II. Das Werk

B. Werke aus der Zeit des Aufenthalts in Deutschland

  Stellt man sich Burnitz' künstlerische Tätigkeit so vor, als habe er nach Art der "Impressionisten" seine Bilder in einem Zuge an Ort und Stelle ausgeführt, so geht man durchaus fehl. Davon zeugen die vielen Skizzen und Entwürfe in Aquarell, Kohle und Kreide, vorzüglich aus der Zeit, die auf seine Rückkehr aus Frankreich folgte: Dorfmotive und Baumgruppen insbesondere im nahen Taunus, (Werk-Verz. Nr. 303, 307, 378) aber auch am oberen Mainufer (Werk-Verz. Nr. 379, 380) werden mit Eifer studiert, zeitweilig scheint ein gelegentlicher Aufenthalt in Bernried stattgefunden zu haben, wovon mehrere Zeichnungen[68a] und ein Aquarell (Werk-Verz. Nr. 38) erzählen. Schließlich bietet die Gerbermühle mit ihren ehrwürdigen Bäumen mannigfache Anregung. Welch ein liebevolles Sichversenken in diesen von Erinnerungen geheiligten Ort, an dem Goethe als Gast Willemers im Jahre 1815 weilte, spricht aus der Kreidezeichnung, (Werk-Verz. Nr. 332) die eine Baumpartie in der Nähe der Gerbermühle zum Vorwurf hat. - Mit minutiöser Genauigkeit ist hier jeder Ast, jedes Blatt, jeder Grashalm wiedergegeben, und doch gelingt es Burnitz, mit den geringsten Mitteln auch hier ein Licht hervorzubringen, das alles zu einer beglückenden Einheit zusammenschließt. Hier erklingt dieselbe Melodie, wie in den Worten, die in jenen Sommertagen des Jahres 1815 Goethe auf ein Aquatinta Blatt der Rosette Städel (Mariannes Stieftochter) geschrieben hat, das den Blick auf Frankfurt von der Gerbermühle aus wiedergab:
"Fluß und Ufer, Land und Höhen
Rühmen seit geraumer Zeit
So Dein Kommen, so Dein Gehen,
Zeichen Deiner Thätigkeit".
Es war kein Wunder, daß solche Blätter, ursprünglich nur als Studien gedacht, Aufsehen erregten und den Prestel-Verlag veranlaßten, eine Anzahl zu reproduzieren und unter dem Titel: "20 Kohlezeichnungen von P. Burnitz" bereits im Jahre 1860 herauszugeben.
Wie Burnitz damals seine farbigen Darstellungen durch sorgfältige Studien vorzubereiten pflegte, zeigt vielleicht am eindringlichsten die Kreidestudie 7414 des Kupferstich Kabinetts Frankfurt am Main (Werk-Verz. Nr. 333) zu den "Weiden am Bach" (Städtisches Kunstinstitut Nr. 1524)
Kaum eine Einzelheit ist auf dem Bilde (Werk-Verz. Nr. 108) vorhanden, die nicht schon auf der Zeichnung zu finden wäre, auch die Wasserreflexe, ein bei Burnitz beliebtes Kunstmittel, sind genau beibehalten; nur manche Härten der Zeichnung werden ausgeglichen durch die Farbe, die auch hier noch mit dünnem Pinsel aufgetragen wird.
In der Landschaft herrscht ein kreidig-silbriges Grün vor. Kräftiges Grün im Vordergrund, während der kreidige Charakter des Grüns nach der Tiefe zunimmt. In dieser Periode entstehen viele Bilder noch meist kleinen Formats, in denen Burnitz nur Bäume oder gar nur Teile von Bäumen malt, zwischen denen hindurch man auf eine Wiese (Werk-Verz. Nr. 152), auf einen Bach (Werk-Verz. Nr. 153), auf einen Dorfrand (Werk-Verz. Nr. 75) blickt. Ein besonders typisches und glückliches Beispiel dieser Gruppe ist das Bild im Besitze des Herrn S. Posen in Frankfurt am Main:
"Schwanheimer Eichen" (Werk-Verz. Nr. 74) Im Vordergrund inmitten einer Wiese der untere Teil eines Eichenstammes. Rechts und links davon im Mittelgrund zwei weitere starke und mehrere dünne Eichbäume. Im Hintergrund die Silhouette des Dorfes und dahinter - angedeutet - die Hügelkette; der Himmel ist bedeckt von silbrigen Wolken - silbriges Licht fällt durch die Bäume und auf die rechte Bildecke.
