II. Das Werk

A. Werke aus der Zeit des Aufenthalts in Spanien und Frankreich

  Unter die ersten Anfänge der künstlerischen Tätigkeit sind die kleinen, kaum handgroßen Aquarelle zu zählen, die Burnitz auf seinen Reisen angefertigt hat; sie sind mehr als Erinnerungen eines kunstliebenden Wanderers zu werten, denn als Ausdruck einer sicheren Kunstform:
So ist die kleine Aquarellskizze im Städel, die die Überreste eines romanischen Baues in Leon (Spanien) zeigt (Werk-Verz. Nr. 37), noch ängstlich und beflissen, einen Gegenstand in seinen Begrenzungen getreulich wiederzugeben. Ähnlich die Skizze von Toledo mit dem Datum Febr. 50 (Bes. Prof. von Loehr, Kronberg).
Ein Aquarell aus der Umgebung Segovias (Werk-Verz. Nr. 372) und eine zweite Aquarell-Skizze mit der Bezeichnung: Segovia Aug. 50 (Bes. Prof. von Loehr, Kronberg) messen den Architekturteilen schon weniger Wichtigkeit bei und betonen stärker die Landschaft. - Aber noch ist das hergebrachte Schema der Vedute nicht aufgegeben: Das Bildchen mit dem Hohlweg vorne rechts, dem Fluß, den ansteigenden Ufern, der sich auf den Höhen hinziehenden Stadt, den im Hintergrund sich erhebenden hohen Bergen wirkt noch wie aus einzelnen Motiven zusammengesetzt und wenig überzeugend. - Einen Fortschritt in dieser Hinsicht zeigt schon die "Ansicht von Cuenca", (Werk-Verz. Nr. 1) die offenbar nach einer Skizze bereits in Frankreich entstanden ist. Zwar ist auch hier noch Gewicht gelegt auf die "Ansicht", die Häuser, die Stadt, aber schon gelingt es dem Maler, eine Atmosphäre auf die Leinwand zu bringen, die alles zu einer Einheit zusammenschließt.
In Frankreich verläßt Burnitz bald ganz die Vedutenmalerei wenn auch noch im Anfang vereinzelt Skizzen angefertigt werden, wie die von Schloß Fontainebleau, die in Blei, Kohle und Kreide ausgeführt wird. (Werk-Verz. Nr. 279). Immer mehr wendet sich jetzt das Interesse des Malers der Wiedergabe der Natur zu, und eifrig wird in Kreide und in Aquarell vor der Natur skizziert.
So entstehen die Entwürfe: am Seine-Ufer, (Werk-Verz. Nr. 373) von Baumgruppen, (Werk. Verz. Nr. 374) Feldern (Werk-Verz. Nr. 376) und Wegen (Werk-Verz. Nr. 377) in der Umgebung von Barbizon; unschwer ist zu erkennen, wie Corots leicht hingetuschte Manier in den Anfängen nicht ohne Einfluß geblieben ist.
Der freudige Eifer dieser Tage ist an den Bildern dieser Epoche wahrnehmbar. - Ein wolkenloser blauer Himmel wölbt sich über der Landschaft, die sich unter dem Titel "Blauer Tag" (Werk-Verz. Nr. 8) als Besitz der Städtischen Galerie Frankfurt am Main im Städel'schen Kunstinstitut befindet (Städel Katalog Nr. St.G. 125). Aber derartige ganz aufgehellte Stimmungen sind schon zu dieser Zeit selten. Ab und zu wird noch ein einsames Bauernhaus (Werk-Verz. Nr. 12) oder gar ein eingestürztes Haus (Werk-Verz. Nr. 13) (Städelsches Kunstinstitut Nr. 1881) als Gegenstand der Darstellung gewählt. Aber nach und nach treten diese Dinge mehr und mehr in den Hintergrund zu Gunsten des "Paysage intime", eines kleinen aus der Nähe gesehenen Landschaftsbildes, in dem der Mensch und seine Behausung nur noch eine untergeordnete Bedeutung besitzen.
Hierin gleicht der Künstler stark Theodore Rousseau[67], von dem Hans Hildebrandt sagt:
"Der Mensch ist für diesen reinen Landschafter nicht vorhanden. Rousseau braucht ihn nicht, weil er unter den Bäumen Persönlichkeiten, Charaktere, Schicksale, Geschichte übergenug findet[68]..."
Das 1855 datierte Bild der Hamburger Kunsthalle: "Dorflandschaft mit Pferdeschwemme" (Nr. 1437 des Katalogs von 1926 (Werk-Verz. Nr. 3) repräsentiert schon trefflich diese Kunstauffassung. Vorn ein Bach mit Weiden, ein Bursche tränkt zwei Pferde; weiter hinten zwischen Bäumen einige Häuser des Dorfes. Toniges Grün und helles Braun sind die vorherrschenden Farben. Der Himmel ist hellbewölkt. Die Dächer zeigen ein mattes Rot.
