Einleitung

 
"Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke,
Der Enge zu, die uns allein beglücke."
Goethe (Kampagne in Frankreich).
 
In den Umwälzungen, die auch in künstlerischer Beziehung die Jahre nach dem Kriege mit sich brachten, sind manche Künstlerpersönlichkeiten - einstmals geliebt und gefeiert - mehr oder minder in Vergessenheit geraten. - Dies gilt besonders auch von einer Reihe von Malern des vorigen Jahrhunderts, die mit Frankfurt am Main eng verbunden waren, sei es durch ihre Abstammung, sei es durch ihren Anschluß an die Malervereinigung, die späterhin allgemein als die "Kronberger Malerkolonie" gekennzeichnet wurde.
Im Goethejahr 1932 wurde vom Frankfurter Kunstverein der Versuch gemacht, durch eine Ausstellung unter dem Titel
Hundert Jahre Frankfurter Kunst
1832-1932
die Werke jener Epoche der Bevölkerung wieder näher zu bringen, doch gelang es durch die Auswahl der ausgestellten Werke nicht so recht, ein zusammenhängendes Bild der Entwicklung zu vermitteln. Immerhin vermochte die Ausstellung, die über das lokale Interesse hinausgehende Bedeutung einer großen Anzahl von Künstlern deutlich zu veranschaulichen und so zu erneuter Beschäftigung mit ihrem Schaffen anzuregen.
Unterstützt wurden diese Bemühungen vor allem durch die Veröffentlichung Heinrich Weizsäckers und Albert Dessoffs[1]: "Kunst und Künstler in Frankfurt am Main im neunzehnten Jahrhundert", die auf Veranlassung des Frankfurter Kunstvereins erfolgt war und bereits eine "zusammenfassende Darstellung der künstlerischen Tätigkeit, deren Schauplatz im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts Frankfurt gewesen war"[2], gegeben hatte.
Seit der erwähnten Ausstellung im Jahre 1932 ist das Interesse an den Werken des vorigen Jahrhunderts merklich gewachsen. Auch der Kunsthandel hat sich - diesen Bestrebungen Rechnung tragend - wieder mehr den Künstlern jener Epoche zugewandt und widmet den Werken der Frankfurter Maler des 19. Jahrhunderts größere Aufmerksamkeit. - Die willkommene Aufnahme einer vor noch nicht zwei Jahren erfolgten Publikation über Otto Scholderer[3],[4] zeigt das starke Interesse für die Werke dieser Kunstrichtung, zumal es zum ersten Male unternommen wurde, das Werden und Wirken eines Frankfurter Meisters dieser Zeit gesondert und in den einzelnen Phasen seiner Entwicklung zu behandeln.
Neben Scholderer ist es vor allem Carl Peter Burnitz, dessen Werk es verdient, dem Dunkel der Vergessenheit entrissen zu werden, nicht nur weil sein reichhaltiges Schaffen zum großen Teil der heimatlichen Landschaft gewidmet war, sondern weil er - fremde Eindrücke rezipierend und auf seine Weise verarbeitend - so der heimatlichen Kunst neue Anregungen bot, die nicht ohne Einfluß auf die mit- und nachschaffende Generation geblieben sind. - Es ist der Zweck der vorliegenden Arbeit, den Lebensgang dieses Meisters zu erschließen und seine Werke, soweit sie für mich erreichbar waren, kritisch zu ordnen. - Die Auffindung und Besichtigung der Werke war nicht immer leicht, da sich nur verhältnismäßig wenige der wichtigen Bilder in öffentlichen Sammlungen, viele dagegen zerstreut in Privatbesitz befinden. Insbesondere war die photographische Aufnahme von Bildern im Privatbesitz häufig erschwert.
In fast allen Fällen bin ich auf freundliches Entgegenkommen gestoßen (nur in zwei Fällen wurde die Besichtigung verweigert), und ich möchte an dieser Stelle allen denen danken, die mir gestattet haben, ihren Bildbesitz zu besichtigen und Aufnahmen zu machen.
Die Zahl der Bilder wird später noch zu ergänzen sein. Manches Bild aus der Zeit der Tätigkeit des Malers in Deutschland wird durch Zufall, bei Besitzwechsel, Versteigerung zum Vorschein kommen. Von den Bildern der Frühzeit in Frankreich sind manche an unbekannten Orten verblieben oder durch Feuer vernichtet worden. (s. S. 7)