I. Biographisches

  Der Kaufmann Carl Friedrich Burnitz von Ludwigsburg, der als Sohn des Königlichen Kastellans Carl Burnitz und dessen Ehegattin -Barbara, geborene Meng, am 15. III. 1787 zu Stuttgart geboren war, erhielt am 22. 9. 1813 die Erlaubnis des Königs von Württemberg zur "Auswanderung" nach Frankfurt am Main[5]. Zwei Jahre nach seiner Niederlassung hier - am 6. 12. 1815 - heiratete er die am 9. 7. 1788 geborene Auguste Wilhelmine Saltzwedel[6], Tochter des "Herrn Peter Salzwedel, Mitglied des Bürger Collegs und Apothekers zum Schwanen in Frankfurt am Main" und dessen Ehegattin Friedricke Marie Caroline, geborene Bartels.
Dieser Ehe entstammte unser Maler Carl Peter Burnitz, der am 14. Januar 1824 seine irdische Laufbahn begann und am 1. Februar 1824 evangelisch-lutherisch getauft wurde. Es war dem Knaben nicht vergönnt, sich der liebenden Sorgfalt der Eltern lang zu erfreuen; denn beide wurden ihm früh durch den Tod entrissen: die Mutter am 12. 4. 1831, der Vater am 17. 2. 1833.
Zum Glücke konnte der Onkel, der Architekt Rudolf Burnitz[7] als Vormund die Erziehung des Frühverwaisten[8] übernehmen und nicht nur das, er vermochte ihm auch das Elternhaus zu ersetzen. Ein Umzug brauchte nicht zu erfolgen; denn der Onkel, der "Fürstlich-Hohenzollern-Sigmaringen'sche Baurath" Burnitz, ein Bruder des Vaters, war ebenfalls mit einer geborenen Saltzwedel, einer Schwester von Peters Mutter verheiratet, und beide Familien wohnten in einem Hause am Untermainquai, wo die Sprößlinge beider Familien miteinander aufwuchsen[9].
So innig das persönliche Verhältnis zwischen Onkel und Neffe auch gewesen sein mag, findet sich doch in den mündlichen Mitteilungen, die Peter Burnitz Wilhelm Kaulen gegenüber gemacht hat[10], keine Erwähnung, aus der zu schließen wäre, daß die künstlerische Tätigkeit des Baumeisters ihn in irgend einer Weise angeregt oder angeeifert habe.
Nachdem Peter Burnitz das Gymnasium absolviert hatte, wandte er sich dem Studium der Rechtswissenschaft zu. Er kam nicht durch den Zwang der Verhältnisse zu seinem ersten Beruf, höchstens könnte man der damals traditionell herrschenden Ansicht, daß einem Juristen alle Wege offenstünden, einen Einfluß zuschreiben, da ... äFrankfurt die höchsten Ämter und Würden den Jüngern der Themis vorbehielt"[11].
So studierte er 1843/44 in Berlin, 1844/45 in Göttingen, 1845-47 in Heidelberg; hier wurde er im Jahre 1847 promoviert. Nach Ablegung des Staats-Examens wurde er im Mai 1849 in die Zahl der Frankfurter Advokaten aufgenommen[12]. Aber zu der Ausübung des Advokaten-Berufes sollte es nicht kommen; denn er hatte schon ein Jahr zuvor die Malerei als "das Rechte erkannt"[13].
War er, wie oben angedeutet, von seinem Onkel, dem Architekten, nicht sichtlich in künstlerischer Beziehung beeinflußt worden, so war dies umsomehr von einer anderen Seite her geschehen: denn "in dem elterlichen Hause hatte der Maler Fritz Bamberger[14] gewohnt, Burnitz hatte viel mit ihm verkehrt, durch ihn Geschmack am Zeichnen gefunden"[15].
Und noch ein Ereignis, das in die Zeit zwischen der Beendigung seines juristischen Studiums und seiner Zulassung als Advokat in Frankfurt am Main fiel - also in die Jahre 1848-49, war von nachhaltigem Einfluß auf seine Entschlüsse: der 24jährige, der gerade seine Studien in Heidelberg beendet hatte, trat eine Reise zum Besuche seiner Schwester an. Sein Weg führte ihn nach Rom, Neapel und Sizilien, wo er längere Zeit blieb.