Aus dieser Zeit stammt wohl auch das Bild: "Grünes Hügelland mit Baumgruppe" (Werk-Verz. Nr. 14) im Besitze von Herrn G. Marburg, Frankfurt am Main. Dargestellt ist eine Bodenwelle, die auf der linken Seite von einer Reihe von Büschen bestanden ist. Ganz vorn rechts in der Ecke ein Busch, dahinter drei schlanke Birkenbäumchen. Ein sehr zartes tonreiches Grün wechselt mit dem kräftigen Blau des Himmels, der von silbrigen Wölkchen teilweise bedeckt ist.
In dem letzten Jahre seines Aufenthaltes in Frankreich (1857) entsteht die kleine Barbizon-Landschaft im Besitze des Herrn W. Holzmann, Berlin: (Werk-Verz. Nr. 9). Eine sommerliche Wiese, auf der im Vordergrund ein Curé von einem weißen Spitz umbellt, auf den Beschauer zuschreitet. Links hohe, schlanke Bäume, rechts rückwärts eine dichte Baumgruppe und im Hintergrund die roten Dächer des Dorfes. Die im Verlag des Frankfurter Kunstvereins erschienene, farbige Abbildung gibt einigermaßen das tonige Grün der Wiesen und Bäume nieder, nicht aber das aufgehellte Blau des Himmels, der von hellgrauem Gewölk umzogen ist. Die Repoussoir-Figur, der Geistliche, steht hier noch verhältnismäßig auffällig im Vordergrund, später treten derartige Figuren mehr und mehr zurück und erfüllen nur noch die Funktion, wie auch hier schon der Hund und die beiden winzigen im Mittelgrund rechts erscheinenden Personen - als Valeurs die Tonigkeit des Bildes zu beleben.
Zu dieser Zeit ist bei Burnitz der eigene Stil völlig entwickelt und offenbart sich vielleicht am besten in der kleinen Landschaft "Wald bei Fontainebleau" von 1857 im Besitze des Herrn G. Pirazzi in Offenbach. (Werk-Verz. Nr. 11)
Im Vordergrund ein flaches Gewässer, in dem sich der zartblaue mit hellen Wolken bedeckte Himmel und die Baumgruppe auf der linken Seite des Bildes spiegeln. Rechts davon eine Wiese in kräftigem Grün. Hinter dem Gewässer rechts und links hohe Baumgruppen, in gelblich grünem Laub. In der Mitte ein ganz dünnes Bäumchen mit hoher Krone, daneben links ein kleinerer, breiterer Baum. Wie die meisten Bilder dieser Epoche ist auch dieses Bild mit spitzem Pinsel und Lasur-ähnlichen Farben gemalt. Der Auftrag der Farbe ist sehr hart und schimmernd. Ein mildes Licht nimmt die Umrisse des Blätterwerkes in sich auf.
Trotz dieser Einheit des Bildganzen, die durch das alles einhüllende Licht erreicht wird, legt Burnitz nach wie vor größten Wert auf das Studium der Einzelform. Die Kreidezeichnung aus dem Jahre 1856 aus St. André (Burgund) im Besitz des, Kupferstich-Kabinetts Frankfurt am Main legt davon Zeugnis ab. (Werk-Verz. Nr. 282).
Eine Kunstgattung, der sich Burnitz nur ganz selten in jener und auch in späterer Zeit zugewandt hat, ist das Interieur. Um so erfreulicher ist es, daß gerade vor kurzem die Städtische Galerie in Frankfurt am Main die Möglichkeit gehabt hat, den "Kaminplatz im Pariser Atelier" (Werk-Verz. Nr. 15) des Künstlers zu erwerben. Das Bild zeigt den offenen Kamin mit Holzscheiten, Knüppeln, Feuerzange und anderem Gerät. Auf dem Kaminsims steht rechts ein noch ungerahmtes Bild, davor liegt ein Buch. In der Mitte steht eine Plastik die vom Spiegel reflektiert wird, auf der linken Seite ein Krug mit einem hell beleuchteten Glas. Ein weiteres, gerahmtes Bild hängt dahinter. Die rechte Kaminwand ist voll beleuchtet, während alles übrige in dämmeriges Licht gehüllt ist. In der liebevollen, eindringlichen Schilderung all dieser Details werden Erinnerungen wach an die holländische Interieur- und Stilleben-Malerei des 17. Jahrhunderts.

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