Nachrufe auf Louis Eysen

Maler Louis Eysen
Wilhelm Lindenschmit - Meraner Zeitung, 17.1.1900
 
Der Maler Louis Eysen, dessen Werke seit gestern in Meran (im Obermaiser Rathshaus) ausgestellt werden, ist seit etwa zwanzig Jahren in Obermais angesiedelt gewesen.
Ein Nerven- und Magenleiden ließ ihn hier Zuflucht suchen. Dieses Leiden und die dadurch erzwungene Zurückgezogenheit von der Welt war das dauernde Hinderniß, welches sich seiner großen künstlerischen Kraft in der Ausübung wie im äußeren Erfolg entgegengestellt hat.
Er stand erst im 55. Lebensjahr, als im Sommer 1899 sein Leben eine gefährliche Wendung nahm. Viele Wochen lang sah er nun den unvermeidlichen Tod vor seinem geistigen Auge, er sah ihm wie einem ernsten Geschäfte, einer wohlbegriffenen Pflicht entgegen, hatte dabei noch manches hoffende Trosteswort für seine Schwester, für sich selber aber bis zuletzt den einen, reinen, kindlichen Wunsch auf den Lippen: "Wie gern würde ich malen! - Könnt' ich nur wieder malen!"
Der rührende Widerspruch zwischen diesen beiden, noch im Sterben aufleuchtenden Zügen, zwischen jenem hohen, in's Ewige ragenden Ernste Eysens und seine der Erde und ihren holden Schranken zugethanem Schaffenstrieb bürgt für ihre Wahrhaftigkeit.
Und so ist auch Wahrheit die Eigenschaft der Kunst Eysens. Allein es war kein rascher Entschluß, der ihn zur Malerei führte, und als er in Frankfurt am Main, seiner Vaterstadt, heranwuchs, fühlte er sich zwar bald zu einer gewissen Übung des Zeichnens getrieben. Er schulte sich, außer am Städelschen Institut, auch bei Karl Hausmann. Allein sobald ihn bei wachsendem Besitz der technischen Mittel das Eingehen auf die feineren Reize des Naturanblicks fesselte, sah er eigentlich schon seine Aufgabe vor sich, ohne deßhalb an's Malen zu denken. Er wandte sich vielmehr dem Holzschnitt zu, und brachte es bald in dem damals in Deutschland noch wenig geübten Tonschnitt zu einer ganz bedeutenden Meisterschaft. Sein Lehrer war Alexander Stix; bei ihm arbeitete er mehrere Jahre bis gegen die Mitte der Achtzehnhundertsechziger; es war dieß Eysens fröhlichste Zeit und er hat noch spät in seiner leicht humoristischen Weise den und jenen Vorfall erzählt, der ihm mit diesem ehrlichen Sonderling passierte.
Die ausgeführten Holzschnitte, theils nach fremden, theils eigenen und zwar landschaftlichen Zeichnungen sind noch vorhanden, und bezeugen seine Richtung auf's Malerische.
Es folgte nun ein Aufenthalt in Berlin und in München, wo er sich scheints mehr durch das Studium der Galerien förderte.
Im Jahre 1869 auf 1870 weilte er in Paris und vollzog hier auf Schreyer's Antrieb den Übergang zur Ölmalerei. Hören wir seine eigenen Worte:
"Die Sache hat sich nämlich so gemacht. Nachdem mich meine Freunde hier oft gefragt hatten, warum ich doch durch meine Zeichnungen so viel Talent wie ein Anderer beweise, erstaunte sich auch neulich Schreyer, daß ich noch nicht die Gelegenheit benützt hätte, die mir geboten war, etwas zu malen. 'Warum wollen Sie nicht lieber malen als in Holz schneiden, so viel Geld als mit dem Stichel können Sie mit dem Pinsel auch erwerben, und die Malerei ist Ihnen viel gesünder.' Und da er hörte, daß ich auf's Land gehen werde, forderte er mich auf, dort zu malen. 'Unversucht schmeckt nichts.' Darauf fieng ich an bei Scholderer, und Jeder der meine Arbeiten sah, war vollkommen damit zufrieden, und bei Allen stand es bei der ersten Arbeit fest, daß ich dabei bleiben werde. Ebenso hatten Schreyer und Burger schon bei einem Studienkopf, den ich zeichnete, gesagt, er berechtige mich, Maler zu werden. Scholderer behauptet nun, es sei keine Zeit oder wenig verloren, da ich in einem Alter sei, in welchem die Vernunft einen großen Vortheil gebe, gegenüber einem 18- oder 20jährigen Menschen. Überdieß bin ich nicht ganz Anfänger, ich habe unendlich viel gezeichnet, und da ich mich der Landschaft zuwenden würde, ist mir die Sache schon erleichtert.
