Einleitung

  Der allgemeine Anklang, die große Begeisterung, welche die diesjährige Münchener nationale Kunstausstellung hervorrief, zeigt auf das klarste, wie tief die Kunst mit dem Leben im deutschen Volke verwebt ist. Der merkwürdige Umstand, daß alles das, was von einer wirklichen deutschen Kunstentwickelung zeugte, siegend hervortrat, muß zu dem Gedanken leiten, daß das Interesse für die Leistungen der deutscheu Künstler jeden Tag mehr im Steigen begriffen ist.
In Anbetracht dieser Verhältnisse möchte es auch an der Zeit sein, in diesen Blättern ein Bild der künstlerischen Thätigkeit an hiesigem Orte zu entwerfen und den geehrten Lesern vor Augen zu führen. Man möge uns denn bei unserer Wanderung durch die Ateliers mit dem Gedanken begleiten, daß wir weniger eine Kritik der einzelnen Bilder der betreffenden Künstler, als eine Charakteristik ihres Schaffens und ihres Strebens versuchen, und wenn auch hie und da ein Raisonnement sich durchdrängen sollte, so geschah dieses nur zum besseren Verständnis, nicht aber um unser Urtheil als allei= nigen Maßstab hinstellen zu wollen.
Wir übergeben diese Schilderung um so lieber der Oeffentlichkeit, als wir wissen, daß im Gegensatze zu Orten, wie Düsseldorf, München, Dres= den, Berlin etc., wo eine gemeinsame Kunstschule und übersichtlich waltende Kräfte den einzelnen Künstlern die moralische Stellung sichern, man kaum weiß, welche Kräfte an hiesigem Platze wirken und schaffen, welche Leistungen geschehen und welche Talente nach der verdienten Anerkennung streben. Es ist nicht zu leugnen, daß diese Anerkennung einzelnen, ja vielen Künstlern werde, doch ist es nicht allein von Interesse, sondern auch von Nutzen, daß das ganze Bild einer großen Künstlerschaft gehörig gewürdigt werde. Und walten in Frankfurt etwa schlechtere Kräfte als anderswo, wenn wir die gerühmten Coryphäen der Jetztzeit ausnehmen? Gewiß nicht. Man wird allgemein glauben, daß das obenangeführte Mißverhältniß im Grunde des Mangels einer großen Akademie zu suchen sei. Es mag theilweise wahr sein; allein wir glauben, daß da, wo ein so strebsames, wenn auch vereinzeltes Künstlerleben besteht wie kaum irgendwo, jener Mangel nicht gradezu als Verlust zu bezeichnen ist. Wir finden die Ursache einestheils im Mangel des Zusammenwirkens, anderntheils aber darin, daß ein leitender Geist, eine waltende Hand, mit einem Worte scheinbar ein Mann fehlt, welcher in der allgemeinen Achtung und Verehrung hoch genug steht, um allen Bestrebungen selbstsüchtigen Neides, anmaßenden Dünkels und laienmäßiger Beurtheilung die Spitze bieten zu können.
Die Spuren einer Art von Malerschule lassen sich in Frankfurt bis zu dem fünfzehnten Jahrhundert rückwärts verfolgen, wann die beiden in Brügge lebenden Brüder Hubert und Jan van Eyck die flandrische Schule, die doch überall einen gewissen germanischen Styl durchleuchten läßt, begründeten und eine Verbindung mit einer oberdeutschen anstrebten. Als deren Schüler gilt der während den Jahren 1470-1480 hier lebende Maler Conrad Fyoll, von dem die mit No. 125 und No. 137 bezeichneten Altarwerke und die beiden Tafeln No. 132 und 133 in der Gallerie des Städelschen Kunstinstitutes herrühren sollen. Im 16ten Jahrhundert und weiter bis zum 18ten und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts waren nach einander hier wirkend und thätig die theils eingebornen, theils sich hier aufhaltenden Künstler: Adam Elzheimer, Samuel Hoffmann, Johann Heinrich Roos und dessen Sohn Johann Melchior Roos, Abraham Mignon, Justus Junker, Johann Georg Trautmann, der ältere Schütz (Christian Georg), Wilhelm Friedrich Hirt, Georg Melchior Kraus, Johann Georg Pforr, Johann Daniel Bager und Johann Ludwig Ernst Morgenstern, von denen ebenfalls das Städelsche Institut Werke besitzt und deren Viele einen Ruf genossen, der weit über die Grenzen dieser Stadt drang.
Alle diese Maler wirkten und schufen je nach ihrer Art und Weise ohne ein Künstlerleben oder eine eigentliche Kunstschule hier begründen zu können. Eine solche Anstalt erstand erst durch jene, mit der am 3. December 1816 geschehenen Eröffnung des Testamentes des vortrefflichen Johann Friedrich Städel ins Leben tretende Stiftung, welche nicht allein die Anregung, sondern auch reichlich Mittel für die Gründung des nach dem Erblasser benannten Institutes zur Verfügung und die geeignetsten Verordnungen dazu feststellte.
Aus dieser Anstalt nun gingen fast alle Kunstleistungen, die in den vergangenen Jahrzehnten hier geschaffen wurden, namentlich die der Malerei hervor, und vor Allem war es der im Jahre 1831 zum Direktor der Anstalt ernannte Maler Veit, dem die ganze Ehre gebührt, wenn am hiesigen Orte sich diese Kunstschule zu einer zu beachtenden Höhe emporschwang. Wenn auch vorübergehend Cornelius hier weilte und sogar seine Faustscenen in Frankfurt entstanden, wenn auch Overbeck und Schwind zeitweise ihren Einfluß auf den Kunstgeschmack und einzelne Künstler äußerten, so waren sie doch nie thätig, dem gemeinsamen Ganzen zu nützen. Der Mann, der auch heute wieder der hiesigen Künstlergesellschaft fehlt, der über Richtung und Geschmack erhaben, in allgemeiner Achtung hoch stand, war Philipp Veit.
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Franz Rittweger: Wanderung durch die Werkstätten in Frankfurt wirkender Künstler. Frankfurter Museum, 4. Jg. 1858, S. 933f

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