Das Kronberger Malernest

Hans Müller von der Leppe

Aus: "Kronberger Liederbuch", 1895

  Seit alters wurde das Völkchen der Maler
In Kronbergs gastlichen Mauern geschätzt.
Hier hat sich in güldne und silberne Thaler
Manch dürftiges Farbtöpfchen umgesetzt.
Bald galt es ein lockendes Wirtshausschild,
Bald wünschte man ein Familienbild.
Bald hieß es die Gegend in Farben zu schaffen
Und bald eine Ansicht von Markt und Gassen.
Nach rechts und nach links stand jedem offen
Die Hülle und Fülle von köstlichen Stoffen.
Das Künstlerauge blickt klar und frisch,
Ihm schien hier alles malerisch.
So hielt das Städtchen die Kunstjünger fest,
Draus wurde das Kronberger Malernest.
Sie kamen in Scharen bald angefahren,
Die meisten mit wallenden Bärten und Haaren.
Doch ließ statt langer Mähnen und Strähnen
Manch Einer auch eine Glatze gähnen.
Denn trefflich läßt sich beim Pinselführen
Der schöne Haarwuchs hinwegjubilieren.
Der Fleiß befördert die Fröhlichkeit,
Und Durst und Leichtsinn sind da nicht weit.
Wer immerfort streichen muß aus dem Topfe,
Dem wachsen von selbst auch die Streiche im Kopfe.
Wohl hatte der Kronberger Bürger zu leiden,
Besuchten die Spaßvögel seine Weiden,
Doch nahm er bald Teil an ihren Schnurren
Und lachte mit ihnen, anstatt zu knurren.
Schnell standen die Fremden in Arbeit und Muße
Mit allen Bewohnern auf bestem Fuße.
Und Einer war immer der tollste der tollen,
Der nahm die Schwänke nur aus dem vollen.
Aus Frankfurt war er hierher gezogen,
Von Herzen der neuen Heimat gewogen,
Und jeder, der nach ihm eingekehrt,
War freundlichst willkommen an seinem Herd.
Bei Meister Anton gabs neue Sitten,
Denn Alltagsbenehmen ward nicht gelitten.
Ein Künstler mit eigenartigen Gaben
Will auch besondere Rechte haben.
Er wünscht sich im Schaffen und Leben und Kleiden
Vom Tagesphilister zu unterscheiden.
Vereinten die Freunde zur Dämmerzeit
Sich nach der Arbeit in Heiterkeit,
So kam man in buntem Türkengewand
Und dachte auch sonst an das farbige Land.
Die Lebensart hatte den fremden Schnitt,
Ein jeder brachte sein Kissen mit.
Den Boden bedeckte statt Tischen ein Leinen,
Drum lagerten alle mit kreuzweisen Beinen.
Man rauchte aus gurgelnden Wasserpfeifen
Und fächelte Luft sich mit Pfauenschweifen.
Ein Weib, längst über die Jahre der Rosen,
Bediente mit Anmut in schlotternden Hosen.
Der Hausherr, gewohnt wie ein Pascha zu walten,
Vergaß nicht die Gäste zu unterhalten.
Er las, bis sich Aller Geduld verlor,
Zur Bildung bald Ernstes bald Heiteres vor.
Und weidlich hat man die Märchen belacht
Aus seiner Tausend und einen Nacht.
Dann wählte man aus dem Kreise im Haus
Mit Kennerblicken den schönsten aus.
Denn gern verknüpfte man, ohne viel Schämen,
Das nützliche mit dem angenehmen.
Wen die Natur als Meisterstück schuf,
Den fordert zu Pflichten der Malerberuf,
Drum hieß es die modischen Kleider entfernen,
Man wollte am ewigen Körper lernen.
Da ward gezeichnet, gemalt und gemessen,
Bis alle sich müde gesehn und gegessen.
Zum Schluß, war besonders gemischt der Kranz,
Gab es mitunter noch Taumel und Tanz.
Einst lud man die vornehmen Frankfurter Gönner
Nach Kronberg als rechte Feinschmecker und Kenner.
Die Künstler wollten es ihnen vergelten,
Daß sie so reichlich Bilder bestellten.
Auch hatte die köstlichen Mittagessen
Ihr leckerer Gaumen niemals vergessen.
Nun sollten die fremden Herren erfahren,
Wie so gelehrig die Kronberger waren.
Der Adlerwirt gab seinen Saal zum Feste
Und richtete alles aufs schönste und beste.
Schnell schmückten die rührigen Künstlerhände
Mit Bildern die frischgetünchten Wände.