Mit dem ersten Dezember (1869) trat ich als Elève de Mr. Bonnat in dessen Atelier. Alle meine Freunde sind zufrieden mit dem, was ich mache, auch Leibl, der sich sehr ruhig in seinem Urtheil verhält. Bonnat, der Anfangs zu mir sagte 'Sie haben keinen Farbensinn', fieng bald an zu sagen 'Sie sind Maler, Ihre Malerei ist gut wie nimmer.' Die Hauptsache aber ist, daß ich selbst fühle, daß, wenn ich nur Gelegenheit habe, mich noch auszubilden, ich es weit bringen kann, - das erste Mal in meinem Leben, daß ich dies befriedigende Gefühl habe. Mein Mann ist Courbet. Was sagst Du dazu, daß ich endlich dazu gekommen bin, diesem ersten Maler des Jahrhunderts die Hand zu drücken!
In keiner anderen Stadt wäre ich Maler geworden, allein Paris hat das fertig gebracht, und weil es Geburtsstadt des Malers in mir ist, deswegen wird mich überall hin Heimweh nach diesem einzig möglichen Platz für Maler verfolgen. Neulich (Sommer 1870) sah ich in der Ausstellung Lindenschmit, er rieth mir ab, nach München zu kommen, 'bleiben Sie hier', sagte er, 'Paris ist der beste Platz, in München haben Sie nur einen Abklatsch.'"
Der Anblick der wenigen noch erhaltenen Malstudien aus der Pariser Zeit zeigt zwar, besonders in den Fleischtönen, eine tüchtige, allein insofern weniger selbständige Anschauung, als es kaum möglich war, sich aus der mit rothen Tüchern und alten Gobelins erzielten Stimmung der Pariser Aktsäle herauszutreten. Das wird aber sofort anders, als Eysen - noch vor dem Krieg - wieder in die Heimath und seit 1873 nach Cronberg im Taunus zog. Hier tritt mit einem Male die eigene Art hervor, in einer ganzen Reihe von Landschaften und einigen Familienporträts. Aus diesen Sachen weht das echte, durch wahre Kunst befreite Gefühl. Immer einfach im Gegenstand hat er doch gerade die ganze Fülle der Natur erreicht und ihr dabei ihre volle Freiheit und Leichtigkeit gelassen. In diesen Tagen und in solchem Schaffen muß Eysen das reinste Glück genossen haben. Auch muß ihm die Klarheit, die ein Künstler über sich und den Werth seiner Arbeit empfindet, mit dem Bewußtsein gelohnt haben, auf einem richtigen und fruchtbaren Wege zu sein. Nicht das einzelne Werk, sondern dieser Weg ist Kunst; denn sie ist eine Gesinnung. Und Eysen durfte sich wohl zusprechen, diese zu besitzen, mag auch diese frohe Erkenntnis still und bescheiden gewesen sein.
Allein er mußte die Theilnahme vermissen. Später, wenn er auf diese Zeit zu sprechen kam, bemerkte er melancholisch: "Mich hat nie jemand aufgemuntert. Wem ich auch meine Sachen gezeigt habe, es hat sich nie Jemand dafür interessiert." Er meinte hierunter seine Kollegen, und bedachte vielleicht nicht, wie lange die Meisten in eigenen Zweifeln stecken. Er selber wußte sich seiner Art und ihrer Möglichkeit so sicher, schätzte dieß mit so nüchterner Ruhe ein, hielt die Kunst so hoch und empfand überhaupt so gerecht, daß er bedeutende Leistungen nicht bloß stets ausdrücklich anerkannte, sondern vielleicht gegen das letzte Ziel seiner eigenen Richtung skeptisch werden konnte.