Die Pinselführung ist breiter als früher, der Auftrag der Farben stärker, fleckiger.
Diese einmal aufgenommene Melodie wird nun in der reichsten Weise variiert. Die bescheidensten Motive locken den beschaulichen Künstler am meisten. Strohgedeckte Bauernhäuser am Waldrand, (Werk-Verz. Nr. 159), am Bach (Werk-Verz. Nr. 160) werden als Vorwurf benutzt. Meist werden solche Gegenden gewählt, wo ein kleiner Bach sich schlängelt. Kaum kenntliche, kleine Staffage-Figuren, hier eine Frau, die im Bache Wasser schöpft, und zwei Kinder, die im Grase spielen, beleben als Farbflecken die tonige Stille.
Wasser und Wald sind die Elemente der Burnitz'schen Kunst. Nie ist er glücklicher, überzeugender, als wenn er sich "der Einsamkeit ergibt", entfernt von dem Getriebe der Stadt, einen Weiher malt, der von Schilf umstanden ist, (Werk-Verz. Nr. 53) oder einen Bergsee, (Motiv von Bernried) (Werk-Verz. Nr. 138) der vom stillen Hochwald umsäumt wird.
Auch Flußlandschaften sind überaus zahlreich. Häufig taucht ein Motiv aus der Gegend von Heusenstamm auf: Eine steinerne Brücke, die über den Fluß führt und auf der ein Ochsengespann fährt. - (Werk-Verz. Nr. 161). Oder der Lauf eines Flusses mit blühenden Wiesen und hochragenden Bäumen. (Werk-Verz. Nr. 163).
Nach und nach vergrößert sich das Format der Bilder, eine Neigung zum Breitformat macht sich geltend (vielleicht als Einfluß der damals wieder in Mode kommenden Supraporten). Dieses Schema ist bereits ausgebildet in der
"Fluß-Landschaft mit Pferden auf der Weide"
des Städelschen Kunstinstitutes (Nr. 1440) (Werk-Verz. Nr. 164).
In der Nachmittagsstimmung eines Sommertages zieht sich der Fluß durch die mit Baumgruppen, Sträuchern und Weidenstümpfen bestandene Landschaft. An einem Weidenstumpf vorn lehnt ein Fuhrmann in heller Bluse in Seitenansicht nach links, vor ihm sitzt ein Hündchen, rechts von ihm grasen Pferde. Auf dem Fluß liegen drei Boote. Ein toniges Grün ist die vorherrschende Farbe. Der Himmel ist von hellem Gewölk umzogen, das sich im Wasser spiegelt.
Naturgemäß sind von den Flußlandschaften diejenigen am Main die häufigsten.
Die Darstellungen weiden jetzt räumlicher, der Blick schweift mehr in die Weite als vordem, die leicht verwischten Bäume fügen sich stiller in die ausgedehnte Landschaft ein. (Werk-Verz. Nr. 34).
Der Blick auf Frankfurt über den Main hinüber von der Gerbermühle aus und von jenseits der Gerbermühle wird besonders gerne gewählt. (Werk-Verz. Nr. 36 und Nr. 37).
Eine vortreffliche Ílstudie mit dem gleichen Thema besitzt das Stadtgeschichtliche Museum Frankfurt am Main. (Werk-Verz. Nr. 38). Alle diese Darstellungen zeigen in der Ferne den Dom in seiner Gestalt vor dem unglückseligen Brand des Jahres 1867 und bieten so einen äußeren Anhaltspunkt für die Entstehungszeit.
Wenn auch die Einzelheiten, insbesondere im Vordergrund, noch deutlich erkennbar sind, so macht sich doch bemerkbar, daß die Pinselführung noch breiter, der Farbenauftrag noch fleckiger geworden ist. Geblieben ist das tonige Grün als vorherrschende Farbe, die mit rötlich-bräunlichen Schattierungen wechselt, das silbrige Grau des stark bewölkten Himmels und die vereinzelten Valeurs der spärlichen Staffage.
