Frankfurter Kunst

von Heinrich Weizsäcker

Pan Jahrgang 3, 1897, S. 239

  I. Anton Burger

Die Stadt Frankfurt trägt, wie sie heute besteht, ein doppeltes Angesicht. Das eine zeigt, nach außen gerichtet, die Züge der modernen Großstadt, das andere weist, nach innen gekehrt, das Bild der alten Reichsstadt auf, die, leidlich konserviert, sich neben und unter allem neuen Zuwachs erhalten hat. Wenn man vom "alten Frankfurt" spricht, so denkt man dabei vor allem an das nach Stammesart und altüberlieferter Sitte eng in sich geschlossene Gemeinwesen, wie es auf dem Boden eben jener Altstadt, dauerhafter als die Formen der früheren staatlichen Verfassung, heute nicht viel anders als vordem besteht, sehr weit entfernt von allen großstädtischen Alluren, aber doch nicht unberührt von jener weltoffenen und heiteren Lebensart, wie sie nicht weit davon am Rhein zu Hause ist und voll des Selbstbewußtseins, das einer alten Stadt, die Jahrhunderte lang Vorrang im Reich behauptet hat, wohl zukommt.

Es kann nicht Wunder nehmen, wenn ein mit individuellen Zügen so wohlausgestattetes Sonderleben, wie es hier zu Hause ist, auch seinen eigenen künstlerischen Ausdruck gefunden hat. Thatsächlich besteht in Frankfurt eine, wenn man so sagen darf, lokale Schule, die nicht viel anders als es vordem etwa im alten Holland vielfach vorgekommen ist, dem heimatlichen Boden mit einer ganz bestimmten Ausschließlichkeit Antrieb uns Stoff ihres Schaffens entnimmt. Fragt man nach dem Künstler, in dem sich ihre Tradition heute am sichtbarsten verkörpert, so wird man von jedem Frankfurter nur Einen Namen hören: Anton Burger, einen Namen, für den jeder Einheimische eine gewisse Verehrung besitzt, der aber auch draußen im Reiche zum mindesten unter solchen Kunstfreunden einen guten Klang hat, die das Wertvolle an jedem Orte und in jeder Form zu finden wissen. Allerdings, populär ist Burger nur in Frankfurt, hier aber ist er es in vollem Maße. Niemand, der nicht von ihm wüsste, kein Haus unter denen, die es "können", dessen Räume nicht auch ein "Burger" zierte. Dieser Künstler könnte ja auch nirgends ein dankbareres Publikum finden, als unter einer Bevölkerung, für die alles, was er an Örtlichkeiten und Begebenheiten je gemalt hat, den Reiz des heimatlich Gewohnten und Vertrauten besitzt. Aufgewachsen in der malerischen Altstadt von Frankfurt hat Burger eigentlich nie an etwas anderem Gefallen gefunden, als an dem Idyll des kleinbürgerlichen und später des ländlichen Lebens im Innern und draußen vor den Thoren der Stadt, in deren originalen Typus er sich wie wenig andere hineingelebt hat.

Niemand hat ihn dazu angeleitet. Der natürliche Instinkt der künstlerischen Begabung ließ ihn von selbst den Weg finden, für den er geschaffen war. Nur einmal im Anfang seiner Laufbahn war er, vielleicht fremder Eingebung folgend, auf falscher Fährte. Damals - es war im Beginn der vierziger Jahre - stand Veit an der Spitze des Städelschen Instituts und die durch ihn vertretene romantische Richtung war tonangebend in Frankfurt. In Veits Atelier beschäftigte sich Burger als junger Kunstschüler eine Zeit lang, gleich Anderen, mit "heiligen" Gegenständen. Aber die Werte seiner Hände zeugten gegen ihn. Das Bildchen eines Tünchergesellen, den er eines Tages nebenbei gemalt hatte, wie er die Stubendecke streicht und den Boden mit Farbe einspritzt, fand bei allen, die es sahen, ungleich größeren Beifall als jene anderen Historien vorher. Auch Veit, der das Werk zu sehen bekam, hatte sein Gefallen daran und als ein Mann von feiner Bildung und praktischem Verstande, wie er war, sagte er zu dem Schüler: "Auf dem Wege bleiben Sie. Und wenn ich Ihnen raten soll, gehen Sie nach München, dort finden Sie mehr als hier, was zu Ihrer Vervollkommnung dient." Der Erfolg gab dem Meister recht.

