Die Beziehungen zwischen Thoma und Scholderer

  Sieht man die bisher immer noch spärliche und oberflächliche Literatur über Hans Thoma durch. So fällt auf, wie wenig oder fast gar nicht Otto Scholderers gedacht wird, der als erster diese große, eigenwüchsige Begabung erkannte und sie ermunterte, sich nicht von der heroischen Malweise seines Lehrers Schirmer in Karlsruhe unterdrücken zu lassen, sondern fortzufahren in den Bemühungen, die Natur leibhaftig und ungeschminkt zu suchen. Schirmer war wohl für jene Zeit ein guter Lehrer, aber zu fest verwachsen mit den vorausgegangenen Bestrebungen der Nazarener, um diesen aus echtem Volkstum erwachsenen jungen Künstler ganz zu verstehen.
Singer sagt in seiner kleinen Schrift[83] über Hans Thoma, daß sein Leben recht ruhig dahingeglitten sei, weder innerlich noch äußerlich) unter großen Aufregungen oder Umwälzungen zu leiden gehabt habe. Dem ist entgegenzuhalten, daß Thoma nach siebenjährigem Besuch der Akademie in Karlsruhe, wo schließlich die Mitglieder des Kunstvereins in einer Eingabe verlangten, daß man seine Werke von weiteren Ausstellungen ausschließe[84], ziemlich verzweifelt und mittellos in Düsseldorf ankam. Auch hier fand er kein Verständnis für seine eigenartige Künstlernatur. Er sehnte sich nach einer sicher führenden Hand, die seine Bemühungen um die Kunst verstand. Diese fand er in Otto Scholderer. Sein liebevolles Einfühlen in die Kunst Thomas war für diesen ein starker Trost, spornte ihn zu neuen Arbeiten an; die Bekanntschaft mit Scholderer löste seine Kräfte aus, gab den Anstoß zu seinen stärksten Arbeiten. Jetzt erst fühlte er nach der verständnisvollen Würdigung eines Mannes, der zwei Jahre in Paris mit Courbet und seinem Kreis engste Fühlung gehabt hatte, daß er auf dem rechten Wege war; er fand stärkende Ermutigung und wurde zu weiteren fleißigen Arbeiten veranlaßt. Seine glatte Farbe und die Festigkeit seiner Form löste sich; unter Scholderers Einfluß wurde der Ton dunkler und wärmer, und seine Werke gewannen malerische Qualität. Die endgültige Bestätigung der Berechtigung seiner Malweise fand er in Paris, wohin er mit Scholderer gefahren war.
Henry Thode hat große Verdienste um die Durchsetzung der Kunst Thomas erworben. Es ist aber zu bedenken, daß diese Freundschaft erst 1889[85] entstand und daß Thodes großzügige mündliche Propaganda erst zu Anfang der neunziger Jahre einsetzte.
Die ersten, die mehrere Bilder Thomas kauften, waren die durch Scholderer in London geworbenen Freunde Charles Minoprio, von Sobbe und Thomas Tee, die es dem Künstler ermöglichten, ein einigermaßen sorgenfreies Leben zu führen. Es berührt eigentümlich, wenn man bedenkt, daß die erste Thoma-Ausstellung von annähernd 60 Nummern nicht in Deutschland stattfand, sondern in Liverpool, und zwar schon im Anfang der achtziger Jahre[86], als Thode für ihn noch nichts getan hatte. Aus der Tatsache, daß dort so viele Bilder gezeigt werden konnten, wird deutlich, eine wie große Stütze die durch Scholderer gewonnenen Freunde für Thoma waren.
Thomas größter Gewinn aus der Berührung und Freundschaft mit Scholderer war die Bestätigung seiner Anschauungen und seiner künstlerischen Gesinnung. Er verdankt ihm die Widerstände, die ihn in der Frühzeit seines Schaffens von der billigen Illustration zurückhielten. Und hierin liegt die tiefere Bedeutung, die Scholderer für die künstlerische Entwicklung Thomas gehabt hat. Als Scholderer 1871 nach England ging, schlief die Freundschaft mit Thoma langsam ein. Thoma kam unter den Einfluß anderer, die der alten Italien-Romantik huldigten und ihn dorthin lockten. Außer seiner zweiten Reise nach Italien, die er im Auftrage von Minoprio machte, hat er alle anderen Reisen dorthin aus eigenem Antrieb unternommen. Er hat niemals wieder das Bedürfnis empfunden, nach Paris zu gehen und dort die gerade in diesen Jahren wichtigen Strömungen der Malerei zu studieren. Es ist müßig zu fragen, was aus Thomas Kunst geworden wäre, wenn sie weiterhin den starken Einfluß Scholderers erfahren hätte.

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