Ein typisches Bild dieser Epoche ist "Der rote Hamm" im Besitze des Herrn Simonis in Frankfurt am Main (WerkVerz. Nr. 39). Eine fast identische Replik befindet sich im Besitze von Frau Konsul Rolfes in Frankfurt am Main: (Werk-Verz. Nr. 40). Von rechts her fließt der Main im großen Bogen, auf dem linken Ufer schlängelt sich ein Feldweg durch die Wiesen. Links davon stehen reife Getreidefelder, in denen vier Personen in weißen ─rmeln und farbigen Kopftüchern beschäftigt sind; weitere kleinere Figuren erscheinen jenseits des Kornfeldes. Im Vordergrund liegt am flachen Ufer ein Kahn mit zwei Männern, von denen der eine rechts die Bootstange hält. Ein dritter steht außen am Bootsrand. - Drei kleine Figuren gehen hinten auf dem Feldweg auf die Häuser des Gutshofs zu, die hinter der hohen Baumgruppe auftauchen.
Die hell- bis dunkelgrünen, teils gelblichen Töne sind durch weiß und rote Valeurs belebt. Der hellblaue Himmel ist von silbergrauen Wolken umzogen, die vom Wasser reflektiert werden. Der Farbenauftrag ist fleckig und breiter als zuvor.
Wie niemand vor ihm ist hier Burnitz der heimatlichen Landschaft nahe gekommen unter Ausschaltung alles effektvollen Beiwerks und allen "planmäßigen Aufbaus" von zahlreichen Einzelmotiven.
Als ein "Meisterwerk" von Burnitz wurde schon von Weizsäcker[69] das Bild "Wiesenplan" der Städtischen Galerie Frankfurt am Main (Städel Nr. G.S. 39) (Werk-Verz. Nr. 166) bezeichnet, das ursprünglich ein Geschenk des Künstlers an Victor Müller war. Der Vorwurf ist denkbar einfach. Eine sanft ansteigende Bodenwelle, die nur durch ein paar senkrecht aufstrebende, dünn belaubte Baumstämme unterbrochen wird. Der zartblaue Himmel ist von weißem Gewölk bedeckt. Sonst ist auch hier die Tonigkeit der Farbe gewahrt und nur unterbrochen durch einige kräftig gegriffene grüne und blaue Valeurs. Auch dieses Bild ist einmal wiederholt worden; die Replik befindet sich im Besitze des Herrn G. Pirazzi in Offenbach. (Werk-Verz. Nr. 167).
Ähnliches Bestreben zeigt die "Waldlandschaft" im Besitze von Herrn H. Netter Frankfurt am Main (Werk-Verz. Nr. 112), in dem in warmem Lichte ein Waldweg dargestellt ist, der durch hochragende Bäume dahinfährt, sowie die "Landschaft mit Pappeln" des Landesmuseums Darmstadt (Nr. 480 des Katalogs von 1914) (Werk-Verz. Nr. 169). Auch hier ein anspruchsloses Motiv: Links ein bebuschter Hügel, hinter dem hohe Pappeln aufragen, rechts ein reifes Kornfeld, an dessen Rand eine Frau in hellem Strohhut steht. Der Himmel ist dunstig grau mit weißlichem Gewölk, die Landschaft selbst zeigt silbrig grüne bis bräunliche Töne, die von dem matten Rot in der Tracht der Frau und in den Blumen belebt werden.
Kronberg, zeitweilig der Wohnsitz des Malers in den Sommermonaten, bietet Eine Fülle von Anregungen und wird in zahlreichen Fällen als Motiv gewählt, wie auf der vorzüglichen Landschaft im Besitze der Frau H.U. in Frankfurt a.M. (Werk-Verz. Nr. 80).
In hell- und dunkelgrünen, ins gelbliche und bräunliche gehenden Tönen steigen die Felder gegen die Burg hinan. Vorn die Staffagefigur eines hellbeleuchteten Bauern, der einen Schubkarren drückt. Von Kronthal her kommend, führt zwischen den ─ckern hindurch ein Pfad bergan, auf dem eine Frau mit einem Kind dem Ort zuschreitet.