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Lange litt es den jungen Künstler freilich nicht in München. Die Anhänglichkeit an die Heimat erwies sich bei ihm stärker als jede andere Anziehungskraft, damals und so auch späterhin zu wiederholten Malen, wenn es ihn vorübergehend in die Ferne zog. Gern gelitten, wo er hinkam, hätte er es auch in der Fremde wagen können, sein Glück zu versuchen; in Paris, wo er in den fünfziger Jahren weilte und u.a. mit Courbet in freundschaftliche Beziehungen trat, wirkte sogar eine aussichtsvolle Zukunft. Er aber blieb daheim und blieb endgültig, nachdem er sich - es war um das Jahr 1859 - in Cronberg unweit Frankfurt auf dem Land angesiedelt hatte, wovon weiter unten die Rede sein wird. Er hing eben nicht nur mit dem Herzen an der Frankfurter Heimat, auch die Wurzeln seiner Lebens- und Schaffenskraft lagen hier. Hier in den kleinen Gassen, in denen die nach Landesbrauch mit Schiefer verkleideten und häufig mit bunten Blumenfenstern geschmückten Giebelhäuser in behaglicher Enge nebeneinanderstehen, in den Winkeln, Durchgängen und Höfen, in denen ein kundiges Auge noch manchen Rest von schöner alter Renaissance und Barock-Architektur zu finden weiß, da war seine Welt. Von da an stand, ward es ihm drinnen zu eng, der Weg offen ins weite Land, vorbei an den altertümlichen Mauern und Türmen, hinaus in die fruchtbare Ebene und weiter hinaus in das anmutige Waldgebirge, das mit seinen Jagdgründen, seine malerischen Dörfern und seinen stattlichen, von Burgen gekrönten Gipfeln nördlich des Maines zum Rheintal hinüberleitet. Hier war dem Künstler nicht nur das Land, auch die Bewohner waren ihm alte Bekannte von Jugend auf: der städtische Bürger, Handwerker oder Handelsmann wie der Jäger, der Bauer, der Tagelöhner.

