Erinnerungen an Adolf Schreyer

von Hans von Faber du Faur

Aus: Kunst und Künstler 24, 1926, S. 240-244

  Anfangs September 1882 folgte ich mit meinen Eltern einer Einladung des bekannten Pferdemalers Adolf Schreyer zu einem Besuch in Cronberg. Der liebenswürdige Hausherr holte uns in Frankfurt am Zug ab, um uns persönlich nach seinem in Cronberg im Taunus gelegenen Landhaus zu geleiten. Der sorgfältig gekleidete Herr mit der Perlennadel in der Kravatte, dem mit Seide ausgeschlagenen Überzieher, dem mächtigen Kopf mit den sorgfältig in Rollen gebrannten Locken ist mir deutlich erinnerlich.
In diesen anregenden gemütlichen Tagen in dem überaus behaglichen Landhaus bei dem liebenswürdigen, gastlichen Ehepaar gewann ich ein Bild von der eigenartigen Persönlichkeit dieses ganz in seiner Kunst aufgehenden, interessanten Maler-Epikuräers, das sich in den späteren Jahren immer mehr vertiefte. Bilder und Malerei, dazwischen erlesene Mahlzeiten, am Nachmittag eine längere Wagenfahrt in der anmutigen Umgebung und Abends Gäste aus der kleinen Malerkolonie, die sich in Cronberg um Schreyer gebildet hatte.
Auch aus dem nahen Kurort Königstein kamen Gäste, so des öfteren die Kronprinzessin Viktoria, spätere Kaiserin Friedrich. Dies war der übliche Tageslauf. In Cronberg hatte der Künstler stets einen schönen Zweispänner zur Verfügung, den eine Frankfurter Firma stellte. So wußte er sich die Annehmlichkeiten des Equipagenbesitzers zu sichern und alle Scherereien zu ersparen. Bald darauf kamen Schreyers zu einem Gegenbesuch zu uns nach München. Er war den größten Teil des Tages mit meinem Vater zusammen in dessen Atelier. Damals malte er auf einer alten Leinwand (87 : 119 cm) meines Vaters ein Bild, das einen bewaffneten Orientalen darstellt, der einen reich gezäumten Rappen durch einen Hohlweg führt. Schon das Bildformat ist größer als bei Schreyer üblich;, auch das Pferd und der Mann sind größer, als ich das Figürliche sonst je bei ihm gesehen habe. Dennoch erscheint mir gerade dieses Bild als ein vorzüglich charakteristischer "Schreyer" und gewissermaßen wie ein Kompendium seiner feinen Koloristik. Ich erkläre mir dies damit, daß er damals wohl meinem Vater, mit dem er bis zum Lebensende in freundschaftlichem, künstlerischem Verkehr stand, alle seine Feinheiten ad oculos demonstrieren und ihm eine bleibende Anregung und Erinnerung an diesen Besuch im Atelier zurücklassen wollte.
Pfingsten 1889 traf ich Schreyers wieder und diesmal in Paris. Ich kam von Brüssel, um die Weltausstellung zu sehen. Die liebenswürdigen Menschen hatten mir in der überfüllten Stadt ein Zimmer in ihrer nächsten Nähe besorgt und ich verbrachte die Zeit, die ich nicht in der Ausstellung oder bei Buffalo Bill war, der damals mit seinen famosen Cowboys und Indianern zum erstenmal auf dem Kontinent war und mich brennend interessierte, in der anregenden Gesellschaft Schreyers.
Das kinderlose Ehepaar bewohnte damals wie auch in den folgenden Jahren stets dasselbe, geradezu fürstliche Appartement im ersten Stock des an der Place Vendome gelegenen Hotel du Rhin, das aus mehreren ineinander gehenden Salons bestand. Einer der großen Salons diente als Atelier.
