oft der Fall war? Könnte man doch von einer Art Kompensation für die nicht vorhandene politische Macht sprechen? Zielte ihre Förderung von Wissenschaft und Kunst darauf, die wirtschaftliche Potenz und das Prestige Preußens in Europa zu steigern? War ihr Mäzenatentum uneigennützig oder verlangte sie Gegenleistungen von den entsprechenden Institutionen?
Diese Fragen sollen Kern der Untersuchung sein und, soweit dies im nachhinein möglich ist, am Ende geklärt werden. Bisher sind die folgenden Publikationen zur Beantwortung dieser Fragen erschienen.
Literaturbesprechung
Die zu Victoria erschienenen Veröffentlichungen beschäftigen sich überwiegend mit ihr als Mutter Kaiser Wilhelms II. oder als Frau Kaiser Friedrich III. Biographien über sie analysieren vor allem ihre politische Rolle in Preußen im Verhältnis zu England und den damit verbundenen politischen Konstellationen in Europa.[4]
Eine Untersuchung ihrer Aktivitäten auf gesellschaftlichem und sozialem Gebiet steht bisher aus, obwohl zu ihrem 100sten Todestag im Jahr 2001 eine solche in Arbeit ist, so daß zum jetzigen Zeitpunkt vorwiegend auf die zeitgenössischen Urteile über sie zurückgegriffen werden muß.
"Ich [Wilhelm II.] bin jedoch überzeugt, daß eine spätere Geschichtsschreibung ihr einmal voll die Anerkennung zuteil werden lassen wird, die ihr im Leben versagt geblieben ist - versagt, wie so manches andere..."[5]
Einen guten Gesamtüberblick sowohl über das Wirken von Victorias Vater Prinz Albert als auch von ihr als Prinzessin in Preußen gibt der Ausstellungskatalog Victoria & Albert, Vicky & The Kaiser.[6] Besonderes Augenmerk ist auf die Bildenden Künste und das Kunstgewerbe gerichtet, wobei sowohl die politischen als auch die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen England und Preußen Berücksichtigung finden.
Allgemeine Stimmen und Beurteilungen von Zeitgenossen zum Engagement der Kronprinzessin Victoria finden wir in der Publikation von Lucie Fels,[7] welche eine umfangreiche Quellensammlungen zu ihr zusammengestellt hat. In dem Ausstellungskatalog 'Kronprinzessin Kaiserin Friedrich' von 1996 ist ebenfalls eine aktuellere Darstellung von Stimmen zu Victoria in einer Textcollage zusammengefaßt, ohne sie dabei in den geschichtlichen und kulturpolitischen Kontext einzuordnen.[8]
Die erste Darstellung ihrer gesamten Aktivitäten im Bereich der Politik, der Kunst und unter Berücksichtigung ihres Engagements für die Frauenbewegung findet sich in der Veröffentlichung von Jarno Jessen, welche kurz nach ihrem Tod erschienen ist.[9] Über die Bedeutung Victorias für das deutsche Kunstgewerbe informiert uns Baron von Falkenegg in einer Schrift anläßlich ihres Todes 1901.[10]
Victorias Bibliothekar während ihrer Witwenjahre in Kronberg, G.A.Leinhaas, gibt ebenfalls in seinen Schriften über sie Aufschluß über ihre Tätigkeiten in Kronberg.[11]
Des weiteren finden sich Beurteilungen zu ihrer Person im Hinblick auf die deutsche Frauenbewegung bei den Schriften Helene Langes.[12]

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