Er hätte lohnendere Studienplätze finden können: damals war es ja, daß die trachtenreichen Gegenden in Oberhessen, Baden und Württemberg von den Malern entdeckt und ausgebeutet zu werden anfingen, aber Burger schloß sich da nicht an. Für das was er wollte, fand er und findet er noch zu Hause genug, ja nur dort das Rechte, denn was ihm auch als Künstler in den Wurf kommen mag "es muss auf der Scholle gewachsen sein", das ist seine erste Bedingung. So kommt es denn auch, daß seine Bilder, nicht genug der persönlichen Anschauung, die sie enthalten, immer auch ein Stück persönlichen Erlebens und Mitlebens offenbaren, ein Stück vom eigenen Selbst, das er hineinlegt. Eben deshalb sind sie auch nicht nur das Abbild, sie sind, was ungleich mehr ist, die Charakteristik der natürlichen Erscheinung, und sie sind es ein einem ganz seltenen Maße. Seine Bilder fallen aus der landläufigen Genremalerei ungefähr so stark heraus, wie etwa die Bilder eines alten Bauern-Breughel oder Brouwers über der gewöhnlichen Sittenmalerei iherer Zeit stehen durch die Fülle einer immer neuen lebendigen Beobachtung und durch die Reife des Urteils, das sich damit verbindet. Und mehr noch, ja eine ihrer größten Eigenschaften hat Burger mit diesen alten Meistern des Sittenbildes gemein: Die Stärke eines unerschöpflichen Humors. Es ist in diesem Zusammenhang nicht uninteressant, daran zu erinnern, daß in der Zeit, in der Burger anfing, sich in der Frankfurter Kunstwelt einen Namen zu machen, der bekannte Advokat und spätere Bundestags-Abgeordnete Detmold - derselbe, der sich durch seine "Anleitung zur Kunstkennerschaft" und ähnliche Schriften den Rang eines Klassikers der neueren humoristischen Literatur verdient hat - daß Detmold damals an Burger, dem er auch verschiedene Aufträge gab, ein ganz besonderes Gefallen fand. Von der literarischen Richtung dieses Gönners weicht Burger übrigens als Maler darin ab, daß er nie zum Satiriker wird. Es ist ein harmloser und gutgemeinter Scherz, den er treibt, wenn er die kleinen Trödler der Judengasse, die redegewandten Hökerfrauen an der "Schirrn" oder auf dem Römerberg oder die Bauern der Taunusdörfer in ihren noblen Passionen auf der Jagd, beim Trunk und beim Spiel in der vollendeten Komik unbewachter Augenblicke zu fassen weiß, und es ist nicht sowohl das Gewöhnliche und Niedrige der Menschennatur, dessen Anblick ihn dabei verweilen läßt, als vielmehr das psychologische Problem solcher Erscheinungen. Und wie denn, um mit David Friedrich Strauß zu reden, "die tiefste Psychologie zugleich höchste Poesie ist", so findet der Künstler auch nicht selten unmittelbar von da den Weg hinüber zu tief gemütvollen Schöpfungen, deren er in gleich hohem Grade Meister ist. Auch dann hält er sich gerne an die Gesellschaft kleiner Leute oder er vermeidet es wenigstens, mit den Großen dieser Welt in Berührung zu kommen. Die Töne des einfachsten menschlichen Empfindens liegen ihm am besten und nichts vermöchte sie auch überzeugender zum Ausdruck zu bringen, als die Echtheit und Schlichtheit der Stimmung, die er in solche Bilder hineinlegt. Den bescheidenen rebenumrankten Söller des Hinterhauses oder das ärmliche Obdach des Austrag-Stübls meint man durchleuchte die Sonne noch einmal so schön, wenn Burger sie hineinmalt.

Seine Produktivität ist in alledem unerschöpflich und es wäre ein zweckloses Beginnen, in dem Rahmen, der hier zur Verfügung steht, eine Aufzählung seiner Werke auch nur zu versuchen, vollends wenn man die Menge anmutiger Aquarellbilder hinzuziehen wollte, die in Frankfurter Sammlungen geradezu reihenweise von ihm vorhanden sind. Von diesen Aquarellen entstanden viele nur zur Ausfüllung müßiger Stunden, oft mehrere zu gleicher Zeit, wobei die ausführende Hand behende von einem Blatt zum anderen hinübergleitet. Daß sie aus dem Kopf gemacht sind, sieht man ihnen nicht an und doch sind die meisten von ihnen nicht anders als etwa die bekannten Milletschen Kreidezeichnungen ohne Studien, aus freier Eingebung der Phantasie hervorgegangen. Für den seltenen Reichtum an innerer Anschauung, über den unser Künstler verfügt, ist nichts bezeichnender als diese Sachen.

