Adolf Schreyer zu seinem siebzigsten Geburtstag

von Otto Donner von Richter

9. Juli 1898

O, theurer Freund aus früher Jugendzeit,
Wie denk' ich heute der Vergangenheit,
Die ausgefüllt den Raum von 70 Jahren,
Die Dir und mir von Gott beschieden waren!
Der Knaben Staunen denk' ich, da gebracht
Lithographirt, von Deiner Hand gemacht,
Zur Schule Du ein Pferd in vollem Traben,
Ein frühes Zeichen Deiner großen Gaben.
Wir traten dann in Städels Institut,
In Passavants und Meister Beckers Huth;
Dort lehrten die Antiken uns das Schöne
Und die Natur den Reiz der Farbentöne.
Begeistert blickten wir empor zu Veit,
Wie auf die Meister der Vergangenheit,
Und sahen, groß in ganz verschiedenen Cirken,
Die Rethel, Steinle, Schwind und Dielmann wirken.
Gedacht sei auch der altersgleichen Schaar,
Die gleichen Sinns mit uns verbunden war.
Nur will von Lindenschmitt und Schalk und Leighton
Auch Maurer, Höffler, Müller ich hier reden.
Doch bald zerstreuten sich in alle Welt,
Die sich in ernstem Streben uns gesellt:
Nach München, Düsseldorf, Paris und Flandern
Zog Neigung Einen hin, dorthin den Andern.
Du aber zogst bei Kriegsdrommetenschall
Mit Österreichs Heer hin bis zu Trajans Wall,
Und eiltest dann nach Wien, um hier in Bildern
Das dort Erlebte wunderbar zu schildern.
Und wunderbar war Deines Genius Flug,
Der Deinen Ruhm auf seinen Schwingen trug
Zur Vaterstadt. Zu seinem Glorienscheine
Fandst Du die Liebe noch: ein edles Herz ward Deine.
Doch hielt Dich's lange nicht an trautem Ort:
Von Bockenheim, dem stillen, eiltet fort
Ihr nach Algeriens Wüsten und Oasen,
Saht wie so stolz zu Roß die Scheiche saßen;
Saht weiße Mäntel auf des Himmels Blau
Hinflattern und der Rosse edlen Bau,
In Ruhe wie Bewegung sonder Gleichen,
Des Sattelzeuges Pracht, die bunten Fahnenzeichen!
Gleich einer Fluth stieg Bild um Bild empor
In Deiner Phantasie, wie kaum zuvor.
Du sahst vor Dir, wie Blumenpracht der Wiesen,
Sich eine neue Farbenwelt erschließen.
Den Schatz zu bergen zogt Ihr nach Paris,
Wo Dir Dein Genius neuen Ruhm verhieß,
Den siegreich Du im Wettbewerb erreichtest,
So bald Du dorten Deine Werke zeigtest.
Dies mit zu sehen ward mir da gegönnt,
Wo wir uns wiederfanden, lang getrennt;
Und hier gesellte gerne sich uns Beiden
Als strebsamer Genoß August von Heyden.
Wie stiegen häufig noch in später Nacht
Wir scherzend auf im hohen "Schreyerschacht"
Der Chaussée d'Antin; muß zu den Sixièmen
Doch dorten oft der Maler sich bequemen.
Denkst Du des Ausflugs auch nach Albions Strand,
Wo ruhmvoll schon Dein Name ward genannt,
Wo Gambart hin uns fuhr zum Derby-Rennen ?
Wir lernten Millais, Calderon dort kennen.
Bis zur Propontis blauem Himmelszelt
Drang bald Dein Ruhm, wie nach der neuen Welt,
Wo Beifallszeichen durch den Saal erklingen,
Wenn um ein Werk von Dir die Käufer ringen!
Und lauter Beifall allerorts erscholl,
Wo Deine Werke strahlten, lebensvoll;
Wo dichterisch sie Neugebilde brachten,
Wie Andre sie vor Dir noch nicht erdachten.
Ein Lorbeerzweig belohnte sonst die Kunst,