Der Himmel ist fahlblau und von hell- und dunkelgrauen Wolken teilweise bedeckt. Auch das Kronberg benachbarte Schönberg liefert zahlreiche Motive. Von dort scheint die Landschaft des Städelschen Kunstinstitutes Nr. 1839 zu stammen, die inmitten einer mit hohen Bäumen und Büschen bestandenen Gegend zwei Knaben zeigt, die an einem Weiher spielen. (Werk-Verz. Nr. 170).
Von größtem Reiz ist die "Taunuslandschaft" der NationalGalerie Berlin (Nr. 843 des Katalogs von 1934). (Werk-Verz. Nr. 8).
Am Rande des im Hintergrunde sichtbaren Städtchens breitet sich ein welliges Wiesengelände aus, auf dem im Vordergrunde Kinder Blumen pflücken. Blühende Obstbäume ragen hoch auf und stehen kräftig gegen die weiß-grauen Wolken des Himmels. Die Wiese ist ein leichtgebräuntes tonreiches Grün. Die Baumstämme und Äste reiches Graubraun. Rosa in einigen Einzelheiten. Die Stadt in verhülltem Braunrot.
Auffallend ist das Bestreben des Künstlers zu einer gewissen linearen Strenge in Verbindung mit einer Weitung der Landschaft. Sicher hat in der Zeit der beginnenden Freundschaft mit Thoma ein gewisser Einfluß in dieser Richtung auf Burnitz stattgefunden, wie auch umgekehrt Thoma durch Burnitz stärker beeinflußt wurde, als das bisher bemerkt worden ist. Es sind nicht die schlechtesten Bilder Thomas, die die Burnitz'sche Palette aufweisen. So könnte die Thoma'sche
"Landschaft mit Hochzeitszug"[70]
der Frankfurter Städtischen Galerie Nr. 31 - wenn man von den Personen absieht - von Burnitz gemalt sein.
Das Studium des blühenden Baumes, des blühenden Strauches ist um diese Zeit von unserem Meister mit besonderem Eifer betrieben worden. Dafür zeugen manche Einzelstudien, die zum fertigen Bilde gediehen, wahre Kabinettstücke dieser Gattung sind. (Werk-Verz. Nr. 172). In manchen Landschaften werden solche hell blühenden Sträucher in den Vordergrund gesetzt und leiten das Auge zu den leise zerfließenden Formen der rückwärts liegenden Wiesen, Bäume und Häuser, (Werk-Verz. Nr. 174).
Um diese Zeit taucht auch - vielleicht eine kleine Konzession an die Geschmacksrichtung - ein leichter Zug zum romantischen, pittoresken auf - der indessen nicht lange anhält.
Die Schilderung bewegter Wasserläufe und Wasserfälle (Werk-Verz. Nr. 145-1-16), im Gebirge, die Wiedergabe alpiner Landschaften gelegentlich eines Aufenthalts im Engadin (Werk-Verz. Nr. 384) zeugen von Einflüssen dieser Art; auch der märchenhafte Einschlag der Kunstrichtung jener Epoche, deren hervorragendster Exponent in Frankfurt Victor Müller war, ist noch in der großen "Waldpartie bei Kronberg" (Städelsches Kunstinstitut Nr. 1301) Werk-Verz. (Nr. 82) anzutreffen, in der - traumhaft wie aus einer alten Rittersage - die Burg von Kronberg im Hintergrund auftaucht. Über den Wipfeln des hochstämmigen Buchenwaldes ragen die Höhenzüge des Taunus hervor. Im Vordergrund ist ein Tümpel. An ihm vorbei zieht sich ein Waldweg, der rechts von jungen Birken und links etwas weiter rückwärts von einer Reihe hoher schlanker Buchen umsäumt wird. Am Wegrand rechts ruht eine Resigsammlerin.
Der Katalog des Städel'schen Kunstinstitutes bemerkt hierzu: "Die Staffagefigur ist von Schreyer gemalt".
