Zurück Hoch

Heinrich Winter in Cronberg

  Ueber die Vererbung der Talente und Neigungen in der zweiten Generation haben wir ebensoviele Beispiele als über die directe Nachfolge in der ersten. Den Wahrnehmungen, daß der Beruf des Vaters mit gutem, zuweilen mit besseren Erfolge auf den Sohn überging, stehen ebenso viele Beispiele zur Seite, wonach eine Neigung ohne Beruf sich verpflanzte, um sich zur Neigung mit Beruf zu vervollständigen. Heinrich Winter's Großvater war Kunstfreund, ohne Künstler zu sein: in dem Enkel ist die Liebe zur Sache mit dem Beruf verbunden.
Der Großvater Winter, hochangesehener Bürgermeister der Universitätsstadt Heidelberg, hatte sich zur Zeit der Säcularisation der Klöster eine Sammlung vorzüglicher alter Meisterwerke angelegt, und cultivirte die Liebe zur Kunst schon durch den Anschauungsunterricht in seiner Familie. Mehr aber noch, als die traditionelle Anhänglichkeit an das Schöne, bewirkte die Mutter unseres Malers. Sie hatte sich schon als Mädchen in der Malerei einen hohen Grad von Fertigkeit erworben. Die Aufnahme von Portraits und die Ausführung derselben in Aquarell gelangen ihr, also künstlerische Arbeiten, die weit über den gewöhnlichen Damen-Dilettantismus hinausgehen. Wenn Sie nun auch die schöne Begabung nicht berufsmäßig ausgebeutet, so hatte sie doch den Werth des Talentes hinlänglich schätzen gelernt, um als Gattin des Buchhändlers Christian Winter in Frankfurt a. M. eine aufkeimende Neigung bei ihrem, 1843 gebornen, Sohne aus allen Kräften zu unterstützen. Sie gab dem Kinde Anlaß, schon beim Spiele mit Bilderbogen kleine Vorstudien zn machen, indem der Knabe gute Darstellungen auszuwählen lernte. Des Sohnes erste Versuche im Zeichnen erkoren sich schon eine Spezialität an Darstellungen des Pferdes. Kaum hatten Sie diese Vorliebe bemerkt, als auch schon die Aeltern ein Mittel fanden, in eigenthümlicher Art Vorschub zu leisten: auf des Kindes Spielsachen, auf dem Tuche, das an seinem Halse flatterte, ja auf dem Teller, von dem er speiste, wurden gestickt oder gemalt Pferdchen angebracht.
Als der spielende Unterricht der Mutter sehr frühzeitig, schon im 13. Lebensjahre, mit dem systematischen des Städel'schen Instituts vertauscht wurde, ermöglichte die gute Vorschule ein so schnelles Fortschreiten in der Ausbildung, daß Heinrich Winter gleich nach Beendigung seiner wissenschaftlichen Erziehung in Professor Jakob Becker's Atelier als Privatschüler aufgenommen ward.
Nach dem "Freispruch" seines Meisters, bei welchem er Figuren- und Landschaftmalerei gelernt, wendete sich der Einundzwanzigjährige wieder dem ursprünglich erkorenen Fache zu und fand im Anschluß an die Maler-Colonie zu Cronberg Gelegenheit, das Studium seines Lieblingsthieres, des Pferdes, nach der Natur fortzusetzen.
Der im gleichen Fache zu großer Meisterschaft gediehene Frankfurter Landsmann Adolph Schreyer, den Winter in Paris aufsuchte, veranlaßte ihn 1868 zu einer Studienreise nach Ungarn. Auf den großen Pußten lernte der begeisterte Freund des edelsten Hausthieres das Roß in seinen mannigfachsten Beziehungen zum Menschen kennen, fand er Gelegenheit, das Pferd als Genossen, Freund und Leidensgefährten des Mannes zu schätzen. Die großen Pferdemärkte und besonders die kaiserlichen Gestüte in Kis-Ber und Babolna boten eine eingehende Uebersicht der Classen und Racen, vom armen Gaule, der des Bauern fruchtbeladenen Wagen keuchend durch die bahnlosen Steppen schleppt, bis hinauf zum schöngebauten Rappen, in dessen Sattel sich der stolze Magyar auf reichgestickter Schabracke wiegt. Und intermittirend kam dann in's bunte Skizzenbuch das langhaarige Pony, das des wandernden Zigeuners Karren zieht, und besser als durch die Peitsche von der Geige oder der Cimbel seines tonkünstlerischen Herrn und Gebieters aufgemuntert wird zu neuer Kraftanstrengung.
