Louis Eysen



  W. Leibl: Louis Eysen 1870
Louis Eysen wurde am 23.11.1843 in Manchester geboren als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns im Seidenfärbergewerbe, der aus beruflichen Gründen bis 1850 in England lebte. Die Familie seines Vaters war seit dem 18. Jahrhundert in Frankfurt am Main ansässig, während die Vorfahren seiner Mutter aus den Niederlanden stammten. Schon vier Jahre nach der Rückkehr nach Frankfurt verstarb der Vater. Er hinterließ ein ansehnliches Vermögen, das es seiner Witwe, seinem Sohn Louis und dessen Schwestern Mary und Emma ermöglichte, ein Leben frei von materiellen Sorgen zu führen. Schon früh erwachte in Louis Eysen das Interesse für die Kunst und nach der Schulzeit schrieb er sich 1861 im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt ein. Allerdings belegte er dort nur Zeichenunterricht bei dem Lehrer für Architektur Andreas Simons. Zusätzlich nahm er Privatstunden bei dem Historien- und Landschaftsmaler Friedrich Karl Hausmann. Zusätzlich erlernte der den Holzschnitt bei Alexander Stix. Diese Technik war es auch, auf die sich Eysen bis 1869 hauptsächlich konzentrierte.
In der Zeit nach 1865 unternahm Louis Eysen verschiedene Reisen nach Berlin und München zum Besuch von Galerien. Mit Peter Burnitz unternahm er gemeinsame Studienausflüge. In München lernte Eysen Viktor Müller kennen. Auch mit dem um ein Jahr jüngeren Wilhelm Leibl freundete er sich an, der eine Gruppe von Malern um sich scharte, die sich dem Prinzip einer realistischen Freilicht- und Portraitmalerei verschrieben (Münchner Realismus). Im Jahr 1869 ging Eysen nach Paris, dem damals unangefochtenen Zentrum der europäischen Malerei. Er traf mit Adolf Schreyer und Otto Scholderer zusammen. Bei letzterem nahm er für kurze Zeit Unterricht, anschließend bei dem Portraitisten der Belle Epoque Léon Bonnat. Auch begegnete er dem glühend bewunderten Vorbild Gustave Courbet. Auf Zuspruch der Pariser Freunde, insbesondere Schreyers wandte sich Louis Eysen endgültig der Malerei zu und äußerte später "Paris hat mich zum Maler gemacht".

Im Vorfeld des deutsch-französischen Kriegs kehrte Eysen 1870 nach Frankfurt zurück, im Jahr 1873 ließ er sich dann in Kronberg nieder. Er hielt weiter rege Kontakte mit dem Münchner Leibl-Kreise, der als "Träger der Coubetschen Infektion" im Gegensatz zum offiziellen Kunstleben stand, und befreundete sich mit Wilhelm Steinhausen und insbesondere mit Hans Thoma. Von der Taunuslandschaft erhielt Eysen Anregungen für seine Landschaftsmalerei, er schloß sich aber den gleichzeitig dort tätigen Künstlern der Kronberger Malerkolonie nicht näher an. Er wollte nur die Natur selbst als Lehrmeister anerkennen und wandte sich vehement gegen die vorherrschende Auffassung, wonach es die Aufgabe des Künstlers sei, der Landschaft eine poetische Stimmung aufzuprägen oder bestimmte Gedankeninhalte zu transportieren. So schrieb er in einem Brief an Hans Thoma am 11.1.1879: "Ganz nach meinem Sinne geht Ihre Richtung, die Natur, die Welt, wie sie gesehen wird malerisch darzustellen und nicht eine Gedanken- und Empfindungswelt zu verwirklichen. Ich kann mich nicht mit jenen Bildern aussöhnen, deren Schwerpunkt in der Stimmung, der Empfindung und dem Gedankeninhalt liegt, das mag drinnen sein, aber als Nebensache". So kam es, daß Eysen im Frankfurter Kunstverein eine Außenseiterrolle spielte und seine Arbeiten eher ablehnend beurteilt wurden.
Schon seit längerem litt Louis Eysen unter einem Nerven- und Magenleiden, das auch durch Kuraufenthalte nicht geheilt werden konnte. Nach einem Aufenthalt in Südtirol im Jahr 1878 entschloß er sich, seinen Wohnsitz in diese klimatisch begünstigte Region zu verlegen und übersiedelte im folgenden Jahr gemeinsam mit der Mutter und den beiden Schwestern nach Meran. Er erwarb die Villa Holstein im Ortsteil Obermais, wo die Familie für die nächsten 20 Jahre (die Mutter starb 1884, die Schwester Emma 1894) ansässig blieb und ein zurückgezogenes Leben führte. Eysen pflegte zwar Kontakte zur Meraner 'guten Gesellschaft', war aber in seiner Rolle als Künstler fast vollständig isoliert, selbst der anfangs rege briefliche Kontakt mit Thoma und Steinhausen versiegte weitgehend.