Der Künstler hatte sich damals von der Beteiligung an den öffentlichen Ausstellungen völlig zurückgezogen. Wie mein Vater glaubte, hatten Angriffe, die der Kunstkritiker Albert Wolff im Figaro gegen Schreyer gerichtet hatte, in denen er ihm Verzeichnungen und mangelndes Naturstudium vorwarf, zu diesem Entschluß beigetragen. In jedem Frühjahr pflegte Schreyer nach Paris zu längerem Aufenthalt zu kommen, um dort an bestimmte amerikanische Kunsthändler seine Bilder, die in Amerika sehr gesucht waren, zu hohen Preisen abzusetzen. Die überaus hohen Einnahmen ermöglichten es dem in großer Zurückgezogenheit lebenden Künstler die Existenz eines großen Herren zu führen, dessen einzige Pflicht und Lust zugleich die Malerei war. Ich habe nie einen Maler mit solch sichtbarem Genuß und Behagen malen sehen. Gerne trug er bei der Arbeit eine flache, breite, dunkle sogenannte schottische Mütze mit einem Ponpon in der Mitte; wenn es warm war, legte er gerne den Rock ab und malte in Hemdsärmeln. Das Malen wurde dann und wann unterbrochen, um auf einer Ottomane, von der aus man das Bild in einiger Distanz in der Gesamtwirkung übersah, dann und wann eine kurze: Rast zu halten. Am Vormittag wurde auch etwa ein Glas Pilsner Bier getrunken und eine der guten Importzigarren, die nie fehlten, geraucht: "Das Rauchen ist gerade, als ob es für uns Maler erfunne (erfunden) wäre" pflegte er frankfurterisch zu sagen. Die Leinwanden oder die begonnenen Bilder wurden in leichten, zweckdienlich eingerichteten Kisten in den verschiedenen Formaten, für welche alle die Preise genau fixiert waren, von Cronberg nach Paris mitgenommen. Die Pinsel durften nie gewaschen werden. Dadurch verloren sie die Geschmeidigkeit. Am Schluß der Arbeit wurden sie, die Haare dick mit Ölfarbe umgeben, in einen Topf mit Petroleum gelegt und bei Wiederaufnahme der Arbeit mit einem Lappen gereinigt, wodurch sie in der besten Kondition fürs Malen blieben. Das einzige Malmittel, das Schreyer in jener Zeit stets verwendete, war Robertsons Medium.
Als ich mich damals in Paris verabschiedete, wurde ich eingeladen, im Sommer auf der Heimreise nach Deutschland einen Besuch in Cronberg zu machen. So kam ich im Juni 1889 zum zweitenmal dorthin.
Am ersten Tag bei Tisch kam Schreyer voll Dankbarkeit und Befriedigung auf den Entwicklungsgang seiner künstlerischen. Existenz zu sprechen. Er schloß mit den Worten: "Wenn ich heute mein Vermögen verlieren würde, nähme ich mir sofort das Leben; ich hätte nicht den Mut, noch einmal von vorne anzufangen." Auf meine Einwendungen gegen einen solchen Standpunkt meinte er: "Sie haben ja keine Ahnung, was ich zwölf Jahre lang in Paris in einem elenden vierten Stockwerk durchgemacht habe, bis endlich die große Medaille und damit der durchschlagende Erfolg kam." Heute erinnert mich dies an Nietzsches "Der Wert einer Sache liegt mitunter nicht in dem, was man mit ihr erreicht, sondern in dem, was man für sie bezahlt - was sie uns kostet".
Nie bin ich einem Menschen begegnet, der in dem Maß, mit solchem Epikurismus den Tag, ja die Minute auszukosten wußte und dabei so viel Freude daran fand, anderen Freude zu bereiten. In den folgenden Jahren war ich noch mehrmals als Gast bei Schreyers in Paris. Wer es nicht erlebt hat, kann es sich schwer vorstellen, mit welcher Herzensgüte und Liebenswürdigkeit das Ehepaar es verstand, für die wenigen, die sie sich nahekommen ließen, wenn sie als Gast bei ihnen weilten, die Stunden denkbarst angenehm zu gestalten. Ob man zum Gabelfrühstück oder abends zum Diner kam, stets hatte die sorgliche Hausfrau ein gewähltes Menu bestellt. Nie wurden die Mahlzeiten an der Hoteltafel eingenommen, sondern immer in ihrem Salon serviert. Wie in Cronberg, so stand auch in Paris dem Maler stets ein Wagen zur Verfügung; nur war es hier ein in anspruchsloser Vornehmheit gehaltener Einspänner. Nach Arbeitsschluß am Nachmittag liebte es Schreyer, vor Tisch mit dem Gast ins Bois zu fahren. Dort wurde der Wagen verlassen. Das eine Mal ging man in einer der Hauptalleen spazieren oder setzte sich gemütlich auf die dort üblichen Stühle, um die Pferde, Wagen und eleganten Damen zu sehen, ein anderes Mal führte er einen auf eine reizvoll im See gelegene Insel, zu der man im Boot übersetzte, oder schließlich zu dem an der Porte de Sevres gelegenen Poloplatz, um die Reiterkünste zu bewundern. Wie liebte es Schreyer, Trinkgelder nach rechts und links zu verteilen, wie rasch glitt die Hand in die Westentasche, um den Bengel, der den Wagenschlag aufriß oder ein Boot herbeiwinkte, oder die geringste besondere Dienstleistung im Hotel zu entlohnen. Der überschwengliche Dank bekundete stets die ungewohnte Höhe der Gabe.