Die großen Eindrücke, die er dort erhielt, erweckten in ihm die Lust zur Malerei aber die Ausführung des späten Entschlusses ging nicht rasch von statten. Wenn ein Mensch nach Beendigung einer langwierigen Berufsausbildung in einem Alter, in dem die meisten schon im Erwerbsleben stehen, seinen Beruf aufgibt, um sich einem gänzlich neuen Gebiete zuzuwenden, so kann eine solche Umstellung nicht ohne schwere innere Kämpfe erfolgen. Zudem waren die Ereignisse der Zeit hinderlich.
Denn als Burnitz von Sizilien nach Frankturt zurückkehrte, herrschte hier die größte Aufregung wegen des gewaltsamen Todes von Auerswald und Lichnowski, und die Wogen der politischen Meinungsverschiedenheiten gingen hoch.
Inzwischen hatten sich die Pläne des Juristen zu einer künstlerischen Ausbildung verdichtet. Da er aber unter solchen Wirrnissen eine Förderung seiner neubeabsichtigten Tätigkeit in Frankfurt für sich nicht erhoffen konnte, zog er es vor, zunächst wieder eine große Reise anzutreten. Der Süden hatte es ihm angetan: er ging nach Algier und von dort nach Spanien.
In der spanischen Hauptstadt traf Burnitz seinen alten Hausgenossen, den Maler Bamberger[16], der sich nach einer früheren Spanienfahrt im Jahre 1846 in München niedergelassen hatte[17]. In Madrid fand Burnitz die erste Anleitung zum Malen durch Bamberger und mehr noch durch den Architekturmaler Eduard Gerhardt[18], "welcher im Auftrage des Königs Friedrich Wilhelm IV. das Land bereiste"[19].
Hier wurden nun fleißig Naturstudien gemacht, die auf Gerhardts Rat in Paris fortgesetzt wurden. Dort traf er den Maler, Lithografen und Radierer Karl Bodmer[20], der sich des deutschen Kollegen annahm und ihn in die Künstlerkreise einführte.
Von den wenigen Briefen, die sich in der Familie des Künstlers erhalten haben, ist der erste aus Paris vom April 1851 datiert[21]. Er habe - so wird darin gesagt -
"in seiner Jugend einen Hang zur Malerei gehabt, sich aber dann auf einen anderen Weg bringen lassen, indes "ohne Energie, ohne Kraft, ohne Lust". Erst 1849 habe er sich mehr aufgerüttelt; in Algier sei ihm aufgegangen, daß er "als Geschäftsmann nur eine traurige Rolle spielen werde", in Spanien "das Verlockende, das darin liege, zu arbeiten für eine Idee, die uns ganz ausfüllt, die in jedem Augenblick imstand ist, uns zu begeistern, deren Begeisterung nicht mit einem Augenblick verraucht ist, sondern kräftig aushält und wächst... Da war keine Prosa um mich, die mich herabgezogen hätte und die Rücksichten des gewöhnlichen Lebens, ich konnte mich ganz ohne Rücksicht hingeben und schwelgte in einer Seligkeit, die ich bis dahin noch nicht gekannt." In Paris sei er in seinem Vorsatz eher bestärkt als schwankend geworden, äanfangs Mai gehe ich aufs Land, um den Sommer da zu bleiben, dort lebt man' angenehm und billig (in der Gegend von Fontainebleau nämlich, wohin lm Sommer die ganze Malerwelt wandert), macht nützliche Bekanntschaften und gehörige Naturstudien. Was dann weiter wird, das wird sich finden."
Die später geschriebene Fortsetzung desselben Briefes bringt dann zum Ausdruck, wie er sich auf die Stunden freue, wo er aus seinem "Käfig befreit werde".
"Ich bin einmal nicht geschaffen weder für das Zimmerleben noch für das Leben in einer großen Stadt. Wie sehne ich mich nach dem Augenblick, wo ich all das wüste Treiben hinter mir lassen und wieder in der reinen, freien Natur ganz Mensch, das heißt: Ich sein kann."