    Selbstbildnis, 1874

Seine künstlerische Produktion setzte Eysen in Meran fort. Er erschloß sich die Hochgebirgslandschaft, unternahm Reisen in die Umgebung, etwa an den Gardasee, ins Ulten-, Ampezzo- und Pustertal. Neben Landschaften malte Eysen auch Stilleben und in vermehrtem Maß Portraits und Interieurs. Einsamkeit, ein Hang zu lähmenden Selbstzweifeln und das weitgehende Ausbleiben von Anerkennung führten dazu, daß sich Eysen immer mehr in sich zurückzog. Nur zweimal, 1888 zur Akademie-Ausstellung in Berlin und 1895 zur Jahresausstellung im Münchner Glaspalast, trat er mit Bildern an die Öffentlichkeit, die jedoch fast völlig ignoriert wurden. Ab etwa 1895 verschlimmerte sich Eysens langjähriges Leiden, auch Kuraufenthalte brachten keine Linderung. Im Sommer 1899 mußte er sich in München einer Operation unterziehen, in deren Folge er am 21.7.1899 fünfundfünfzigjährig in einer Kuranstalt in München-Neuhausen an Herzversagen verstarb. Bald nach seinem Tod veranstalteten Freunde eine Gedächtnisausstellung mit Werken Eysens, die zunächst im Januar 1900 in Obermais und anschließend in Karlsruhe, München, Berlin und Frankfurt mit großem Erfolg gezeigt wurde. Erst jetzt wurde das Werk dieses zu Lebzeiten öffentlich fast völlig unbekannten Künstlers gewürdigt.
Louis Eysen war ein Künstler, der zwar durch die Strömungen seiner Zeit beeinflußt wurde, dabei jedoch seinen eigenen Weg suchte und fand. Seinem zurückhaltenden und grüblerischen Wesen gemäß schloß er sich keiner Schule an, sondern bewahrte seine künstlerische Selbständigkeit. Gemessen an den gut dreißig Jahren künstlerischen Tätigkeit hinterließ Eysen ein nicht sehr umfangreiches Oeuvre. Sein Werkkatalog umfaßt neben den Zeichnungen und wenigen bekannten Holzschnitten etwa 180 Gemälde, die nur zum Teil erhalten sind. Eysen malte überwiegend kleine oder mittlere Formate. Das große Format bereitete ihm Schwierigkeiten infolge seiner langsamen, sorgfältigen Malweise aber wohl auch wegen mangelnden Selbstvertrauens.