Inmitten ward eine Tafel gerückt,
Einladend mit Leckerbissen gespickt,
Genau wie die Maler so reich und so schön
Bei üppigen Frankfurtern es gesehn.
Da lachten Hummern in riesiger Größe
Und Puten in federnentkleideter Blöße,
Fasanen und Gänse, in Tunken gerührt,
Rehrücken mit rundlichen Trüffeln verziert.
Dran reihten sich Torten mit zuckrigen Güssen,
Aufsätze mit Trauben und Birnen und Nüssen,
Sogar Bananen und Ananas
Und Nachtischgebäck nach neustem Erlaß.
Stolz prangten die Flaschen mit ihren Bildern,
Und Schaumwein grüßte mit protzenden Schildern.
Die Frankfurter sperrten die Augen auf:
Dies Fest nahm standesgemäßen Verlauf!
Die Zunge schnalzte manchem im Gaumen,
Schon spreizte man Zeigefinger und Daumen.
Gesegnete Mahlzeit! So rief man im Kreise,
Denn Hunger machte die lange Reise!
Da griffen sie zu zum Essen und Trinken -
O weh, wie ließ man die Teller sinken -
Die Speisen, die Weine sie sind ja nicht echt!
Die Täuschung gelang den Künstlern nicht schlecht -
Gepappt und geleimt, gemalt und geschnitzt
Ist alles, worauf sich die Blicke gespitzt!
Das war ein Lachen und Loben und Staunen,
Ein Tasten und Prüfen, ein Fragen und Raunen.
Doch Meister Anton brachte bald Ruhe:
Wir Künstler haben kein Geld für Getue.
Müßt euch mit dem, was wir haben, begnügen
Und euch in das, was wir können, fügen.
Nach Speck und Eiern und Pfannenkuchen
Braucht euer Auge nicht lange zu suchen,
Und leichtes Bier und Aepfelwein
Wird reichlich zu eurer Verfügung sein.
Gesund ists für verwöhnte Magen
Und läßt sich in großen Mengen vertragen.
Da war die Freude erst richtig geweckt,
Und doppelt hat es jedem geschmeckt.
Als alle gesättigt nach bestem Schick,
kam schmetternd und schnatternd die Dorfmusik.
Sie rief ins Freie zu neuen Freuden,
Dran ländliche Künstler so gern sich weiden:
Hinaus vom Festmahl ans Kegelspiel,
Und Niederhöchstadt heißt das Ziel!
Schon sah man den Zug in Bewegung sich setzen,
Die Maler mit Frauen und Töchtern und Schätzen.
Voran Meister Anton im roten Frack,
Der trug mit zwein einen mächtigen Sack,
War vorher gewandert von Haus zu Haus,
Gab jeder sein Teil für den Abendschmaus.
Dann kamen die andern in fremden Trachten,
Da Künstler von jeher die Fräcke verachten.
Schnell hatte sich alles in Lust und Verlangen
Mit bunten Lumpen und Lappen behangen.
Die Masken verstanden in fröhlichen Reihen
Dem Fest einen farbigen Putz zu verleihen.
Die Jugend tanzte in Wiesen und Auen,
Die Alten sah man am Spiel sich erbauen,
Und bei dem fröhlichen Kegelschieben
Ist keiner ohne Gewinn geblieben.
Die Sieger wurden reichlich belohnt
Am Preistisch, der in der Mitte thront.
Da gab es Käse und Würste und Schinken,
Auch Bier und Schnäpse und Wasser zum Trinken.
Ein Frankfurter Großherr gewann im Schweiß
Zehn lebende Gänse als ersten Preis.
Die mußte er, wie es die Regeln verschreiben,
Selbsteigen des Abends heimwärts treiben.
Der sonst auf der Zeil mit vieren fuhr,
Zog nun als Gänsehirt durch die Flur.
Nicht leicht war der Heimweg bei Mondenschein,
Gelernt will auch Gänsehüten sein.
Mit Scherzen und Necken, mit Singen und Springen
Gelang es zu schnell den Tag zu verbringen.
Und kamen die Bauern mit ihren Wagen,
So hat man ohne viel Bitten und Fragen
Die Karren bekränzt und die Kühe geschmückt.
Die Bauern fühlten sich hochbeglückt,
Sie waren noch willig in jenen Tagen
Und pflegten nicht nur nach Gewinnst zu jagen.
Mit lodernden Feuern und flatternden Fahnen,
Auf blumenbestreuten Wegen und Bahnen
Empfing zur Heimkehr, so spät es auch war,
Das gastliche Städtchen die Künstlerschar.