Eine dokumentarische Bestätigung dieser Feststellung war nicht zu erlangen. Wohl ist mir auch bei anderen Bildern, so z. B. bei der "Wiesenlandschaft" der Frau A. Heerdt (WerkVerz. Nr. 176) von der Besitzerin versichert worden, daß nach mündlicher Überlieferung die Staffage von Schreyer gemalt sei. Der Grund, aus dem Burnitz in diesem Falle die Staffagefigur nicht selbst gemalt haben sollte, ist nicht einzusehen, da sie sich in keiner Weise von seinen unzähligen sonstigen Staffagefiguren unterscheidet und auch hier die übliche Funktion als Farbwert erfüllt. Zwar hat Burnitz die menschliche Figur nicht zum wesentlichen Gegenstand seiner Darstellungen benutzt, doch war er sehr wohl imstande, auch sie zu malen. Beweis dafür ist eines der wenigen von seiner Hand herrührenden bezeichneten Interieurs im Besitz der Damen L. und M. Burnitz (Werk-Verz. Nr. 111), auf dem zwei Frauengestalten nach dem Leben gemalt sind, wie auch die durch die Städtische Galerie Frankfurt am Main erst jüngst erworbene, vortreffliche Studie einer Landschaft mit lesenden Mädchen. (Werk-Verz. Nr. 173).
Angespornt durch den Erfolg in München auf der Internationalen Kunstausstellung im Jahre 1869 und vielleicht auch veranlaßt durch die Geschmacksrichtung der Epoche hat
Burnitz mitunter das Format seiner Bilder gesteigert. Es entstehen Werke wie die große Nidda-Landschaft im Besitze von Frau Feist-Belmont Frankfurt am Main (Werk-Verz. Nr. 55) oder die Fluß-Landschaft (wohl auch ein Motiv an der Nidda), früher im Besitz des Herrn R. Kupfer, Frankfurt am Main (jetzt im Kunsthandel) (Werk-Verz. Nr. 54) und die große Landschaft bei Hochstadt im Besitze der Damen L. und M. Burnitz. (Werk-Verz. Nr. 114) Aber dies sind nicht die stärksten Bilder des Künstlers, wenn sie auch der Wirklichkeit des heimatlichen Bodens in seiner geologischen Beschafffenheit, der Bäume und Sträucher, Wiesen und Blumen, des Wassers mit den schimmernden Reflexen des silbergrauen Himmels nahekommen. Die große Fläche erträgt nicht die Tonigkeit, die gerade in Bildern geringeren Formats mit ihrem warmen Lichte das Auge so wohltuend berührt.
Wir sahen schon, wie unter Thomas Einwirkung ein gewisser Zug zur Linearität sich in Burnitz' Bildern bemerkbar macht, der auch noch einige Zeit anhält.
Einige erst vor kurzem in den Besitz der Städtischen Galerie Frankfurt am Main gelangte Werke von Burnitz' Hand bestätigen diese Beobachtung. Insbesonders die
"Eichbaumgruppe"
(Nr. 565 der Städtischen Galerie Frankfurt am Main) (WerkVerz. Nr. 182) und die "Taunus-Landschaft mit kleiner Kirche" (Nr. 566 der Städtischen Galerie Frankfurt am Main) (Werk-Verz. Nr. 84) sind in kräftigen Umrissen stark linear angelegt. Auch zeigen sich schon in der Anlage viele rotbraune Töne, die in den kommenden Jahren noch stärker auftreten. -
Diese Neigung zur Linearität behält indessen nicht die. Oberhand, wie auch' Burnitz sich nach und nach von dem Schema der großen Landschaft wieder entfernt und dem alten Ideal der intimen Landschaft erneut zuwendet: So wird auf dem
"Waldstück mit Frau"
(im Besitze von Dr. O. Wormser Frankfurt am Main) (Werkverz. Nr. 177) eine Wahllichtung mit einem schilfbestandenen Bach wiedergegeben. Am rechten Ufer ein halbhoher Baum. Im Mittelgrund niederes Gestrüpp, dahinter und rechts davon hohe Bäume. Am rechten Bildrand steigt die Landschaft etwas an. Dort steht eine weibliche Gestalt mit blauem Rock, weißer Bluse und rötlichem Tuch. Im Vordergrund sind die Einzelheiten der Bäume, Sträucher, Gräser noch deutlich erkennbar, während die Konturen im Mittel- und Hintergrund leicht verschwimmen.- Viel gelbliche und bräunliche Töne mischen sich in das noch vorherrschende Grün.