Wahrlich ein erstaunliches Bekenntnis dieses kaum 27jährigen Menschen, der zum ersten Male in den Mittelpunkt der künstlerischen Welt versetzt, den Augenblick nicht erwarten kann, in dem er das frühlingsschimmernde Paris verlassen und sich der Einsamkeit ergeben kann. Doppelt bemerkenswert, weil die auf die Pflege des "paysage intime" gerichteten Bestrebungen noch verhältnismäßig neu waren und "Barbizon" noch keineswegs den Klang der Berühmtheit hatte, der ihm später zukam. Das Publikum hatte zu jener Zeit noch kein Verständnis für die Meister des "paysage intime", für die "Naturalisten", wie sie damals genannt wurden. Die Erfolge von Corot[22] und Rousseau[23] waren noch sehr jung - erst im Jahre 1848 hatten sie die erste öffentliche Auszeichnung erhalten, und noch waren Chassériau[24] und Couture[25] in Paris tonangebend und in aller Munde. Insbesondere Couture hatte durch sein Bild "Lee Romains de la décadence" die höchste Stufe des Ruhmes erklommen. Als Anselm Feuerbach[26] fast gleichzeitig wie Burnitz nach Paris kam, trat er - wie er selbst berichtet[27]
"angeregt durch das bedeutendste, epochemachende Bild der französischen Schule, durch Coutures "Romains de la décadence", in sein Atelier" usw.
Es ist bezeichnend für Burnitz, daß er mit keinem Wort dieser Richtung Erwähnung tut und daß er vom ersten Tag an sein Heil abseits von jenem Atelierbetrieb sucht.
"Seit drei Wochen beschäftige ich mich ernstlich mit Ölmalen und mache Riesenfortschritte, aber immer auf eigene Faust; ich kann mich nicht dazu entschließen, mich an irgend einen anzuschließen oder nachzulaufen. Das kommt mir gar zu handwerksmäßig vor, obgleich die Leute darüber schreien, wenn man nicht den breitgetretenen Weg geht. übrigens halte ich gerade hierfür am allerunnötigsten, sich einer bestimmten Schule anzuschließen, weil man fortwährend Gelegenheit hat, die verschiedenen Leistungen aller Art zu sehen. Die Hauptsache bleibt doch immer die Auffassung. Ist man von einem Gegenstand recht durchdrungen so findet der innere Drang, sich auszudrücken, schon immer einen Weg, sich deutlich zu machen, wenn man nur überhaupt gehen gelernt hat."
Seinen Plan, im Sommer aufs Land zu gehen, führte Burnitz aus, denn aus Barbizon stammt ein Brief vom Oktober dieses Jahres, der einen wenig zuversichtlichen Ton anschlägt:
"Ich bin schon wieder in mein gewöhnliches, abgedroschenes Thema hineingeraten, das heißt von meinem unglücklichen Charakter zu reden, der stets alles von der düsteren Seite ansieht und sich nicht wohlfühlt, wenn er nicht etwas hat, was ihn unglücklich macht."
Aber Burnitz muß wohl zu der Erkenntnis gekommen sein, daß er ohne Schulung doch nicht voran komme. Ein Brief vom März des Jahres 1852 berichtet von einem sehr arbeitssamen Winter, daß es aber auf einmal nicht mehr so gegangen sei:
"Endlich faßte ich mir ein Herz und zog zu Roqueplan[28], um zu fragen, ob er mich als Schüler nehmen wolle. - Er nahm mich auch soweit ganz leidlich auf, sagte aber, er habe keinen Platz; wenn ich wolle, könne ich alle Montag zu ihm kommen und ihm zeigen, was ich gemacht."
Bald aber findet er selbst, daß er nicht auf dem richtigen Wege sei:
"Er habe schauerliches Zeug gemacht und sei bald nicht mehr zu Roqueplan hingegangen".
Burnitz war sehr niedergeschlagen über den mißglückten Versuch und spielte schon mit dem Gedanken, Frankreich zu verlassen, falls er nicht bei einem der drei Männer, "die ihm zusagten", ankäme. Er selbst hatte wenig Hoffnung, da ihm gesagt worden war, daß die Betreffenden keine Schüler nähmen. Aber gleich vom ersten, zu dem er kam, Emile. Lambinet[29], wurde er "mit größter Bereitwilligkeit" aufgenommen.