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Unwillkürlich führte Burgers Eigenart vorhin zu einem Vergleich mit den alten Meistern der niederlängischen Schule. Der Vergleich liegt gegenständlich zu nahe, als daß er nicht gemacht werden sollte, er läßt sich aber auch noch weiter auf des technische Gebiet ausdehnen. Es ist schon oft gesagt worden, daß Burger in seiner Farbgebung, die tiefe und gesättigte Töne bevorzugt und die sich durch eine bewundernswerte Reinheit und Schönheit des Tons auszeichnet, jenen Alten auffallend nahestehe. Von Liebhabern sind wohl auch Burgersche Bilder mit altniederländischen in bewußter Absicht zusammengehängt worden, und es heißt, daß sie sich neben Teniers und Ostade wacker gehalten haben. Burger selbst will diese Verwandschaft allerdings nicht völlig Wort haben und er hat damit im Grunde nicht so Unrecht. Denn es ist doch mehr eine zufällige Verwandschaft der Farbempfidung, die ihn jenen Vorbildern nahebringt und er besaß, wie einige noch erhaltene Erstlingswerke beweisen, seine eigenen Richtung bereits, ehe er von jenen überhaupt die Namen wußte. Auch hat sicher Burger vor der Natur doch immer nur darnach gefragt, nicht wie andere sie sehen würden, sondern wie er selbst sie sah. Dabei erscheint er so frei von vorgefaßter Meinung, daß man ihn auch auf die tiefere Farbskale, die seine Innenräume in der Regel kennzeichnet, je nach Umständen und namentlich unter freiem Himmel mit Leichtigkeit verzichten sieht und er erreicht sogar zuweilen in seinen Landschaften eine Heiterkeit und Helligkeit des Tols, als wäre er der "Jüngsten" einer. Er will aber nie etwas anderes, als eben natürlich sein.

Der bedeutende künstlerische Charakter, der sich bei Burger in all seine Intimität und Natürlichkeit der Arbeit ausprägt, tritt noch stärker zu Tage, wenn man bedenkt, daß er überhaupt nie anders gemalt hat. Seine Jugend fällt in eine Zeit, in der, von anderen Kategorien abgesehen, zum mindesten das Sittenbild der Tendenzmalerei und der ästhetischen Phrase verfallen war. Man neigte zum Affekt, man schob das Unebene und Ungleichmäßige zur Seite, ja, es wurden eigentlich nur angenehme und rührende Dinge und die entsprechenden Menschen gemalt, als ob es nur solche gäbe. Aber davon unabhängig war Burgers Art schon damals genau dieselbe und ohne Falsch wie heute und neben dem "Schönen" in der Welt wußte er auch dem minder Schönen seine Platz anzuweisen, soweit dies einen solchen überhaupt in der Kunst beanspruchen darf.

Das äußere Leben Burgers ist geräuschlos dahingegangen, in einer Zurückgezogenheit und Stille, die mit seiner inhaltreichen schöpferischen Thätigkeit wohl in Übereinstimmung befindet, die aber doch zu seiner thatsächlichen Bedeutung in keinem Verhältnis steht. Zum teil war daran wohl der Umstand schuld, daß Burger sich nur selten entschließen konnte, die Ausstellungen zu beschicken, er hatte eine unüberwindliche Abneigung dagegen. Aber es war neben dieser Schwäche, wenn man es so nennen will, noche eine andere Eigenschaft, eine Tugend, die ihn die Öffentlichkeit meiden ließ: die edle Bescheidenheit des Mannes, der zwar klug genug war, um für seine Person den Wert seines Lebens zu kennen, der aber zugleich groß genug war, auf einen großen Namen vor der Welt verzichten zu können. Erschien er dennoch einmal ausnahmsweise auf dem Plan, so wurde seinem Verdienst die Anerkennung wie von selbst zu teil. Noch vor wenigen Jahren hat eine Kollektiv-Ausstellung seiner Werke, die in München arrangiert wurde, ein mehr als gewöhnliches Aufsehen erregt: es war, wie es damals hieß, "als sei ein neuer Meister entdeckt worden". Damals kaufte auch die Pinakothek ein Bild von ihm, den "Cronberger Adlerwirth", für das er schon 1869 in München die goldene Medaille erhalten hatte. Eine Auswahl seiner schönsten Werke besitzt die öffentliche Sammlung seiner Vaterstadt

