Neues zu Courbets Bildnis des "peintre allemand"

  Auf der großen Courbet-Ausstellung der Galerie Rosenberg in Paris im Jahre 1929 wurde aus Pariser Privatbesitz ein Bildnis gezeigt, das den Titel "le peintre allemand" trug. Die Besitzer dieses Bildes hatten es unsigniert 1871 nach der staatlichen Beschlagnahme von Courbets Eigentum durch Vermittlung eines Pariser Kunsthändlers erworben, der auch die Interessen Leibls in Paris vertrat und dessen Werke dort regelmäßig in Ausstellungen dem Pariser Publikum zeigte. Die Beziehungen zu Leibl sollen Späterhin für diese Ausführungen noch von Bedeutung sein.
Kurze Zeit nach dieser Ausstellung gelangte der "peintre allemand" nach beinahe 60jährigem Verborgensein in Familienbesitz in den Kunsthandel und wurde von einem rheinischen Privatmann erworben.
Das Bild wurde veröffentlicht[87], und Emil Waldmann glaubt in dem Dargestellten Wilhelm Leibl zu erkennen[88], indem er an die Tatsache der persönlichen Beziehungen der beiden in München und Paris und die Hochachtung, die Courbet für Leibls Malkunst gehabt hat, erinnert und die Augenpartien als den Hauptzeugen nennt, der ihm der untrügliche Beweis seiner Auffassung ist. Diesem hieraus gezogenen Schluß ist einiges entgegenzuhalten.
Die Tatsache der freundlichen Beziehungen dieser beiden Männer genügt wohl nicht, um daraus zu entnehmen, daß Courbet dieses junge Talent, bei dem kurzen Aufenthalt, den Leibl in Paris genommen hat, gemalt habe. Leibl, der von Paris aus seinen Angehörigen oft und ausführlich geschrieben hat, berichtet in seinen Briefen nichts davon, daß er Courbet gesessen hat. Wäre dies wirklich der Fall gewesen, so hätte er dieses Ereignis sicherlich nach Hause berichtet, um denen seinen zu zeigen, daß er und seine Kunst, wenn auch nicht in Deutschland, so doch in Frankreich Anerkennung und Freunde gefunden hatte.
Ein weiterer Fingerzeig, daß der Dargestellte nicht Leibl ist, scheint mir die Tatsache zu sein, daß selbst der Kunsthändler, durch den das Bild in die französische Familie gelangt ist, nicht den Namen des Dargestellten wußte und es nur "le peintre allemand" nennen konnte. Dieser Händler, der der Vertrauensmann Leibls in Paris war, hätte den Dargestellten erkennen müssen. Wenn Waldmann sagt, der Name Leibl sei ein wenig in Vergessenheit geraten, so ist dem entgegen zu halten, daß er durch das Bildnis der Frau Lorenz Gedon, das die Princesse de Carcano 1870 in Paris erwarb[89], großes Aufsehen erregte und daß die Kriegsjahre der Beachtung und dem Ansehen Leibls in keiner Weise geschadet haben, daß seine Werke gerade in den nachfolgenden Jahren Beifall und Anerkennung bei den Pariser Kunstliebhabern fanden.
Nun zu dem Bilde selbst. Waldmann sieht in der Stellung der Augen - diese werden als klein bezeichnet - und in den "dicken Lidern", die aber nur durch den plötzlichen Übergang vom Dunkel zu Hell übermäßig betont sind, den Beweis seiner These. Er läßt außer acht, daß Leibl unter den Augen eigentümlich geschwollene Tränensäcke gehabt hat und daß der Bau seiner Nase, besonders der Spitze, ein ganz anderer war. Außerdem scheint es unwahrscheinlich, daß der Dargestellte ein junger Mann ist, er sieht viel älter aus, als man bei einem 25jährigen Mann erwarten dürfte. Alle diese Gründe sprechen gegen die Ansicht Waldmanns, So daß die Identifizierung mißlungen scheint.
Waldmann hat selbst einen Augenblick an Otto Scholderer gedacht. Aber er spricht sich sogleich dagegen aus, indem er anführt, daß dieser ganz anders ausgesehen und im Lager Manets gestanden habe. Diese Feststellung ist an und für sich richtig; Scholderer hat in den letzten Jahren seines Pariser Aufenthaltes bis zum Frühsommer 1870 in Manet seinen Meister und Führer gesehen. Dies Schließt aber nicht aus, daß Scholderer mit Courbet, mit dem er schon seit 1856 in dauernder Verbindung stand, weiterhin in Freundschaft verbunden war, und daß Courbet seinen alten Schüler, mit dem er in Frankfurt und München zusammen war, gelegentlich porträtierte. Es ist absolut nicht notwendig, dem Werk Courbets als Entstehungszeit den Winter 1870/71 zuzuweisen; es spricht nichts dagegen, selbst mehrere Jahre früher anzusetzen.
Stellt man eines der vielen Selbstporträts Scholderers dem namenlosen Courbets gegenüber, so wird diese Möglichkeit zur größten Wahrscheinlichkeit. Besonders auffällig wird dies bei dem Selbstbildnis im Städel in Frankfurt, bei dem im Besitz des Hamburger Museums befindlichen Porträt und dem Selbstbildnis mit hohem Hut im Besitz der Frau Müller-Zorn in Frankfurt. Der Bau der Nase und die Modellierung der Wangenpartie, diese väterlich gütigen Augen lassen zur Gewißheit werden, daß nicht Leibl, sondern Scholderer der Dargestellte ist.
Diese Auffassung bestätigt vor allem ein Selbstbildnis mit einer Widmung für Fantin-Latour, im Besitz von Herrn Wolfensperger in Zürich, das durch seine Besonderheit aus der Reihe der übrigen Selbstbildnisse herausfällt; es führt zu einer weiteren bemerkenswerten Feststellung. Das Bild ist ebenfalls ein Brustbild, mit dem kleinen Unterschied, daß hier der Dargestellte genau von vorne gesehen wird, mit ähnlichem hohen Hut und in der ganzen Anlage und Auffassung stark verwandt mit dem Bildnis Courbets. Diese Gleichartigkeit spricht dafür, daß Scholderer, nachdem er mit Aufmerksamkeit der Arbeitsweise seines großen Meisters gefolgt war und ihre Wirkung erlebt hatte, versucht hat, sich in der gesehenen Arbeitsweise und in der Auffassung Courbets zu porträtieren. Das gelungene Werk, das wie kein anderes Selbstbildnis Scholderers das geistige Wesen dieses feinsinnigen Künstlers und Kunstkenners, des warmherzigen und liebenswürdigen Menschen trifft und mit so vornehmen künstlerischen Mitteln zum Ausdruck bringt, wurde auf die Bitte Fantins-Latours um ein Bildnis seines alten Freundes diesem gewidmet. Es ist mit Sicherheit zu sagen, daß wir das Selbstbildnis in Zürich einer Arbeit Courbets verdanken, die Scholderer veranlaßt hat, sich selbst in der Auffassung und Malweise seines großen Lehrers darzustellen.

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