"Mir war es, als ob ich aus einem Kerker, in dem ich glaubte verschmachten zu müssen, plötzlich in einen blühenden Garten versetzt sei... Ich war vom ersten Augenblick verliebt in ihn und bin es jetzt nach drei Wochen fast noch mehr... er schlug mir dieser Tage vor, den Sommer aufs Land zu gehen, was ich natürlich mit Freuden annahm... Den nächsten Winter bleibe ich noch hier und male vielleicht ein Bild bei ihm. Dann habe ich aber allen Ernstes vor, einen Sommer in Niederrad zuzubringen, und ich hoffe, daß ich mich bis dahin mit Ehren produzieren kann".
Aber Burnitz kam nicht so schnell, wie er glaubte, wieder in die Heimat. Er faßte den Entschluß, noch länger bei Larnbinet zu bleiben.
"um so recht aus der Kleinigkeitskrämerei herauszukommen, in die ich immer wieder zurückverfalle, so lange ich glaube, mir selbst helfen zu können. Eselei, wenn einmal eine Brücke gebaut ist, ist sie für alle und nicht jeder einzelne braucht mehr eine für sich zusammenzutragen. Drüben ist immer noch Zeit, seine eigenen Wege zu suchen. Es läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß man hier eine feinere und geistigere Auffassung hat als bei uns im allgemeinen." -
Er verteidigt seinen Standpunkt, "sich ein stilles Plätzchen auszusuchen, das er im ganzen Jahr nicht verläßt", dort seine Motive zu studieren.
"alle Tages- und Jahreszeiten, bis er den Eindruck gefunden hat, sich dahinein versenkt, bis selbst das Unbedeutendste zu ihm spricht und man sucht diese Sprache auch anderen verständlich zu machen... Zwei oder drei Gleichgesinnte findet man immer und das reicht hin..." Leider verlautet nichts darüber, wer die "zwei oder drei Gleichgesinnten" gewesen sind, wie er überhaupt in seinen persönlichen Mitteilungen starken Hemmungen unterliegt.
Er ist sich dessen wohl bewußt und in einem Brief vom Februar 1845 schreibt er, daß er
"nur in einem ganz engen Kreis ihm möglichst nahestehender Menschen leben kann". Der Umgang mit vielen zugleich beunruhigt und beängstigt mich..."
Seine zuversichtliche Hoffnung, sich bald "mit Ehren produzieren" zu können, sollte in Erfüllung gehen.
Er stellte seit 1855 im Salon aus, fand Anerkennung und hatte die Genugtuung, daß Napoleon III. ein (im Tuilerienbrand untergegangenes) Werk aus seiner Hand erwarb[30],[31]. Offenbar ernutigt durch seine Erfolge dehnte er seinen Aufenthalt in Frankreich noch länger aus und kehrte erst im Jahre 1857 in die Heimat zurück.
Als Burnitz nach achtjähriger Abwesenheit wieder nach Frankfurt kam, befand sich das Kunstleben seiner Vaterstadt in Gärung. Ein halbes Jahrhundert hatte die Kunst hier unter dem Einfluß der Nazarener und Romantiker gestanden. Philipp Veit[32] hatte erst 1853 Frankfurt verlassen, sein künstlerisches Erbe hatte Eduard von Steinle[33] angetreten, aber die Anhänger dieser Richtung waren nicht mehr allein gebietend. - Schon Ende der dreißiger Jahre hatte eine Splittergruppe der Düsseldorfer Schule sich in Frankfurt angesiedelt. "Veranlaßt war diese "Düsseldorfer Sezession" durch Differenzen, die an der rheinischen Akademie zwischen den einheimischen und den aus den altpreußischen Provinzen zugezogenen Eleven entstanden waren"[34]. Gewissermaßen sanktioniert wurde diese Düsseldorfer Richtung durch die Berufung Jacob Beckers[35] an die Städel'sche Kunstschule im Jahre 1841[36].
Jacob Becker und der Frankfurter Jacob Fürchtegott Dielmann[37] gehörten zu den Begründern der später von anderen ausgebauten Dorfidylle. Eine ganze Anzahl später bekannter Frankfurter Künstler ging durch Jacob Beckers begehrte Schule, u. a. der mit Burnitz gleichaltrige Anton Burger[38] der neben landschaftlichen Vorwürfen sich hauptsächlich der Schilderung malerischer Innenräume widmete.