Als Heinrich Winter kaum begonnen hatte, die reichen Schätze seiner Studien aus dem romantischen Lande jenseits der Leitha zu Bildern zu gestalten, brach der französische Krieg aus und im Anschluß an das von Frankfurt den Heereszügen folgende freiwillige Sanitäts-Corps wurde nun die friedliche Werkstatt mit dem geräuschvollen Feldlagerleben vertauscht.
Es war ein jäher Uebergang, um so mehr, als dem als Neuling eintretenden Freiwilligen des Krieges ganze Schwere mit furchtbarem Ernst entgegen trat. Er übernahm die Hülfeleistung bei der Evacuation der Verwundeten. Dem kerngesunden jungen Manne brachen seine Kräfte von der überwältigenden Anstrengung. Kurz nach dem Tage von Sedan mußte Winter krank zur Vaterstadt heimkehren. Aber den kaum Genesenen trug der am 19. October abgehende Lazareth-Transport sofort wieder auf den Kriegsschauplatz nach Chalons.
Von den zahlreichen Malern, die im Auftrage fürstlicher Personen oder als Special-Artisten illustrirter Blätter den großen Feldzug mitgemacht, dürften nur sehr wenige den Krieg von seiner, wir möchten sagen, intimsten Seite so kennen gelernt haben, als Heinrich Winter. Während seine meisten Collegen im Haupt-Quartier den gewaltigen Kampf aus der Vogel-Perspective ansahen, war er Tag und Nacht genöthigt, bei den Leidenden zu weilen, mit allen denkbaren und allen, die kühnste Phantasie übersteigenden Mühseligkeiten zu ringen und alle Schrecken im Detail zu überstehen.
Wir versuchen nicht, auf diese Nachtseite der welthistorischen Ereignisse einzugehen. Es erübrigt uns nur noch, hervorzuheben, daß Winters Skizzen und Studien den großen Vorzug haben, aus unmittelbarer Conception entstanden zu sein. Wenn wir seinen "Transport französischer Gefangenen durch das Dorf Loigny bei Orleans", oder die Scene "Gefangene und Verwundete auf einem Wagen im Schnee", oder seine Bivouaksscenen, Seine Lazarethskizzen ansehen, so drängt sich uns die Ueberzeugung auf, daß die Originale an Ort und Stelle entstanden sein müssen, daß es nur so und nicht anders gewesen sein kann. Und es hat des aufopfernden Pflegers warmes Herz diesen Darstellungen den ganz besondern Zauber verliehen, daß man beim Anblick derselben mitempfindet, was dargestellt ist, bis zu den kleinsten Zügen an Menschen und Thier, die der Künstler zu belauschen verstanden, weil er Sie selber mitempfand.
Von wesentlichem Einfluß auf seine artistischen Arbeiten war eine Reise Winters in den Orient, die er 1874 unternahm und welche ihm Gelegenheit bot, in mehren Ländern des europäischen Osmanenreiches interessante Studien zu machen.
Winters Oelgemälde aus der Vor-Kriegs-Periode und seine viel zahlreicheren ans dem Feldzuge von 1870 und 1871 erschöpften nicht seine artistische Thätigkeit. Er hat Aquarell-, Feder- und Bleistiftzeichnungen nebenbei in Menge geschaffen und es werden demnächst auch seine Kriegsbilder in photographischen Nachbildungen dem Publikum zugänglich gemacht, als eine Illustration der großen Ereignisse, wie sie in dieser Gestalt noch nirgend vorhanden sein dürften.


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 191-195

Zurück Hoch