II Die Cronberger Malerkolonie

Um Burger völlig kennen zu lernen genügt es nicht, sich seine Persönlichkeit alleine zu vergegenwärtigen. Er ist durch die Anregung, die von ihm ausging, der Mittelpunkt eines geselligen Kreises geworden, der sich in mehr oder minder naher persönlicher Beziehung um ihn her geschlossen hatt und auch von hier aus will sein Lebenswerk angeschaut sein. Diesen Kreis der sogenannten Cronberger Malerkolonie bildeten und bilden noch heute eine Menge von Schülern Burgers, ihm gehören aber auch einige ungefähr gleichaltrige gesinnungsverwandte Genossen an, die ihm in früheren Jahren von Frankfurt nach Cronberg gefolgt sind. Die Mehrzahl von diesen letzten weilt heute nicht mehr unter den Lebenden.

Als die originellste Erscheinung ragt aus diesem Kreise Jakob Fürchtegott Dielmann hervor. Seinem künstlerischen Bildungsgange nach gehört Dielmann der älteren Düsseldorfer Schule an, wenigstens ist er in dieser zum Künstler gereift; von Geburt ist er jedoch ein Frankfurter, sogar, was von einigen noch höher geschätzt wird, ein Sachsenhäuser. In Frankfurt oder in dessen Umgebung hat er auch seit der Mitte der vierziger Jahre seinen ständigen Wohnsitz gehabt, er siedelte dorthin von Düsseldorf über ungefähr gleichzeitig mit einigen anderen namhaften Künstlern wie Pose, Andreas Achenbach und Jakob Becker. Diese Einwanderung vom Niederrhein führte im künstlerischen Leben der Stadt, dessen Gepräge bis dahin vorwiegend von den Nazarenern bestimmt wurde, zu einer Krise, wie sie hier vor- oder nachher nicht wieder zu verzeichnen gewesen ist. Vor allem die Berufung Jakob Beckers, des bekannten Darstellers ländlicher Scenen, zum Leiter der Malschule des Städelschen Kunstinstituts und die steigende Wertschätzung des ihm verwandten Historienmalers Conrad Friedrich Lessing, führte zu einer nicht ohne Leidenschaft geführten Auseinandersetzung zwischen den Nazarenern einer- und den Düsseldorfern andererseits, deren Ergebnis war, daß diese letzten in Frankfurt festen Fuß faßten. Mit der Geschichte dieser bedeutenden Wandlungen ist auch Dielmanns Name verbunden.

Seine Werke sind nicht eben zahlreich; er gehörte zu jener Art von Künstlern, die sich nur selten entschließen können, ihre Sachen fertig zu machen und so ist eben auch wirklich nicht viel von ihm fertig geworden. Sein Stil ist leicht gekennzeichnet. Wer mit Burgers Art vertraut ist, vermag sich auch von der inhaltlich und technisch eng verwandten Malerei Dielmanns ein zutreffendes Bild zu machen. Dies Verhältnis beruht auf einem ganz eigenartigen geistigen Austausch, der zwischen ihm und dem volle fünfzehn Jahre jüngeren Burger Jahrzehnte hindurch stattgefunden hat. Dielmann war ein feiner, theoretisch veranlagter Kopf und Burger bekannte, daß er ihm von dieser Seite her manche Anregung zu verdanken gehabt hat, aber der eigentlich produktiv veranlagte und thätige Genius war Burger. Er bildete darin die natürliche Ergänzung des älteren Freundes, und dieser selbst erkannte dies in praxi an, indem er, ohnehin gewohnt sich gehen zu lassen, sich mit dem jüngeren mehr und mehr identifizierte. Er nahm sogar dessen guten Dienste in Anspruch, um sich von ihm seine Bilder vollenden zu lassen und als Burger auf und davon ging, um in Cronberg Hütten zu bauen, folgte er ihm auf dem Fuße nach. Die selbständige Begabung Dielmanns soll übrigens mit alledem nicht in Zweifel gezogen werden; in mannigfaltigen Studien und Entwürfen seiner Hand kommt sie zu sprechendem Ausdruck. Berühmt sind unter den oberhessischen Motiven, die er, hierin Jakob Becker folgend, gerne behandelte, seine Kinderscenen durch die naive Anmut der Schilderung, die manchmal, obschon unbewußt, an Ludwig Richter streift.