Dieselbe schenkende Großmut war dem Künstler auch auf geistigem Gebiet eigen. Welch selbstloser Freund er meinem Vater war, konnte ich erst später ermessen. Beide hatten als Soldatenmaler begonnen, beide sind dann mehr und mehr zur koloristischen Wiedergabe des Orients übergegangen. Beim Beginn ihrer Beziehungen stand Schreyer auf der Höhe seiner Malerlaufbahn, seines Ruhmes und Erfolges - es war Mode in Amerika, daß in jedem Salon ein Schreyer hängen mußte -, während mein Vater, im selben Jahre (1828) wie Schreyer geboren, erst nach Überschreitung des vierzigsten Lebensjahres den Offiziersberuf aufgegeben hatte und damals noch in seiner künstlerischen Entwicklung stand. Den Orient lernte er erst später durch eine Reise nach Tanger kennen. Seine Orientbilder hatten damals dann und wann noch etwas Tastendes, teilweise auch noch etwas Akademisches.
In diese Zeit fällt der oben erwähnte Besuch Schreyers in München, bei welchem er als Gastgeschenk ein Bild hinterließ, in dem er alle Register seiner Koloristik zog, alle Feinheiten und Weichheiten seiner eigenartigen Malerei entfaltete.
Unermüdlich war er in dem Bestreben, aus seinen persönlichen Erfahrungen heraus meinem Vater so viel er nur konnte, gewisse Vorteile mitzuteilen, durch die er seine Bilder für den Liebhaber und Käufer begehrter machen könnte. Dabei spielte das Format eine große Rolle, ebenso das Größenverhältnis zwischen Figuren und Bildfläche und schließlich die Bewegungsrichtung der Figuren. So durften zum Beispiel die Reiter nie ins Bild hineinreiten, sonst war das Bild von vorne herein unverkäuflich.
Im Sommer 1889 war ich aufgefordert worden, Arbeiten nach Cronberg mitzubringen. Ich steckte damals in den allerersten Anfangsstadien des Zeichnenlernens. Schreyer machte mich sofort auf eine typische, stets wiederkehrende Versündigung gegen das Gebäude des Pferdes aufmerksam, die mir noch nie klar geworden war. Er erläuterte den hohen Wert des Skizzenbuches ("livre d'esquisse fait l'artiste"), indem er mir seine eigenen Skizzenbücher aus den verschiedensten Zeiten, auch aus dem Krimkrieg und von Orientreisen zeigte. Dabei erklärte er mir, wie große Dienste ihm dieselben da und dort für seine Bilder leisteten, zeigte mir, wie er für dieses gerade die Einzelheiten einer Wagenkonstruktion oder des Geschirres eines Zugpferdes, für ein anderes die Geleise eines aufgeweichten Fahrweges, irgendwelche Terraindetails oder orientalische Zäumungen trefflich gebrauchen könne. Auch nach Paris pflegte er stets die Skizzenbücher mitzunehmen, die ihn für die Bilder, die er gerade in Arbeit hatte, anregen konnten. Im Garten in Cronberg war eine Gruppe von Felsen, stellenweise mit Farrenkräutern bewachsen, aufgebaut. Eine Partie glich einem Gebirge im kleinen. Schreyer besaß kleine Modelle von Wagen, bewegliche Holzpferde und ebensolche kleine menschliche Figuren. Die setzte er auf den kleinen Gebirgspfad oder ließ sie aus geringer Höhe sorgsam auf die Felsen fallen. So holte er sich vielfach Anregung für manche seiner Bilder, ein gestürztes Pferd, einen am Felshang kletternden Reiter und dergleichen mehr. Einmal zeigte er mir in einem graphischen Werke Raffets (bekannter französischer Maler und Illustrator der Zeit Napoleons I.), wie viel er aus dessen Darstellungen gelernt für die Erfassung der feinen Unterschiede in Hell und Dunkel bei Wiedergabe eines Geländes, eines Hintergrundes oder des Übergangs vom Boden zum Himmel. Die Hauptlehre, deren Befolgung er mir immer wieder und wieder ans Herz legte, bestand darin, als Erstes und Wichtigstes stets an die Bildwirkung, das A und O aller Malerei zu denken. Keine Studie nach der Natur malen, die nicht ein reizvolles Bild ergibt. Öfters zeigte er mir mit einem kleinen, leeren Goldrahmen in der Hand, wie man unermüdlich suchen müsse, den darzustellenden Gegenstand so aus der Natur herauszuschneiden, daß ein geschmackvolles Bild entsteht.