So ist es allerdings verständlich, wenn er einem Mann wie Leibl, der ihn auf gemeinschaftlichem Boden übertrifft, den Kranz reichte. Ein anderer Freund von ihm, jedoch ganz anderer Künstler, ist Hans Thoma, mit dem er in jenen Jahren viel verkehrte. Gerade über ihn äußerte er sich in einem Briefe an eine Schwester zu einer Zeit, als die deutsche Kritik erbarmungslos über Thoma herfiel folgendermaßen: "Du mußt noch einmal zu Thoma, um den Fortschritt seines Bildes zu sehen; Du wirst, wenn Du Dich daran gewöhnt - an seine Art -, einsehen, daß es der erste Maler ist, den wir kennen (unter den Deutschen)."
Sein Mißgeschick aber war, daß seine Gesundheit erschüttert war und er seinen eigenen Unternehmungen immer seltener die volle Kraft zuwenden konnte. In Kronberg trat sein Leiden das erste Mal bedenklicher auf und hatte ihn seitdem nicht wieder verlassen. Ein Winteraufenthalt 1876 zu Florenz und Rom half ihm nicht gründlich genug, und so siedelte er 1879 mit den Seinen ganz nach dem Süden und zwar nach Meran über.
In Italien hatte sich bei ihm gar keine Lust zum Malen geregt. Erst in Meran erwacht sie neu: "Da fühl' ich's, was zum Ergreifen des Pinsels treibt. Wer möchte das weite Feld, diese Wiesen, diese sich schlängelnden Bäche, und die Thurmspitzen und blitzenden Fenster der Maierhöfe nicht dauernd festhalten!" Und so nahm er dort einen neuen Aufschwung, nicht zum Wenigsten durch die nähere Bekanntschaft mit dem Volk. Die Erscheinung der Bauern und ihr Charakter regte ihn an, ihr freimütiges und behagliches Selbstgefühl verlieh ihnen über den nächsten Zweck, eines malerischen Modells, hinaus einen gewissen kunstrechtlichen Rang, die Ebenbürtigkeit der Natürlichkeit.
Diese Bauersleute waren für Eysens Kunst in wahrerem Sinne Auftraggeber, als es für das eigene Porträt irgend ein reicher und kultivierter Besteller zu sein vermag. Der Auftrag lautete direkt von der Natur, und brachte beide, das Modell und den Maler, auf jener unsichtbaren Grenzlinie der Geister, dem Charakter, mit einander in Verkehr.
Und so entstanden jene Porträts und zwar als Werke eines Mannes, welcher sich für einen Naturalisten hielt und erklärte, nur und nur die Natur geben zu wollen. Es ist aber doch, als wäre er noch etwas anderes, und zwar mehr gewesen, - selbst wenn dieser Anspruch, den wir für ihn erheben, gegen den Zwang der Klassifikationen verstößt.
Bei seiner Landschaftsmalerei allenfalls, der er auch in Meran stets getreu blieb, konnte er das meinen. Er hat nie auf eine Stimmung losgearbeitet, sondern immer nur die uns mit reifster vollster Gegenwärtigkeit umfangende Natur der Fruchtfelder, des Waldes, der Höhen und Lüfte gegeben, die uns froh und zugleich still macht und nach nichts weiter fragen läßt. So gab er gerade das Freie der Natur, das was nicht sich greifen läßt an ihr, und man fühlt, daß es dem Künstler bei diesem Thun von Herzen wohl war, daß ihn nichts innerlich anfocht und an der reinen Hingabe beirrte.