   Kreidezeichung von
   W. Steinhausen, 1878

Das Hauptwerk von Louis Eysen - quantitativ wie qualitativ - hat seinen Schwerpunkt in der Landschaftsmalerei. Hier stand er in der Tradition des Realismus, wie er, im Anschluß an die französische Freilichmalerei, insbesondere die Schule von Barbizon, in Frankfurt gepflegt wurde. Ziel war die schlichte und natürliche Wiedergabe des Landschaftsmotivs in natürlicher Beleuchtung, ohne das Bestreben, vorgegebene 'Stimmungen' in das Bild hineinzutragen. In diesem Bestreben wurde Eysen durch Thoma und besonders durch Peter Burnitz beeinflußt, der in Frankfurt als Vorreiter für die neue französische Malerei wirkte. In der kühlen, nicht gefühlsbetonten Beobachtung des landschaftlichen Motivs geht Eysen schnell über die Tradition der Kronberger Maler hinaus. Idylle, Pathos oder dramatische Szenerien haben in seiner Kunst keinen Platz. Er verzichtet weitgehend auf Staffage und wählt alltägliche und unspektakuläre Motive. Die äußerlich unprätentiösen Bilder zeichnen sich durch eine hochentwickelte weiche und lockere, dabei aber das Motiv präzise beobachtende Malweise aus. Die Farbigkeit ist meist gedämpft und zurückhaltend, dabei auf das Feinste abgestuft. Hier steht Eysen in der Tradition der Tonmalerei, wobei ihm der Münchner Leibl Vorbild gewesen sein mag. Besonders Eysens Wiedergabe grüner Farbnuancierungen wurde von zeitgenössischen Malerkollegen wie Hans Thoma bewundert. Die Übersiedlung vom Taunus nach Meran war keine Zäsur in Eysens Werk. Auch die dramatischere Hochgebirgslandschaft konnte er mit seiner intimen Malweise erfassen.
Neben den Landschaftsbildern spielen die Stilleben eine wichtige, wenn auch zahlenmäßig weit geringere (19 Gemälde sind überliefert) Rolle in Eysens Werk. Seine frühen Bilder in diesem Genre stehen im Zeichen des französischen Realismus. Er bevorzugt einfache Motive, die in wohlerwogener räumlicher Komposition dargestellt werden. Die Farbpalette ist weiter gespannt als bei den Landschaftsbildern, verzichtet aber auf starke Akzente und setzt auf fein abgestufte Tonwerte. Die späten Stilleben kehren sich etwas von der modernen Auffassung der Frühwerke ab. Sie sind motivisch reicher und komplexer gestaltet und orientieren sich somit mehr an historischen Vorbildern.
Auch als Portraitist blieb Louis Eysen seiner realistischen, schlichten dabei aber genau beobachtenden Malweise treu. Auftrumpfende Salonportraits, wie sie sich bei seinen Zeitgenossen großer Beliebtheit erfreuten, waren nicht seine Sache. In seiner Frankfurter und Kronberger Zeit portraitierte Eysen fast ausschließlich Familienmitglieder. Besonders die Mutter hat er wiederholt gemalt und noch öfters gezeichnet. In Meran weitete sich der Kreis der Dargestellten. Neben bürgerlichen Portraits malte Eysen bevorzugt Bauern aus der dörflichen Umgebung Merans. Er genoß den Umgang mit diesen einfachen Menschen und er portraitierte sie in ruhiger und würdiger Haltung.
Louis Eysen vereinigt in seinem Werk Frankfurter, Pariser und Münchner Einflüsse zu einem eigenständigen Personalstil. Als Tonmaler trug er dazu bei, den Boden für einen "deutschen Impressionismus" zu bereiten. Aufgrund seiner zurückhaltenden und selbstzweiflerischen Persönlichkeit, die es ihm unmöglich machte, für sein Werk zu kämpfen, blieben ihm Anerkennung und Wirkung zu Lebzeiten aber versagt.


Selbstzeugnisse Louis Eysens

Nachruf auf Louis Eysen, Meraner Zeitung, Januar 1900

Heinrich Fricke über Louis Eysen

Hier finden Sie eine Auswahl der Werke Louis Eysens
Aus der Kronberger Zeit
Tiroler Landschaft
Stilleben
Portraits
Zeichnungen

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