Schreyer's Artillerieangriff vor Traktir im diesjährigen Pariser Salon

Über Land und Meer. Allgemeine Illustrirte Zeitung, 14, 1865, 718

  Die Franzosen haben ihre großen Künstler Delaroche, Horace Vernet, Decamps und so viele andere in den letzten Jahren verloren, daß sie nur mit einem peinliche Gefühl den "Salon" betreten, der nicht mehr ihrem Nationalstolz, sondern nur ihrer Sinnlichkeit noch schmeichelt. Sie haben dieß Jahr offen gestanden, daß die Deutschen sie überholt haben, und sie wissen, um ihrer Nationaleitelkeit nicht alles zu vergeben, die deutschen Künstler mit einer geschickt gedrehten Phrase sich so eng zu annectiren, daß wir garnicht mehr erkennen sollen, daß die Illustrationen ihres Salons uns angehören. Knaus war es, der ihnen vor Allem Respekt eingeflößt: Sie haben ihm das Genre preisgegeben; jetzt stehen sie vor dem Artillerieangriff Schreyer's und bekennen, daß Horace Vernet seinen Rivalen hat. Freilich beanspruchen sie Schreyer als den Ihren; M. Schreyer, quoiqu' Allemand de naissance, a sa place marquée parmi les peintres français, qui lui ont fait un si cordial acceuil, sagt Theophile Gautier Sohn. Schreyer, der durch seine "Pferde im Schnee", seinen "Prinzen von Thurn und Taxis bei Temeswar verwundet" sich schon lange einen geachteten Namen gemacht, hat sich durch dieses Bild in die erste Reihe der Schlachtenmaler gestellt. Mit sicherem Takte wählte er eine Episode, einen kleinen Ausschnitt aus dem Drama, der uns aber die Furchtbarkeit des Kampfes, das Schlachtengewühl mit einem Blick vor Augen stellt. Die Batterie wirft sich im Galopp gegen eine feindliche Batterie; die Bespannung, welche sich im Vordergund befindet, hat bereits die tödtlichen Wirkungen der russischen Kugeln verspürt; einer der reitenden Kanoniere wurde mitten in die Brust getroffen, und das Pferd, das ihn trägt, hat sich bäumend in die Stricke verwickelt, aus denen es sich loszuringen sucht. Die übrigen Pferde bäumen sich und wollen nicht vorwärts, die Räder sinken immer tiefer ein, - kurz es herrscht eine Verwirrung, die die Schlacht lebendig vor uns treten läßt.
Wenn sich bei den Franzosen die Freude über dieß Bild das Bedauern mischt, daß Schreyer kein Franzose von Geburt, so bedauern wir, daß der deutsche Künstler keine deutsche Aufgabe für seinen deutschen Pinsel gewählt. Knaus ist bei aller Anerkennung, die er in Frankreich gefunden, doch immer echt deutsch in seinen Vorwürfen geblieben.

Artillerieangriff in der Schlacht von Traktir
Stich nach dem Gemälde von Schreyer

Zurück