Diesen vielfältigen Kunstbetrieb fand der jetzt 33jährige Burnitz in seiner Vaterstadt vor, als er aus dem Kunstkreis Corots, Rousseau's und Daubigny's[39] zurückkehrte. Fast um dieselbe Zeit betrat auch der Frankfurter Maler Viktor Müller[40], der ebenfalls beinahe ein Jahrzehnt in Paris gewirkt hatte, wieder den heimatlichen Boden.
Dagegen verließ Otto Scholderer, Viktor Müllers und Burnitz' Freund und Müller's späterer Schwager in diesem Augenblick Frankfurt, um seinen Studienaufenthalt in Paris anzutreten.
Nachdem Burnitz einmal den von ihm als richtig erkannten Weg eingeschlagen hatte, konnte bei seiner so wenig wandelbaren Natur der Wechsel der Landschaft keine Erschütterungen hervorrufen. Für ihn galt es jetzt nur, das, was er in Barbizon gelernt hatte, auf die deutsche Landschaft anzuwenden. Er mochte in seinem Eifer allerdings nicht ahnen, daß er mit seiner beschaulichen Kunst wenig Zustimmung, ja sogar heftige Ablehnung und mitunter Kritik in der gehässigsten Form hervorrufen würde. Frankfurt ist den einheimischen Künstlern immer recht kühl gegenüberstanden; auch Burnitz sollte diese Erfahrung machen.
Seinen Bestrebungen günstig war der Umstand, daß der gleichaltrige Burger im Jahre 1858, nach eigener Aussage, um den Zerstreuungen er Geselligkeit zu entgehen[42], von Frankfurt nach dem benachbarten Gebirgsort Kronberg hinüberzog. Eine Reihe Gleichgesinnter - unter ihnen Dielmann - folgte dem Beispiel; auch Burnitz schloß sich diesem deutschen Barbizon, der sogenannten "Kronberger Malerkolonie", in den früheren Jahren ihres Bestehens an. Allerdings wird später der Schauplatz der Tätigkeit wesentlich erweitert. Die ganze Gegend wird durchstreift, und es gibt kaum ein Motiv im Umkreis von Frankfurt, das Burnitz nicht gemalt hat. Bilder aus Bayern, aus dem Schwarzwald, legen Zeugnis von gelegentlichen kleinen Reisen ab. Aber der Ruhm wächst nicht in dem Maße, wie Burnitz es nach den anfänglichen Erfolgen in Frankreich wohl für sich auch in Deutschland erhofft hatte. Nach der lebhaften Sprache der vorausgegangenen Epoche in Frankfurt erschien der stille Klang von Barbizon allzu matt. Weder aufregende historische Vorwürfe hatte Burnitz zu bieten, noch romantische Märchen, noch liebreizende Dorfidyllen. Dagegen erregten schon bald seine Schwarz-Weißzeichnungen Aufsehen, die zwar nur Studien zu Bildern, aber in ihrer Anlage schon von großer malerischer Wirkung waren.
Eine Anzahl dieser Zeichnungen erschien im Jahre 1860 unter dem Titel:
"20 Kohlezeichnungen in photographischer Reproduktion, vorwiegend Frankfurt und seine Umgebung darstellend"[43].
Derartige Zeichnungen waren von ihm auch auf der "Frankfurter Kunstausstellung" (Kunst- und Industrieausstellung) des Jahres 1864 ausgestellt, wo auch seine Bilder aus dem Schwarzwald (Wiesenthal im Schwarzwald und Bauernhaus im Schwarzwald) die Aufmerksamkeit auf sich zogen[44]. Aber im Allgemeinen verhielt sich die Vaterstadt seiner Kunst gegenüber ablehnend, der entscheidende Erfolg sollte später aus einem anderen Lager kommen.
Inzwischen malte Burnitz unbeirrt seine Landschaften am Main, an der Nied, an der Nidda, im Taunus, aber die einmal aufgenommenen Verbindungen mit Frankreich rissen nicht ab. Im Jahre 1868 zum mindesten muß er selbst wieder zu Besuch in Paris gewesen sein. Denn als Hans Thoma[45], von Scholderer veranlaßt, mit diesem im April 1868 nach Paris kam, traf er dort Burnitz[46], und noch oft sollten die beiden sich begegnen.