Mit zunehmendem Alter wendet sich der Künstler mehr und mehr der Wiedergabe der alternden Natur zu. Nicht mehr der Glanz sommerlicher Tage wird auf die Leinwand gebracht; häufig ertönt der leicht schwermütige Klang des Herbstes. So zeigt "Die Herbstlandschaft" im Besitze von Frau H. U. in Frankfurt am Main (Werk-Verz. Nr. 191) eine Waldlichtung mit kleinem Gewässer, zu dessen Seiten Gras und Sträucher in herbstlicher Färbung. stehen. Links ein einzelner schlanker Baum, in der Mitte drei junge Birken, rechts nach dem Hintergrund hinziehend Baumgruppen in herbstlichem Laub. Ein abendlicher, bewölkter Himmel trägt das seinige zu der stillen Melancholie der Landschaft bei. Nicht viel anders ist die Auffassung auf dem Bild
"Birkenwald"
im Kunsthandel. (Werk-Verz. Nr. 190).
Ein Weg führt von der Mitte des Vordergrundes nach rückwärts. Zu beiden Seiten stehen Birken in herbstlichem Laub. Rechts vom Weg geht eine Bäuerin in dunklen Kleidern und weißen Ärmeln mit einem Ast in der rechten Hand nach rechts zu. Das tonige Grün wechselt stark ins Bräunliche
Der Himmel ist grau bewölkt. überhaupt werden die silbrig hellen Himmel, die das Blau durchscheinen lassen, seltener, und selbst da, wo sie noch auftreten, wie zum Beispiel auf dem
"Hohlweg mit Frau"
(Werk-Verz. Nr. 192). (im Besitze des Herrn Sanitätsr. Dr. Cahen-Brach in Frankfurt am Main) sind die Töne der Landschaft so dunkelgrünlich und bräunlich geworden, daß das Bild etwas auseinanderfällt.
Der schwermütige Zug mancher Darstellungen der späteren Zeit wird vielleicht am besten illustriert durch den
"Abend im Spätherbst"
(Werk-Verz. Nr. 193) (im Besitze von Frau H.U. in Frankfurt am Main).
Im Vordergrund sieht man einen schmalen Bach, der sich nach der linken Seite im Mittelpunkt hinzieht und dort von einer Steinbrücke überquert wird. Links und rechts vom Bach erheben sich die Wiesenböschungen. Am rechten Ufer vorn und am linken Ufer in der Mitte steht entlaubtes Buschwerk. Im Hintergrund eine Reihe niedriger Bäume. Auf der Böschung rechts schreitet langsam ein Wandersmann, gebückt unter der Last des Sacks, den er auf der linken Schulter trägt. Auf seinen Stock gestützt geht er in der Richtung der Brücke zu, umflogen von einer Schar Krähen.
Braune Töne herrschen in der Landschaft vor. Der Himmel ist düster umzogen von schweren, grauen Wolken. Das Bild hat viel Verwandtes mit Millet's[71]
"Novembertag"[72]
(Nr. 732 der National-Galerie in Berlin), ohne daß direkte Einflüsse nachzuweisen wären. Burnitz hat dies späte Werk von Millet wohl nie gesehen.
Herbstlichen Charakter zeigt auch die
"Landschaft bei Schwanenheim"
(Werk-Verz. Nr. 75) (im Kunsthandel).
Der im Vordergrund sichtbare Weg endet in der Waldlichtung. Rechts und links davon ragen Steinblöcke und Baumstümpfe aus dem Boden. Links in der Ecke stehen zwei herbstliche Birken, rechts von ihnen eine Frau in blauem Rock, rotem Tuch und roter Kopfbedeckung. Rechts von ihr dem Mittelgrund zu sind mehrere knorrige Eichbäume, an die sich auch nach rechts Buschwerk anschließt. Auch am rechten Bildrand stehen Birken in herbstlichem Laub.
Parallel zum Bildrand zieht sich ein silbrig weißer Wasserstreifen hinter den Eichen entlang zu den Birken rechts. Dahinter breitet sich dichter Wald aus. Der Himmel ist stark bewölkt und weist nur wenig blau auf; grüne und gelbliche Töne wechseln mit den bräunlichen Farben der Bäume und dem Graugrün des Waldes im Hintergrunde.
