Zurück Hoch Zurück

Adolph Schreyer in Cronberg

  Im elterlichen Hause Adolph Schreyer's, der 1828 zu Frankfurt geboren ward, fand schon der vierjährige Knabe Gelegenheit, sich täglich spielend mit seinen Lieblingsthieren, den Pferden, zu beschäftigen. Ein hübsches Gespann stand im Stalle, ein freundlicher Kutscher theilte seine Liebe zwischen dem Kinde und seinen Thieren und brachte seine drei Lieblinge untereinander in Beziehung, indem er eine gemeinsame Unterhaltung herbeiführte. Der Knabe hatte große Freude, wenn sich der Rosselenker mit den Pferden unterhielt, noch größere, wenn er wahrnahm oder wahrzunehmen glaubte, daß die Thiere ihn verstanden. Es ging dabei dem Kinde der Gedanke auf, daß ein edles Thier, wie das Roß, ähnlicher Gefühle und Empfindungen wie der Mensch fähig sei und daß es mit dem Menschen trauern, mit ihm sich freuen könne. Der Kutscher belehrte nun den wißbegierigen, daß nicht nur das elegante Reit- und Kutschpferd, die Aristokraten des Geschlechts, gefühlvolle Thiere seien, sondern daß auch der Karrengaul und die Bauernmähre Leid und Freude mit den Menschen theilen, und zeigte an Beispielen, wie fein der Instinkt der ganzen Gattung ist. Da gab es denn keinen emsigeren Beobachter, als seinen kleinen Freund; vom Fenster der Wohnstube aus wurde jeder passirende Gaul studirt.
Als der Knabe heranzuwachsen begann, war sein Lieblingsspielplatz die Reitbahn; hatte er seither die Thiere nur im Alltagsverkehr kennen gelernt, so beobachtete er sie jetzt auf der hohen Schule. Der städtische Marstall stand damals unter der Leitung des alten Wöhler. Von dem hochverdienten intelligenten Mann empfing Schreyer nicht nur gründlichen Unterricht im Reiten, sondern lernte auch die Behandlung und Pflege des Pferdes kennen.
In einem mehrjährigen Cursus des Städel'schen Instituts wurde darauf die allgemeine künstlerische Ausbildung Schreyer's durchgeführt und später zu München, Düsseldorf und Paris vollendet. Nach Frankfurt zurückgekehrt, sah der junge Künstler zum ersten Male Scenen aus dem Kriegsleben; es waren hier damals (1848) in Folge der September-Unruhen viele Truppen zusammengezogen, Vedetten in der Umgegend aufgestellt, Bivouaks gehalten etc.; das steife unkünstlerische Garnisonswesen hatte sich in ein malerisches Kriegerleben verwandelt. Das gab dem angehenden Schlachtenmaler reichen Stoff und mehrere Jahre hindurch konnte er seine Studien aus 1848 verwerthen, bis ein großer Feldzug ganz neue Anregung bot. Dies war der Krimkrieg.
Schreyer hatte die Bekanntschaft des Prinzen von Thurn und Taxis gemacht, der in der österreichischen Armee Regiments-Commandeur war, und entschloß sich, denselben auf dem Feldzuge zu begleiten. Es ging durch Ungarn in die Wallachei; die langsamen Märsche (noch war Oesterreich nicht activ beim Kriege betheiligt) gaben viel Gelegenheit zu Studien; das Lagerleben, die slavischen Völker und ihre Lastthiere, die Pußten Ungarns und die Landschaften der Donaufürstenthümer boten immer neuen Stoff. Bis nach Südrußland dehnte der Künstler seine Ausflüge aus und kehrte dann zur Armee zurück. Schreyer konnte dann um so besser seinen Studien obliegen, als er völlig unabhängig auf eigene Kosten den befreundeten Kommandeur begleitete. Fürst Taxis war im ungarischen Kriege von 1849 im Gefecht bei Temesvar verwundet worden, und es gab diese Affaire dem Künstler Anlaß zu einem seiner ersten Schlachtenbilder, das aus der Pariser Ausstellung von 1863 den allgemeinsten Beifall fand.
