Jean-Baptiste Camille Corot

   
*16. 7. 1796 in Paris, +22.2. 1875 in Paris; französischer Landschafts- und Porträtmaler, trug durch seine Stimmungsbilder und seine eigenwillige Darstellung des Lichts wesentlich zu einer impressionistischen Auffassung in der Malerei bei, obwohl er sich selbst zur klassisch-akademischen Tradition hingezogen fühlte. Corot nahm 1822 Malunterricht bei seinem erfolgreichen Altersgenossen A. E. Michallon, der jedoch noch im selben Jahr starb. Daraufhin ging er zu Victor Bertin, der eine Schule für Landschaftsmalerei im Stil Nicolas Poussins leitete. Poussin und Claude Lorrain betrachtete Corot immer als seine Vorbilder. Während seiner Studienzeit bei Bertin entstand sein erstes Landschaftsgemälde, Das Tor Guillaume (1822, Venedig, d' Arte Moderna di Ca' Pesaro). In zahlreichen Studien zu Landschaften, die er in dieser Zeit ausführte, zeigte sich bereits sein Wille zur präzisen Wiedergabe des betrachteten Gegenstandes. Seine bekanntesten Bilder dieser Zeit, Das Forum und Das Kolosseum, von den Farnese-Gärten des Palatin gesehen (beide 1826, Paris, Musée National du Louvre), entstanden nach über 30 Arbeitssitzungen am gleichen Motiv - unter dem Spott der Rom-Stipendiaten an der Villa Medici.
Die Brücke von Narni, 1826
Bei Naturstudien in den Sabiner Bergen, in Albano, Frascati und Tivoli entstand u. a. Die Brücke von Narni (Paris, Musée National du Louvre), ein meisterhafter Entwurf, nach dem er ein Bild für den Salon von 1827 anfertigte. Corots Fähigkeit, seinen Gemälden eine ungewöhnliche Klarheit und Transparenz zu verleihen, zeigt sich auch in seinen Porträts aus dieser Zeit (Italienerin mit Mandoline, Paris, Musée National du Louvre; Melancholische Italienerin, Merion [Pennsylvania] , Barnes Collection). Nach Paris zurückgekehrt, verarbeitete er die Eindrücke seiner Italienreise abseits vom öffentlichen Streit zwischen romantischen und klassizistischen Malern. Engeren Kontakt knüpfte er lediglich zu einigen Landschaftsmalern, vor allem zu Charles-François Daubigny, und er bewunderte Gustave Courbet, ohne sich um persönlichen Kontakt zu bemühen. Corot kritisierte Théodore Rousseau und ganz besonders Jean-François Millet, dem er eine zu bombastische Behandlung selbst der einfachsten Sujets vorwarf. Außer in seiner Wahlheimat Ville-d'Avray entstanden zahlreiche Landschaftsbilder auf seiner Reise durch Frankreich. Er malte in der Normandie, in Crécy-en-Brie, in der Beauce und in Paris. Das Bild Die Kathedrale von Chartres (1830, Paris, Musée National du Louvre) zeigt noch immer die hellblauen und ockergelben Farben seiner italienischen Landschaften, aber sie erscheinen abgemildert, durchsetzt von duftigem Perlgrau, einer von Corot untrennbaren Farbe.
Corot fand neue Motive und versuchte mit Nachdruck, ein großer traditioneller Maler zu werden. So zeigte er im Salon mythologische, religiöse oder an literarischen Vorbildern orientierte Gemälde, die bei aller meisterhaften Bearbeitung oft recht nüchtern wirkten, aber trotzdem die Begeisterung der Kritiker hervorriefen (Silen, 1838, St. Paul [Minnesota], L. W. Hill Collection; Hl. Hieronymus, 1837, Kirche von Ville-d'Avray). Er malte in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren vorwiegend Landschaften mit extremem Stimmungsgehalt, die ihm den Ruf verschafften, Anbeter von Dämmerung und Morgenrot zu sein (Ein Morgen, Tanz der Nymphen, beide 1850, Paris, Musée National du Louvre). Seine Leichtigkeit in der Bildherstellung kam von seinen intensiven Studien über die Wirkung des Lichts her, das auf seinen Bildern immer feiner abgestuft erschien, so daß sie zahlreiche impressionistische Stilmittel vorwegnahmen.