Der fleckige Farbenauftrag nimmt ständig zu. In dem Bilde
"Jäger im Riedgras"
(Städtische Galerie Frankfurt am Main Nr. 117) (Werk-Verz. Nr. 194) herrscht diese Art der Technik vor. Bei diesem starken Farbenauftrag tritt die Staffage-Figur immer weniger in Erscheinung. In einer mit Gras und Sträuchern bestandenen Senke, deren beide Seiten sich links und rechts nach denn oberen Bildrand zu erheben, sitzt in Profilstellung nach rechts - nur mit Mühe erkennbar - ein Jäger bekleidet mit bläulicher Jacke und bräunlichem Hut, in den Händen das Gewehr. Die Beine sind von den Knien abwärts durch das hohe Schilfgras verdeckt. Links von ihm ein buschiger Baum. Mehrere kleinere Büsche auf der Böschung rechts. Tonreiches Grün spielt ins Bläuliche und Bräunliche hinüber. Der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt.
Ein ähnliches Bestreben tritt in der
"Waldlichtung"
(Werk-Verz. Nr. 197) (Im Besitze des Herrn Sanitätsr. Dr. Cahen-Brach Frankfurt a. M.) zutage, wo ein breiter Farbenauftrag alle Konturen verwischt. Die Waldlichtung im Vordergrund zeigt ein helles Braun, die Baumgruppen rechts und links ein dunkles Grün, der hügelige Wald im Hintergrund ein bläuliches Grün.
Die Beschwingtheit, die aus den Bildern früherer Zeit sprach, ist einer düsteren Auffassung gewichen. Die
"Gewittrige Landschaft"
(Werk-Verz. Nr. 198) (im Besitze des Herrn Dr. W. Schön- Frankfurt am Main) zeigt einen von schweren, dunklen Gewitterwolken fast ganz bedeckten Himmel. Nur ein Sonnenstrahl fällt durch eine Wolke und beleuchtet leicht die Bildmitte. Die hügelige Landschaft steigt von rechts nach links an. Ein breiter Weg führt von der rechten unteren Bildseite nach der Bildmitte, wo er im dunklen Wald verschwindet. Links vom Weg eine Wiese, in der neben einem Baumstumpf ein Mann in Hemdsärmeln und Strohhut vor geschlagenem Holz steht. Im Hintergrund der Hochwald, der - nach rechts hinziehend - von dem Weg unterbrochen wird. Rechts vom Weg Ackerland, auf dem im Mittelgrund mehrere Personen beschäftigt sind.
Dunkle grünliche, rotbraune und graue Töne geben auch hier den Hauptakkord.
Trotz dieser Veränderungen in der Pinselführung und im Kolorit hat sich in der Gestaltungsweise bei Burnitz kein tiefgebender Wandel vollzogen. Am besten zeigt sich dies bei späten Zeichnungen. Eine weißgehöhte Kohlezeichnung, 1882 bezeichnet, die eine Partie an der Nied wiedergibt, (Werk-Verz. Nr. 303) weist das bekannte Schema einer Baumgruppe, die sich im Wasser spiegelt, auf. Sie ist mit derselben Liebe zum Detail ausgeführt, wie die 22 fahre früher herausgegebenen Studienblätter und von der gleichen malerischen Wirkung.
Eines der spätesten Bilder des Meisters ist die Landschaft:
"An der Nidda, bei Regenstimmung"
(Badische Kunsthalle, Karlsruhe Nr. 999) (Werk-Verz. Nr. 70) Das Bild ist ein Geschenk Hans Thomas[73] an die Badische Kunsthalle und von Burnitz im Jahre 1883 gemalt.
Die linke untere Bildhälfte wird von der Uferböschung ausgefüllt, auf deren rechten Seite sich ein breiter, buschiger, Baum erhebt; links steht niederes Buschwerk. Die rechte untere Bildhälfte zeigt ein träges Gewässer, dahinter wird das flache Ufer sichtbar, das von einer sich an den rechten Bildrand hinziehenden Baumreihe abgeschlossen wird. Der Himmel ist grau bedeckt und zeigt weiße Stellen. Das Wasser grau mit braunen und weißen Spiegelungen. Sonst herrschen in der Landschaft dunkle grüne, braune und schwärzlich graue Töne vor, die einen trüben Eindruck hervorrufen.
Die Farbe ist mit breitem Pinsel fleckig aufgetragen und läßt die Umrisse zerfließen.

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