Zuhause war man in den letzten Jahren nicht gerade glimpflich mit Burnitz umgegangen; auch die zünftige Kritik bemächtigte sich seiner in einer zum Teil heute grotesk anmutenden Weise. Insbesondere der Kunstschriftsteller Hermann Becker[47] stürzte sich in seiner krankhaften Abneigung gegenüber allem Neuen voll Wut auf das unglückliche Opfer: In seinem neunten Kapitel: Deutsche Landschaftsmaler von 1862 urteilt er wie folgt:
"So sehen wir dann auch deutsche Landschaften mit Motiven, welche zu unbedeutend sind, um unschön genannt zu werden, zu trivial, als daß man sie in der Natur eines Blickes würdigen würde und an diesen elenden Stoffen wird oft ein gutes Talent verschwendet... Unübertrefflich in dieser Richtung aber ist P. Burnitz in Frankfurt a. M., in dessen zahlreichen Bildern man wirklich nicht weiß, ob die Trivialität und die Häßlichkeit der Gegenstände oder die Abscheulichkeit (ich weiß kein passenderes Wort) den Sieg davonträgt, dergleichen Werke können uns die Natur verleiden und die Kunst dazu"[48].
Im elften Kapitel des Werkes erfolgt ein nicht minder heftiger Angriff:
"Peter Burnitz in Frankfurt a. Main, ein eigentümliches Mitglied der eigentümlichen Frankfurter Schule, erscheint zumeist mit Bildern, in denen ein blaugrauer Ton vorherrscht. Eine "Rheingegend" von diesem Künstler zeigt diese Eigentümlichkeit jedoch nicht in so hohem Maße. Im übrigen ist diese "Rheingegend" gerade so langweilig wie die sonstigen Bilder dieses Meisters, es ist nämlich ein flaches Flußufer mit unbedeutenden Bäumen. Wie ich schon früher sagte, war Courbet der Maler des Réalisme, einmal in Frankfurt und hat den dortigen Künstlern so imponiert, daß mehrere derselben, obgleich das schon lange her ist, noch immer mit Courbets Augen die Natur sehen und mit Courbets Palette malen[49].
Der wütende Kritiker hat sich noch nicht einmal die Mühe genommen festzustellen, daß Burnitz schon in Paris war, bevor Courbet zu Namen kam.
Aber im höchsten Grade peinlich wird die Lage für den Rezensenten, als Burnitz endlich auf der Internationalen Kunstausstellung in München im Jahre 1869 die goldene Medaille erhält. Ausgestellt waren drei Bilder[50]:
1. Landschaft bei Frankfurt am Main
2. Landschaft bei Bernried (Bayern)
3. Landschaft bei Bernried (Bayern)
Diesesmal brauchte sich Burnitz der Schmähungen noch weniger zu schämen, denn auch über Corot fiel der im inner. sten getroffene Kritiker in gleich erbarmungsloser Weise her.
"genug" - schreibt er - "auch dieser Meister (Corot) war preisgekrönt, und ich mußte mir sagen, wenn solche Landschaften den Preis verdienen, so wäre es doch unrecht, wenn man nicht auch den Meister Burnitz in Frankfurt am Main preiskrönte, den unwandelbaren Meister des Tones der aschgrauen Langeweile. Und richtig, es war geschehen, es ist doch noch Gerechtigkeit in der Welt! Indessen sieht in jeder Ausstellung jedes Bild immer etwas anders aus, und so hatte das Bild von Burnitz, eine flache Landschaft von Frankfurt, wirklich einen gewissen feingrauen luftigen Gesamtton, der nicht ohne Reiz ist, natürlich muß man nach irgend einer feineren Durchbildung des einzelnen in der Farbe, geschweige in der Form nicht fragen, das alles kommt neben dem "Ton" nicht in Betracht. Aber diesen feinen grauen Ton haben ja auch andere Meister und außerdem noch ganz andere Qualitäten... "[51].
Immerhin: Burnitz war preisgekrönt, und so hatte "das Bild wirklich einen gewissen feingrauen luftigen Gesamtton, der nicht ohne Reiz ist". Zu diesem Zugeständnis mußte man sich denn doch bequemen!