Auf Gold geprägt wird jetzt der Richter Gunst;
Sie ließ das Ausland glänzend Dich genießen!
Hat Deutschland denn Dir Gleiches auch erwiesen?
Wie hast Du, Frankreich, damals uns beglückt,
Als Deine Kunst die ganze Welt entzückt!
Es standen neidlos offen Deine Pforten,
Die Künstler strömten zu von allen Orten!
Jetzt angebellt von Kläffern unsrer Zeit -
Doch über ihnen stehend meilenweit -
Wie hast Du, Horace Vernet, einst gezündet
Und in der Kunst ein neues Reich begründet!
Dich, Delaroche, hat auch Kritik benagt,
Und doch, wie viele hast Du überragt!
Wie führtest Du die Kunst auf ernsten Wegen,
Wie kamst dem Deutschen freundlich Du entgegen!
Auch Couture, Dir sei warmer Dank gebracht,
Der Du zu Malern Zeichner hast gemacht;
Und Decamps, Troyon, große Coloristen,
Wie kann sich neben euch das Freilicht brüsten?
Millet, du treuster Dolmetsch der Natur,
Meissonnier, groß in kleinem Rahmen nur,
Und Corot, edelster der Idealen,
Wer darf noch neben euch als Größrer prahlen?
Doch seit Dir, Frankreich, bittrer Haß entquillt,
Wie ist entstellt Dein einst so edles Bild,
Das jetzt nur Groll in allen Zügen spiegelt!
Nur zögernd ward der Abschiedsbrief gesiegelt.
Zu jener Zeit warst, Rom, du schon entrückt
Der Last des Jochs, das Dich so lang bedrückt;
Dein hehres Antlitz strahlte auf in Freude,
Und zur Befreiten wandertet Ihr Beide.
Asyl war Rom mir schon seit manchem Jahr,
Als Wiedersehn uns dort beschieden war,
Da konnte wohl als alter Cicerone
Euch nützlich sein euer "Signor Ottone".
Mit lieben Freunden macht' ich euch bekannt
- Der edle Henneberg nur sei genannt; -
Ihr saht Paläste, Villen, Galerien, -
Der Aqua Paula mächt'ges Wassersprühen.
Saht die Campagna in des Tages Pracht,
Das alte Rom in heller Mondennacht,
und von Grottaferrata's Frühlings-Feste
Bewahrt Dein Skizzenbuch noch heut das Beste.
Doch wieder wandte heimwärts sich Dein Sinn:
Nach Cronbergs Höhen zog Dein Herz Dich hin,
Wo frühen Strebens Bilder Dich umschwebten,
Die unauslöschlich Dir im Herzen lebten.
Und wenn Du anfangs auch nur kamst als Gast,
Ward's bald Dein Heim, doch nicht zu müß'ger Rast;
Nein, eine Werkstatt reinster Schaffensfreude
Ist Dir's geworden, ist es auch noch heute.
Denn, wie von Deiner Villa weit hinab
Der Ausblick Dir die reichste Fernsicht gab,
So schweift Dein Geist nach Osten stets und Süden,
Wo so viel Wunder Deiner Kunst erblühten!
Der Steppen Staub, des Himmels Wolkenpracht,
Wie rufst Du sie hervor durch Zaubermacht!
Wie kommt so kühn der Araber geritten,
Wie stürmt der Schnee um Rosse und um Schlitten!
Naturwahr stets, doch nie Photographie,
Bleibt Deiner Werke Grund die Poesie,
Auf daß der Farben Zauber, Formengröße
Von des Gemeinen Qualen uns erlöse.
Wie manche Qualen hast Du auch gestillt
Durch wahre Güte, die vom Herzen quillt,
Und auch hierbei stand gleichen Sinn's zur Seite
Die Gattin Dir, die immer hülfbereite.
O, theurer Freund, noch glüht in Dir die Kraft,
Die so viel Großes schon durch Dich geschafft!
O, möge Gott sie Dir und uns erhalten
Und über Dir stets seine Gnade walten!