Louis Eysen - Selbstzeugnisse

Auszüge aus Briefen und Tagebucheinträgen

 
Das Poetische in der Landschaftsmalerei
Brief an H. Thoma, 1.1.1879
 
Dieser Tage las ich von Leixner über die Berliner Kunstausstellung. - Ach, wie armselig! wie oberflächlich! - Die Stimmung soll der Charakter der Landschaft sein! - Stimmung welche sich äußert duch das überall gegenwärtig Lebendige ist der Charakter jedes Kunstwerkes, aber davon versteht solch ein Mensch nichts. Was dieser unter Stimmung versteht ist das sogenannte Poetische der Imagination, welches gar nichts mit der Malerei zu tun hat, nichts mit der Natur, die objektiv angeschaut werden muß, soll sie uns doch durch die Kunst nähergebracht und verständlicher gemacht werden. Die poetischen Gedanken, welche er verwirklicht haben will, werden in die Natur getragen und sind ihr nicht eigentümlich, sie wird also gefälscht. Aus solcher Anschauungsweise hervorgehende Bilder mag man sich als lyrische Unterabteilung gefallen lassen, aber daß ihr Prinzipien zu Prinzipien der Landschaftsmalerei erhoben werden, verbieten wir uns. Stimmungen lasse ich mir weiter nur gefallen, wenn sie durch Umstände, die dem Naturmotiv eigen sind, bedingt werden, als Morgen- und Abendstimmung, Frühlings- oder Herbststimmung etc. Diese sind aber keine Gemütsstimmungen, sondern sie liegen im Lichte, in den Farben, wie sie durch die Jahreszeiten bedingt sind. Diese objektiv angeschaut und naiv wiedergegeben, machen wie die Natur. Hingegen die Natur zu Unterlagen für Darstellungen interessanter menschlicher Gemütsstimmungen zu benutzen, die so wechselnd und persönlich sind, ist der schlechteste Geschmack, heißt die Natur zu vermenschlichen, also anstatt zu ihrer Erkenntnis, führen diese zu Fälschungen.

Brief an H. Thoma, Juni 1889
 
Lieber Freund. Ihr Brief vom 16. Juni enthält zu viele Liebenswürdigkeiten für mich, ich bin deren gar nicht gewohnt; aber da hat mich Ihre freundliche Anerkennung gefreut. Das Bild habe ich in diesem Winter gemalt und es fast von allen Sachen (Gott ich habe ja nur wenig fertig begracht), die ich bis dato gemalt, am besten gefunden. Mit dem engeren Begriff des Schönen möchte ich mich so gerne beschäftigen. Aber da es mir nicht gelingt und es so schwer darzustellen ist, wäre es nach dem ersten Erfolge wohl das Gescheiteste, wenn ich von nun an lauter 'Troddel' und Scheusäler machte. Sie glauben nicht, welche Schwierigkeiten in der Arbeit das Alleinsein mit sich bringt, mit den Vorteilen, die dann wieder groß sind. Der größte Nachteil ist, auch nicht einen Menschen zu haben, der einem vernünftig darüber redet, in Zeiten, wo man ratlos ist, wenn das Auge manchmal gar nichts mehr sieht ... Glauben Sie, daß mein Hunger in der Kunst, in der ich mir einbildete, etwas leisten zu können, glauben Sie, daß mir erst hier in Tirol die Augen sehend geworden sind, in einer Weise daß es mir fast leid tut. Denn ich bin jetzt wieder zu der Erkenntnis gekommen, welche Zeit ich mit Quälerei versäumt habe. Ich war das Tier auf öder Heide, vom bösen Geist im Kreis herumgeführt. Jetzt, wo ich mich mit den Spekulationen abgefunden habe (Sie finden vielleicht auf dem 'Troddelbild' etwas davon), ist es wohl für die grüne Weide zu spät. Sie haben aber ganz recht damit, daß man sich nur selbst zur Reife bringen soll und nicht Bilder malen. Und das sagt Pecht doch sehr schön, wir werden in einem anderen Zustand das sein, was wir hier in moralischer, intellektueller Hinsicht aus uns gemacht haben. Aber wie schwer das Ausreifen ist, das haben Sie ja genügsam erfahren, und ich brauche kein Wort darüber zu verlieren. Der Erfolg ist dazu nicht nötig, unendliche Mühen aber.

Tagebuchnotizen, 28.2. und 24.11. 1898
 
Bei Betrachtung meiner Studien aus Kronberg wird mir klar, welchen anderen Weg ich hätte gehen können, wenn ich durch Freunde Aufmunterung auf dem einmal Betretenen gefunden hätte. Der Anfang im Landschaftlichen war gut. Aber niemand sagte mir das. Es war das Gleiche im Holzschnitt. Niemand der mich aus meiner Bescheidenheit herausriß.

Lindenschmitt und Fricke muntern mich auf, eine ganze Ausstellung zu machen. Für mich sind die früher gemalten Sachen nun nicht mehr erreichbare Arbeiten! - Ich von heute und damals sind zwei Personen. - Ich fühle mich alt geworden. - Daß ich zu nichts kam, liegt daran, daß es mir an Aufmunterung fehlte - von meinen Freunden.