Die Jahre in Frankreich waren für Burnitz nicht ohne äußere Sorgen gewesen. Manchmal mußten Verwandte ihm hilfreich zur Seite stehen[52]. Hatte der Meister gehofft, daß jetzt nach dem Ausstellungserfolge in München eine goldene Zeit anbrechen würde, so wurde er auch diesmal enttäuscht. Das Publikum verschloß sich nach wie vor dieser stillen Kunst; auch die Galerien sahen von Ankäufen ab. Selbst das Städel'sche Kunst-Institut besaß bei Lebzeiten des Malers nur ein Bild, das im Jahre 1866 als Geschenk des Herrn Dr. jur. Edmund Landauer dorthin gelangt war. Die übrigen Bilder wurden erst nach Burnitz' Tode erworben.
Die folgenden Jahre brachten eine Veränderung in die Äußeren Lebensumstände des Meisters; er verheiratete sich am 16. April 1873, also in seinem 50. Lebensjahre mit der Wwe. Susanna Christiane Friederike Heerdt, geboren am 30, 7. 1834, Tochter des Senators Dr. jur. Samuel Gottlieb Müller und dessen Ehefrau Susanne Wilhelmine geborene Lochner. Aus der ersten Ehe der Frau waren bereits Kinder vorhanden. Burnitz's eigener Ehe entsprossen drei weitere Kinder, von denen die beiden Töchter in der Nähe Frankfurts leben; der Sohn Hans, der sich ebenfalls der Malerei zugewandt hatte, ist im Jahre 1929 gestorben.
In seinem Schaffen ist Burnitz in diesen Jahren starken Schwankungen nicht unterworfen gewesen. Er war seiner guten Sache sicher von Paris nachhause gekommen und war nicht geartet, große Konzessionen an die Gunst des Publikums zu machen. Es ging ihm hierin wie seinem Freunde Hans Thoma, dessen Kunst ja "bis 1890 eine verborgene blieb. Das Frankfurter Kunstvereinspublikum verspottete seine Bilder, von auswärtigen Ausstellungen wurden sie zurückgewiesen"[53].
Das Verhältnis zu Thoma war schon ein sehr herzliches geworden, bevor dieser nach Frankfurt (1877) übersiedelte. Des öfteren wird Burnitz in Thomas Schriften erwähnt:
"Am 16. Oktober 1873 wurde ich im Hause Eiser[54] herzlich aufgenommen. Eiser veranlaßte mich, daß ich seine Frau malte, nachher seine Nichten Milly, Else Moog. Dann malte ich auch noch den Maler Peter Burnitz".
"Die Weihnachtszeit 1873 verbrachte ich im schönen Familien- und Bekanntenkreise Eiser... Scholderer, Burnitz"[55].
Von seinem Aufenthalt auf Schloß Mainberg bei Schweinfurt im Herbst 1874 berichtet Thoma:
"Steinhausen[56] und Burnitz besuchten uns, die lustige Weinlese war, und so war an Heiterkeit kein Mangel[57].
Das von Thoma erwähnte Porträt seines Freundes Burnitz malte er offenbar nicht in einem Zuge; denn das Bild, das sich unter Nr. 44 im Besitz der städtischen Galerie Frankfurt am Main befindet[58] - es wurde von den Erben Burnitz 1908 erworben - ist mit der Jahreszahl 1875 bezeichnet, zeigt also Burnitz im Alter von etwa 50 Jahren. Thoma hat den Kollegen bei der Arbeit porträtiert, im Freien, neben der Staffelei sitzend, auf der - von rückwärts gesehen - ein Bild steht. Im Hintergrunde links erblickt man eine Gruppe von schlanken Birken, wie sie Burnitz selbst gerne gemalt hat, rechts oben ist der Himmel sichtbar. Der Porträtierte ist dem Beschauer frontal zugewandt, die Linke hält die Palette, die Rechte - auf dem Schenkel ruhend - den Pinsel. Eine breitschultrige, etwas völlige Gestalt, der Kopf leicht geneigt, mit dunklem Haar, Schnurr- und kurzem Backenbart, etwas fleischigen Wangen, einer großen, stark gewölbten Stirn. Die Augen blicken sanft, aber ernst drein und sind überhöht von den nach der Nasenwurzel tief herabziehenden Augenbrauen, die dem Gesicht einen leicht melancholischen Ausdruck verleihen. Alles in allem: Das Bild eines Mannes, der - schon etwas müde - das Leben von der ernsten Seite kennen gelernt hat und es nicht leicht nimmt.