Aber lag ihm diese Gefahr fern, so ist das ein Verdienst seines reinen Gemüths, seines unverbildeten Sinns, und eines Charakterzugs von ihm: nämlich einer gewissen geistvollen Vorsicht, die sich unter Menschen oft als Rücksicht äußerte. Wenn er im Leben so vor Einem stand, war ein leichtes Zurückhalten des Oberkörpers, dabei aber ein aufmerksames Entgegenkommen des Blicks bemerklich. Er konnte die andere Natur, den Eindruck unverkümmert und unbestritten an sich heran lassen und ihm Stand halten, weil er ihm recht zu begegnen verstand. Das nennt man eben Verstehen. Hiedurch war jeder vorschnellen Einmischung des Persönlichen in das Naturbild vorgebeugt. Dennoch ist diese Enthaltsamkeit eine That der Person, die eben in diesem Sinn aus dem Werke spricht und manchmal einen mächtigen Einfluß ausübt, zunächst aber leicht einen unbequemen. Denn wir sind an gewisse Zubereitungen gewöhnt und die Natur ist nicht zubereitet. - Nun das ist schließlich auch Geschmackssache.
Wahrer Geschmack jedoch verläugnet sich nicht, sondern er bekennt sich. Und wie sich Eysen in seinen Landschaften zur "freien" Natur bekennt, so in seinen Personenbildnissen zur Bestimmung. Diese Bauernporträts sind weder bloße gute Studienköpfe, ebensowenig Bauernidyllen, noch ist das Bäuerliche selber als Ton angeschlagen. Schon die Größe - scheinbar etwas überlebensgroß - berührt eigenartig. Es sind Denkmäler der "denkenden" Natur, es sind "Naturen". Daß es Bauersleute sind - das, sieht man, hat nur Theil an ihnen, es ist bloß ihre, wenn auch interessante, Lebensstellung. Ein Mensch zu sein, ist SchicksaL und trotz Allem Mensch zu sein ist Natur und unsere freie Bestimmung.
Alles dieß redet und erzählt aus Eysen's Bildnissen. Diese Gabe des Künstlers, den Geist zu meinen und anzutreffen, offenbart sich auch sehr bezeichnend da, wo er sogenannte todte Natur nachbildet, nämlich in den Stillleben, z. B. in der "Ecke mit dem Jünglingsporträt"; man möchte das Dargestellte als Umgebung einer abwesenden, aber ganz bestimmten Person ansprechen, als durchgeistigte Umgebung.
Nicht daß diese Wirkung, diese eigenthümliche Beseelung beabsichtigt war, sie hat sich aber eingestellt - man kann sagen unter der Hand - bei einem Maler, dessen Augenmerk eine richtige Werthung des Stofflichen war. Dadurch ist in diesen Stilleben, wo sich Metalle, Holzwerk, Zeuge, Glas, Porzellan dicht bei einander vorfinden, ein innerer Abstand von großer Bedeutung gewahrt.
Der geheimnisvolle Kredit, womit sich die Natur auf ihre sogenannten Rohstoffe austheilt, - diesen weiß der Maler herauszuziehen und dadurch in jeder dargestellten Einzelheit des Bildes eine andere Summe von absolutem natürlichem Gehalt auszuspielen. Das ist es, was als Ruhe, ja als Würde wirkt: Es ist die Natur, die der Künstler liebte, suchte und ehrte. Möchten wir den Entschwundenen in seinen Werken ebenso ehren, suchen und lieben.