Nach dem Pariser Frieden von 1856 unternahm Prinz Taxis eine große Reise durch einen Theil von Asien, durch Aegypten etc. und Schreyer war wieder in seinem Gefolge. Da lernte er das Edelste seiner Lieblinge, das Araber- Roß, kennen, von dem Freiligrath sagt
Ausschlagend, das Gebiß verachtend stehst Du da;
Mit Deinem losen Stirnhaar buhlet
Der Wind; Dein Auge blitzt und Deine Flanke schäumt.
Ebenso in Algier, das er 1861 bereiste, die ganze französische Kolonie durchstreifend. Als er schließlich nach Europa heimkehrte und in Paris die Schätze seiner Mappen ausbreitete, imponirten die frischen und kecken Bilder und Studien, so wesentlich verschieden von den Darstellungen Vernet's, Raffet's etc., den Franzosen außerordentlich und Schreyer beschloß, sich in der Hauptstadt niederzulassen. Die bereits erwähnte Episode aus der Schlacht bei Temeswar gelangte zunächst in Paris zur Ausstellung.
Nun malte Schreyer eine Scene aus dem badischen Revolutionskampfe, die Schlacht bei Waghäusel, die dem Großherzog von Mecklenburg, der das Bild kaufte, Anlaß gab, dem Künstler den Titel eines Hofmalers zu verleihen. "Eine Kavallerie-Attake" erwarb Herr Louis Ravené in Berlin für seine Privatgallerie; eine "Charge der französischen Artillerie in der Schlacht bei Traktir" (Krim) und ein großes Bild, "drei Kosakenpferde vor einer Waldhütte" bekamen den Ehrenplatz in der Gallerie des Luxembourg, aus welcher bekanntlich die Gemälde nach einer bestimmten Zeit in die Gallerie des Louvre übergehn.
Inzwischen entstanden aber auch nebenbei jene kleineren Genrebilder aus dem Thierleben, in denen der Maler den ganzen Reichtum seines echt poetischen Gemüthes entfaltete und welche dem Laien durchweg noch mehr gefallen, als die größeren Massen-Tableaux. In ähnlicher Weise wie der Engländer Edwin Landseer charakterisirt unser Künstler an den Pferden menschliche Gefühle, gibt ihren Köpfen, ihren Geberden, ihrer ganzen Haltung den Ausdruck von Seelenstimmungen, die im Beschauer anklingen, als seien es vernunftbegabte Wesen, was wir sehen. Da steht ein zu Tode ermüdetes Gespann in bitterster Kälte vor einer Hütte, vergebens nach einem Bissen, nach einem Obdach sich sehnend - kann man Elend und Noth ergreifender schildernd? Da ist ein wallachischer Bauer mit seinem plumpen Fuhrwerk im Morast stecken geblieben - er peitscht die Thiere nicht, ihr Blick sagt ihm, daß sie gern helfen möchten, wenn sie nur könnten. Wie erschrickt der arabische Hengst, da er die Leiche eines gefallenen Schlachtrosses wittert - wie vorsichtig schreitet ein Kriegspferd unter seinem Reiter über die Wahlstatt, bemüht, keinen der Gefallenen mit seinem Hufe zu berühren!
Schreyer hat während eines zehnjährigen Aufenthalts in Paris eine sehr große Anzahl Bilder geschaffen, die in den öffentlichen und Privatgallerieen Deutschlands, Belgiens, Frankreichs und Englands Aufnahme gefunden und ihm Auszeichnungen aller Art eintrugen, so von Belgien das Kreuz des Leopold-Ordens und die goldene Medaille, von Frankreich drei Prämien (1864, 65 und 67), von den Akademieen zu Antwerpen und Rotterdam die Ehrenmitgliedschaft etc.
Seit 1870 in seine deutsche Heimath zurückgekehrt, hat er sich in Cronberg niedergelassen und ist dort ansässig geblieben, seit sich die Villegiatur einiger Künstler zu einer kleinen Maler-Kolonie gestaltete. Schreyer verweilt nur zeitweise in Frankfurt; - im Gegensatze zu seinem fast zehnjährigen Wanderleben ist ihm sein Tusculum im Taunus lieb geworden, und emsig schaffend gestaltet er zu Bildern, was sein Fleiß erbeutet im fernen Süden und auf ruheloser Fahrt.


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 91-95

Zurück Hoch Zurück