Auf den Ausstellungen war Burnitz mit seinen Werken auch in den kommenden Jahren vertreten. Die Düsseldorfer Ausstellung im Jahre 1880 sah von ihm zwei Landschaften[59] Mühlenteich bei Frankfurt am Main. Im Walde von Fontainebleau.
In der Kunsthalle der Frankfurter Patent- und Musterschutzausstellung des Jahres 1881 zeigte er vier Ölgemäldes[60],[61] mit landschaftlichen Motiven: Waldlichtung - Haide bei einem Dorf - Waldwiese mit Kühen - Waldausgang -. Die geringe Beachtung, die dem Künstler von seiten der eigenen Vaterstadt zuteil wurde, hielt ihn nicht ab, seine stille Kunst bis zu seinem Tode, der am 18. August 1886 erfolgte, weiter zu pflegen.
Es wurde schon darauf hingewiesen, daß eine Anzahl Maler aus Frankfurt, dem Beispiel Burnitz' folgend, sich zum Studium nach Frankreich begeben hatte, und daß in der Zwischenzeit die Einflüsse von dort her immer stärker geworden waren. Aber erst, nachdem durch die Impressionisten in Frankreich und dann unter ihrem Einfluß in Deutschland die Dinge viel weiter getrieben waren, als man bereits vergessen hatte, daß noch im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts der Impressionismus eine verächtliche Kunstbezeichnung war, begann man sich der Anfänge zu erinnern, und um die Wende des Jahrhunderts ist der Name Burnitz "in Mode gekommen".
Daß die Städel'sche Galerie sich im Jahre 1897 entschloß, von der Witwe des Künstlers die große Kronberger Landschaft (Nr. 1301 des Städel-Katalogs) zu einem erheblichen Preis anzukaufen, hat sicher um diese Zeit viele Privatsammler in Frankfurt und in der Umgebung beeinflußt, Bilder von der Hand des Meisters zu erwerben.
Von den öffentlichen Sammlungen folgten mit Ankäufen: Berlin im Jahre 1903 (National-Galerie Nr. 843 des Katalogs von 1926), Darmstadt im Jahre 1911 (Landesmuseum Nr. 480 des Katalogs von 1914).
In unserem Jahrhundert sind Werke von Burnitz mehrmals in Ausstellungen zur Geltung gekommen: so veranstaltete im Jahre 1900 in Frankfurt am Main der Kunstsalon Schneider eine Ausstellung. "Erst jetzt" - so hieß es damals in der Besprechung - äbeginnt sich das Interesse in der Vaterstadt für ihn zu regen"[62].
Auf der Jahrhundert-Ausstellung in Berlin 1906 befanden sich acht Werke von Burnitz[63], dessen Werke hier zum ersten Mal im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung der Malerei gezeigt wurden. Angeregt durch diese Veranstaltung und den durch sie gegebenen Überblick über die verschiedenen Kunstschulen in Deutschland, begann nun auch der Frankfurter Kunstverein sich seiner Aufgabe bewußt zu werden, indem er sich zum Ziele setzte, das Kunstschaffen der Stadt in Sonder-Ausstellungen der Frankfurter Meister des 19. Jahrhunderts zu veranschaulichen. Auf diese Weise kam im Jahr 1912 die Peter-Burnitz-Gedächtnis-Ausstellung in Frankfurt am Main im Kunstverein zustande, auf der es gelang, eine größere Anzahl der Werke des Künstlers - meist aus Privatbesitz - zu zeigen[64],[65].
In jüngster Zeit ist Burnitz zu Wort gekommen auf der auf Seite I erwähnten Ausstellung
Hundert Jahre Frankfurter Kunst 1832-1932
im Frankfurter Kunstverein 1932; hier waren sechs Bilder von seiner Hand zu sehen[66].
Letzten Überblick gewährte die Gedächtnis-Ausstellung 1936, die das Städel'sche Kunstinstitut aus Anlaß der 50. Wiederkehr des Todestages des Künstlers veranstaltete.

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