Erinnerungen an Louis Eysen
E. v. Th.- Meraner Zeitung 31.1.1900
 
Nochmals dem Andenken des Malers Louis Eysen, dessen Nachlaß-Ausstellung gestern geschlossen wurde, einige Zeilen zu widmen, werden wir von einem Freunde unseres Blattes, E. v. Th., ersucht. Dieser schreibt uns:
Maler Louis Eysen wohnte bis zum Herbste 1898 in der Villa Holstein (jetzt Lourdes). In seinem Atelier war eine vornehme Einfachheit; es herrschte eine gewisse weltabgeschiedene Stille und das Wort aus "Faust" bekam Bedeutung: "Du mußt es dreimal sagen", denn dreifach war die Doppelthür verriegelt und nur Erlesene ließ er ein. Dort im Silberlichte der Atelierbeleuchtung fand man Eysen mit seinen Modells. Über den Vorhang, der zur Hälfte das Fenster verdeckte, schaute die Zielspitze wie ein mächtiger Adler herein und ein unsicheres Licht fiel auf die an den Wänden aufgestapelten Skizzen und Bilder, von deren Existenz so Wenige wußten. Nur wenige Photographien standen umher, wenn ich mich recht erinnere: Schopenhauer, der Frankfurter Philosoph, ferner Sarah Bernhardt und - Bismarck. Ein sonderbares Kleeblatt. Schopenhauers Werke hatte er gründlich studiert, wie denn Eysen überhaupt ein durch und durch fein gebildeter Mann war. Sarah Bernhardt hingegen hatte er einen Platz in seinem Atelier angewiesen, um, wie er sagte, "gewisse übersittliche Naturen" zu erschrecken. Bismarck aber war sein Ein und Alles, er sah in ihm weniger den preußischen oder deutschen Staatsmann, als - um mit Nietzsche zu reden - den Übermenschen, an dem ihn die unbewußt künstlerische Heldenart entzückte; so hatte er denn jenes Bild des großen, gewaltigen Kanzlers, wie er mit den zwei große Doggen im Parke unter den Bäumen sitzt, durch die der Thauwind seine geheimnißvollen Harfenklänge ziehen läßt, ganz losgelöst von der Politik, lebend mit der ewigen Natur. Eysens Verkehr mit seinen Modellen hatte etwas Herzerfrischenden, es war ein Vergnügen, zu sehen, wie diese biederen Tiroler dasaßen und auf seine Fragen eingingen: das sei doch unverfälschtes Volksleben, so meinte er immer wieder, jene Leute plauderten weit interessanter als unsere "Backfische"' u.s.f.
Er glaubte fest an jene Novelle, da Bismarck als fahrender Student in das Ultenthal kommt, um bei St. Gertraud eine Tochter des Landes lieben zu lernen; es war ein Vergnügen, mit Eysen im Tirolerlande Touren zu machen, für Alles hatte er einen feinen Blick und wußte, was er sah, in wirklich origineller Weise wiederzugeben. Im Jahre 1894 traf ich Eysen, nach einer kleinen Rundreise in Oberitalien, in Innsbruck. Es war der Ostertag und vor der Hofkirche, der Gruftkirche Maximilians, promenierten die Offiziere, Studenten, die Damenwelt u.s.f. Eysen war sehr gut aufgelegt und bedachte Alle mit theils liebenswürdigen, theils sarkastischen Bemerkungen; die österreichische warmherzige Art war ihm sympathisch, später meinte er aber: die Musik, die Kirche und die - allzu schönen Frauen seien die größten Gegner des "Volkes der Phäaken"; immer wieder aber fügte er hinzu, er sei in dieser Hinsicht sicher präjudiziert. Später waren wir in Mühlbach bei Franzensfeste und besuchten dort die Bergfeste Rodenegg an einem wundervollen Frühlingstage; immer war er der gleiche einfache, liebenswürdige und feine Gesellschafter. Über Religion sprach er selten; wenn dieses jedoch geschah, mit Ernst. Ich habe ihn nur einmal in einer evangelischen Kirche gesehen, damals als der jetzige Pfarrer Dr. Selle gewählt wurde und er meinte, seiner Wahlpflicht nachkommen zu müssen; er sehnte sich danach von echtem Christenthum und werkthätiger Liebe etwas zu vernehmen. Ich entsinne mich auch jenes Abends, da man zu Meran das Papstjubiläum feierte und die flammenden Berge bis weithin im Lichterglanze funkelten, es machte auf Eysen einen tiefen Eindruck, und als wir später beim Wein saßen, äußerte er sich in der Weise: Als er vor der Kirche Maria Invidata in Riva einst eine arme Frau mit dem Kinde auf dem Arme sah, deren Äußeres ihm den Gedanken an die Gottesmutter suggerieren mochte, nahm er seine Börse und gab ihr Alles, was just darinnen war; so konnte dieser als schroff geltende Mann wieder weich und impulsiv sein wie ein Kind. Und nun sei es genug der Erinnerung! Vita somnium breve. Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.