Ein Brief Schreyers an Otto Faber du Faur

  Cronberg bei Frankfurt a. M., 4. Aug. 1883.
Mein verehrter Freund, Ihre lieben Zeilen, auf die ich vorbereitet war, durch Ihre verehrte Gattin, veranlassen mich, Ihnen vor allem zuzurufen: "Machen Sie sich nichts daraus aus dieser scheinbaren Kränkung." Ich werde Ihnen meine Ansicht über diese Angelegenheit in wenig Worten auseinandersetzen. - Gehört man zu einer Korporation, in welcher sich viele Knoten und Kaffern befinden, so bleibt Neid und Mißgunst gegen den Gentleman nie aus, ja dadurch, daß man anders fühlt und denkt, kann förmlich Haß erzeugt werden. Ich brauche weder Ihr Bild zu sehen, noch brauche ich eine Kritik zu lesen, so wie ich Ihr Talent, Ihre Gesinnungen kenne, Ihre Begeisterung für die Kunst, den Ernst, den Fleiß, so steht bei mir fest, was ich oben gesagt habe. Ein Bild von Ihnen zu refusieren ist ganz einfach eine erbärmliche Intrigue. - Die Welt ist mir nicht neu, aber ganz besonders kenne ich Kunst und Malerverhältnisse. Ein sehr großes Verbrechen von Ihnen ist, daß Sie sich nicht unter die Kleie mischen und ruhig für sich leben. - Nicht Ihr Bild wurde refusiert, nein der Gentleman wurde refusiert. - Mein verehrter Freund, halten Sie meine hier ausgesprochene Ansicht nicht für eine Redensart oder eine momentane Auffassung, nein, das sind ganz positive Erfahrungen, welche ich gemacht habe. - Sie sind nicht der erste, dem solche Erbärmlichkeit widerfährt, und Sie werden auch nicht der letzte sein. Der Knote haßt den Gentleman ganz entsetzlich und nun kommt auch noch hinzu, daß Sie in Hamburg einen ausgesprochenen Succes gehabt haben, und auch noch ein schönes Sümmchen heimbrachten. Nein, mein lieber Freund, das hält der Neid nicht aus, er muß heraus. - Sie werden erstaunt sein, was ich den Herrn Kollegen zutraue, aber es ist leider so - es wäre töricht, zu glauben, daß jeder, der malt, auch eine feine geläuterte Künstlernatur sei. - Wenn alle Maler Künstler wären, dann wäre die Malerkorporation eine vortreffliche Gesellschaft, wo solche Erbärmlichkeiten nicht vorkommen könnten. Ich bitte Sie, lassen Sie sich auch nicht einen Moment herunterstimmen, oder gar entmutigen. - Sie werden fest mit Begeisterung bei Ihrer Kunst bleiben, wie ein guter Soldat, der sich nicht rührt, wenn ein Kügelchen nach ihm geschossen wird. - Hier, verehrter Freund, habe ich meine Überzeugung ausgesprochen, welche auf Erfahrungen beruht. Kommen Sie mit der liebenswürdigen Gattin recht bald zu uns, und vergessen Sie alle die kleinen Unannehmlichkeiten. Seien Sie Beide aufs allerherzlichste gegrüßt und ich bleibe Ihr aufrichtiger Freund Schreyer.