Bilder wie Der Hafen von La Rochelle (1851, New Haven, Yale University, Art Gallery) und die verschiedenen Ansichten von St-Lô (u. a. Paris, Musée National du Louvre) kennzeichnen den Beginn dieser dritten Schaffensphase. Corot, hilfsbereit und freundschaftlich, malte für verschiedene Händler in kürzester Zeit minderwertige Bilder und setzte sogar seine Signatur auf Bilder notleidender Imitatoren. Er versank, während die realistische Malerei um ihre Berechtigung kämpfte, immer mehr in Träumerei und Phantasie. In seinen reifen Gemälden, in denen er auf alle mythologischen Beigaben verzichtete, spielte die Stimmung die wichtigste Rolle. Aber im Gegensatz zu den Impressionisten, die die festgefügten Formen im Licht auflösten, bemühte sich Corot, die Zusammensetzung der Naturelemente nach seiner Empfindung im Bild nachzuvollziehen. Er ging von einer Naturerfahrung aus, in der jedes kleinste Element seine einzigartige Bedeutung hatte, und setzte diese Elemente zum Stimmungsbild zusammen, wobei ihm sein Farbgefühl und seine zeichnerische Bravour zu Hilfe kamen ( Erinnerung an Mortefontaine, 1864, Paris, Musée National du Louvre). Ein Gichtanfall hinderte Corot an weiteren Landschaftsexkursionen. So verlegte er sich in seinen letzten Lebensjahren auf die Porträtmalerei, vor allem auf Frauenbildnisse, mit denen er sich zwischendurch immer wieder beschäftigt hatte (Claire Sennegon, 1845; Maurice Robert, 1857, beide Paris, Musée National du Louvre). Seine späten Porträts ( Frau in Blau, um 1869; Zigeunerin mit Tamburin, 1870, beide Paris, Musée National du Louvre) führte er ohne psychologische Absichten, aber mit Sicherheit und Freiheit aus.
Mit den Clichés verre (Glasklischees) entwickelte Corot eine eigene, der Radierung ähnliche Technik, bei der auf einer eingeschwärzten Glasplatte die Zeichnung eingeritzt wird. Mit lichtempfindlichem Papier erhielt er dann durch Kopie beliebig viele Abzüge (Selbstbildnis, 1858). Nach seinem Tod 1875 orientierten sich vor allem Edgar Degas und noch später die Kubisten an seinen robusten Figurendarstellungen, so z. B. Georges Braque, der die Zigeunerin mit Mandoline (1874, São Paulo, Museu de Arte) kopierte. Den Impressionismus, den er vorbereiten half, hatte er verkannt: Er hatte Édouard Manet abgelehnt und Camille Pissarro zunächst ermutigt und dann kritisiert. Unabhängig vom späteren Impressionismus machen ihn jedoch seine tiefen, dem Traum und dem Gefühl verbundenen Bilder zu einem der bedeutendsten Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts.
Literatur
  • A. Coquis, Corot et la critique contemporaine, Paris 1959.
  • G. Bazin, Corot, Paris 1973.
  • J. Leymarie, Corot, Genf 1979.
  • O.Mackovâ, C. Corot, Prag 1983.
  • Ausstellungskataloge:
  • H. Wagner, Corot, Kunstmuseum, Bern, 1960.
  • S. Lane Faison u. J. Merrill, Corot, TheArt Institute of Chicago, Chicago, 1960.
  • Dessins de Corot, Musée National du Louvre, Cabinet des Dessins, Paris, 1962.
  • Corot, The Arts Council, Edinburgh u. London, 1965.
  • Corot, Galerie Wildenstein, New York, 1969.
  • Corot, Galerie Schmit, Paris, 1971. Hommage à Corot, Peintures et dessins des collections françaises, Orangerie des Tuileries, Paris, 1975.
  • Millet, Corot and the school of Barbizon, Museum of Modern Art, Hyogo, 1980.
  • Werkverzeichnis: P. Dieterle, C. Corot, Trente dessins avec un catalogue raisonné, Paris 1974.
 
Link: Corot im WebMuseum, Paris.

Quelle: Lexikon der Kunst in zwöf Bänden, Karl Müller Verlag, 1994

Zurück