Heinrich Fricke über Louis Eysen

nach K. Scheffler: Louis Eysen
in Kunst und Künstler XV, 1917, S. 397
 
"Ich lernte Eysen im Sommer 1896 in Obermais kennen. Ich wußte vorher nichts von ihm. Er bewohnte mit seiner Schwester Mary das Hochparterre der ihm gehörenden Villa "Holstein" in Untermais, die beiden oberen Etagen vermietete er. In dieser Wohnung benutzte er ein nach Westen gelegenes Zimmer, das auch an der schmalen Nordseite ein Fenster hatte, als Atelier - wenn man es so nennen will, denn es unterschied sich von einem Wohnzimmer nur durch ein kleines Podium und ein kurzes Stück Holzgetäfel, das vor die Tapete gestellt war. Das Nordfenster hatte nur im Winter Himmelslicht, wenn die davorstehenden Bäume unbelaubt waren. Er sah vom Nordfenster aus gegen den Pfarrthurm von Meran und den dahinterliegenden Küchelberg. Hier hingen auch ein paar von seinen Bildern, aber, wie ich gleich bemerken will, nicht solche, welche seinen hohen Qualitätswert als Landschafter zeigten. Ein paar feine Familienporträts von Schwester und Mutter und das fast als Kuriosität anzusprechende Bild "Hans der Troddel". Aber dieses Atelier war fast eine Geheimkammer, insofern nur ganz vertrauten Personen aufgetan wurde, wenn sie sich durch dreimaliges Klopfen an der Sondertür legitimierten. Sonst empfing er im gemeinschaftlichen Wohnzimmer mit der ihm eigenen zugleich freundlichen und zurückhaltenden Art. Seine äußere Erscheinung und sein Auftreten waren vornehm, gelassen, mit einer Haltung, wie sie internationalen Menschen eigen ist. Sein Verkehr beschränkte sich auf einige Familien der besten Gesellschaft von Mais. Äußerlich trat der Künstler nicht in Erscheinung - er verbarg sich eher vor der Welt, wie er sein Atelier verbarg, wie er seine Bilder verbarg; er hatte zur Welt seine Distanz genommen, seine Persönlichkeit war so stark, daß ihn die Welt nicht überwinden konnte. Meine Anregung wieder auszustellen, wies er ab, er hatte einmal in München, einmal in Wien Bilder ausgestellt, war aber tot gehängt worden. Seitdem verzichtete er. Er zeigte mir die Holzschnittarbeiten seiner Jugendzeit und die dazugehörigen Holzstücke; säuberlich eingewickelt kamen sie wieder, wie zur letzten Ruhe gelegt, in den Schrank. Meine Frage, ob es ihn nicht reize wieder zu schneiden, erledigte er durch Hinweis auf seine schwachen Augen. Beim Arbeiten trug er eine Brille und ich bedaure heute, selber Astigmatiker, daß ich mich damals noch nicht so eingehend mit der für den Künstler in Betracht kommenden Optik befaßt hatte, um zu studieren, wie weit manche Eigentümlichkeiten der Modellierung und Dimensionierung, namentlich bei seinen gezeichneten Köpfen, auf das Konto eines speziellen optischen Defektes zu setzen sind. Diese Feststellung hätte mir deswegen wichtig sein müssen, weil sein optischer Apparat (ich meine nicht nur das Auge, sondern auch die Intelligenzkammer) bei Fixierung absoluter Tonwerte enorm sicher arbeitete, die schwierigsten koloristischen Wertungen aufgriff - dagegen aber einseitig, das heißt formal unsicher arbeitete, je mehr eine mathematische Grundform ein Anrecht auf gebührenden Platz behauptete. Es kann dem feiner sehenden Auge nicht entgehen, daß er, sicher unbewußt, oft eine mathematische Potenz vergewaltigt, um die malerische Valeur zu erhöhen. Seine Landschaften werden dadurch frei vom Zwang der Camera obscura. Und wenn Lindenschmit in seinem Aufsatz über Eysen sagt: ,So gab er gerade das Freie der Natur, das, was sich nicht greifen läßt', so empfindet er dasselbe instinktiv. Das zeigt auch zugleich den ,unverbildeten' Künstler, von dem Lindenschmit spricht, insofern er durch keine elementare Formenschule, besser gesagt Formenpresse, gegangen war und wohl kaum fähig zur Aufnahme eines mathematischen Formalismus gewesen wäre."