Die Zahl der Namen, die sich in diesem Zusammenhange in engeren oder weiteren Sinne einfügen, ließe sich beträchtlich vermehren, erschiene es nicht angebracht, hier nur von solchen Künstlern zu reden, von denen wir zugleich in der Lage sind, eine Probe ihrer Kunst in Abbildung beizufügen. Wir müssen deshalb eine Philipp Rumpf, Maurer, Dreßler u.a. übergehen, doch sei noch des Landschaftsmalers Dr. Peter Burnitz als eines besonders anziehenden und eigenartigen Künstlers gedacht. Von Burnitz ist wohl noch seltener als von Burger und Dielmann außerhalb Frankfurts die Rede; auch er gehört zu denen, welchen recht eigentlich gegen ihr Verdienst das "bene qui latuit, bene vixit" zur Devise ihres Lebens und ihrer künstlerischen Tätigkeit geworden ist. Burnitz ist neben Burger und Dielmann entschieden die selbständigste Erscheinung des engen Cronberger Kreises. Der Wille des Vaters und häusliche Überlieferung hatten ihn für die juristische Laufbahn bestimmt, doch wurde er sich seines eigentlichen Berufes noch zeitig genug bewußt, um sich ihm in jungen und rüstigen Jahren zuwenden zu können. Eine spanische Studienreise im Jahre 1848 führte diese Entscheidung in ihm herbei; bestimmend wirkte auf seine weitere Entwicklung ein längerer Aufenthalt in Paris, der ihn im Kreise der Schule von Fontainebleau heimisch werden ließ. Den Künstlern, welche diese Genossenschaft bildeten, schloß er sich auf engste an, ja er wurde ihr Schüler und arbeitete mit ihnen als einer der ihrigen; erst nach Verlauf von zehn Jahren kehrte er in seine Heimat zurück. Die Studie aus St. André, deren Abbildung unser Text enthält, ist bezeichnend für seine Lehrzeit. Er hat den Einfluß der Männer von Barbizon auch später, nachdem er seinen dauerhaften Wohnsitz in Cronberg genommen, nicht verleugnet. In der Wahl seiner Motive, die er in poesievoller Einfachheit aus Wald und Feld entnahm, sind Corot und Daubigny für ihn vorbildlich geblieben und namentlich mit Corot verbindet ihn außerdem die zarte perlgraue Tonwirkung seiner Bilder, eine Eigentümlichkeit, die in manchen landschaftlichen Details sein Frankfurter Landsmann Viktor Müller mit ihm teilt, der ja auch die französische Schule durchgemacht hat.

III Peter Becker

... (gekürzt) ...

Will man die nationale Kunst unserer Zeit auf ihren Gehalt und ihre Lebensfähigkeit prüfen, so werden Persönlichkeiten wie die hier geschilderten ein bevorzugtes Interesse verdienen. Man wird sie zu den lebendigen und und treibenden Kräften rechnen, zu denen, welche den Fortschritt bedeuten, und das nicht nur, weil sie eigene und neue Wege eingeschlagen, sondern auch deshalb, weil eine besondere und originale Stammesart in ihren Werken ausgeprägt ist. Wir dienen keiner partikularen Bestrebung, wenn wir auf diesen letzten Punkt besonderes Gewicht legen. Wir räumen damit nur ein, was die Erfahrung bestätigt, daß unser Geistesleben ein Zusammenwirken verschieden gearteter Stammesindividualitäten zur Voraussetzung hat und daß seine nationale Eigenart und Stärke auf der lebendigen Sonderkraft beruht.