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Philipp Rumpf in Cronberg

  Von alten Zeiten her haben diejenigen Gewerbe, deren Ausübung eine gewisse Kunstfertigkeit erheischt, ihre Bevorzugung gern dadurch kundgegeben, daß sie die Künste als ihr Ideal hinstellten, wo es nur anging. Daß Anstreicher sich gern Maler nennen, Steinmetzen gern Bildhauer titulirt sein wollen, brauchen wir gar nicht erst zu betonen; jeder Handwerker, der ein Ornament macht, nimmt gern Bezug auf die Meister der Sculptur, und wer den Pinsel handhabt, sei es auch nur unter dem Schutze der Schablone, führt mit Vorliebe die Heroen der Malerei im Munde. Die Reformatoren unserer Erziehung, welche die deutsche Industrie auf die Höhe der Nachbarländer zu heben bemüht find, brauchen an dieses Höherstreben der Handwerker nur anzuknüpfen, dann schlägt die Tendenz, die jetzt lediglich komisch erscheint, alsbald zum Guten aus.
Der Vater des Malers Rumpf war in Frankfurt Conditor und sein Ideal die Bildhauerkunst; jeder Zuckerbäcker muß in etwas modelliren lernen, damit, wenn Armin der Cherusker die Höhen der Grotenburg schmückt, ein Modell auf allen Tischen patriotischer Feste prangen kann. Als der Sohn Talent zur bildenden Kunst zeigte, lenkte der Vater dasselbe sofort zur Sculptur; als Rumpf jun. seine jungen Schwingen gleich zum höchsten Fluge entfalten wollte, drückte Rumpf sen. ihn einstweilen zur Praxis des Lebens herab; der Sohn durfte Bildhauerei lernen, mußte aber Conditor sein, und so zeichnete und modellirte er außer dem Hause bei Professor Zwerger und handtierte im Hause am Backofen.
Zwei Jahre lang dauerte diese Doppel-Praxis; dann erst, als der Lehrbrief von der Conditorenzunft in seinen Händen war, wurde der Versuch gemacht, von den Leckerbissen der Menschen zur Götterspeise der Kunst zu gelangen. Der definitive Eintritt in's Institut und die ausschließliche Thätigkeit im Bildhauer-Atelier förderten den von den Fesseln des Handwerks Befreiten bedeutend; Zwerger constatirte sehr erfreuliche Fortschritte, und dennoch fühlte der Aspirant keine innere Befriedigung.
Jm Jahre 1838, kurz nach seinem 17. Geburtstag, machte Philipp Rumpf inmitten einer Gruppe junger Maler einen Ausflug in den Taunus; als er sah, wie flott bei den Collegen Studien und Skizzen nach der Natur entstanden, kam ihm seine Bildhauerei unendlich mühselig, langsam und schleppend vor und er beschloß, den Meißel mit dem Pinsel zu vertauschen - vorbehaltlich der Genehmigung seines Vaters, die nach einigen Kämpfen ertheilt wurde. Die Metamorphose hatte zunächst unangenehme Consequenzen: an die Stelle des liebenswürdigen Lehrers Zwerger trat der alte Inspektor Wendelstaedt, dessen Persönlichkeit wenig Anregung darbot, und der Neophyt der Malerei mußte überdies, da für sein Fach, die Landschaft, ein Lehrer nicht existierte, die schwierige Bahn des Autodidakten betreten. Rumpf schloß sich noch enger an das bereits erwähnte Collegen-Clübbchen, zeichnete mit ihnen Studien nach der Natur, solange die gute Jahreszeit währte, und arbeitete im Winter an Köpfen und Figuren bei seinem offiziellen Lehrer Rustige.
Der Lehrantritt Jakob Beckers hatte einen Uebergang für Zöglinge des Instituts zur Folge und es kam mit mehreren Inhabern der Meisterklasse zum Schisma. Unter ihnen waren Burger und Rumpf. Sie mietheten ein gemeinsames Atelier außerhalb der Kunstschule und machten sich selbstständig. War dieser Schritt schon kühn, so fügte Rumpf noch einen kühneren hinzu; er schloß ein Ehebündniß mit einer Verwandten, als er eben das Zweiundzwanzigste Jahr erreicht hatte.
Es kam nun darauf an, den Kampf ums Dasein mit aller Energie zu führen. Zunächst schlossen sich von den Intransigenten des Instituts Diejenigen, die eine Lücke in ihrer Ausbildung fühlten, zur gegenseitigen Förderung aneinander an: Burger und Rumpf machten unter Anleitung Göbels einen neuen Cursus durch. Alsdann etablirte sich Rumpf als Privatlehrer, beschaffte ein großes Atelier und ertheilte den Töchtern vornehmer Familien, besonders der Bundestagsgesandten, Unterricht im Zeichnen, Aquarelliren und Oelmalen. Die Privatschule gedieh zu hoher Blüthe; ihr Ertrag gestaltete Rumpf größere Kunstreisen nach München, Dresden, Paris und Ober-Italien. Während er draußen an den Werken der alten Meister sich vervollkommnete, lernte er lehrend zu Hause, und brachte es namentlich in der Aquarell-Malerei zu solcher Fertigkeit, daß er mit Bestellungen, besonders auf Bildnisse in Wasserfarben, überhäuft wurde.
Fünfzehn Jahre lang bestand die Rumpf'sche Privat-Kunstschule, dann mußte er sie eingehen lassen, weil die Aufträge ihm keine Zeit übrig ließen. Er verließ Frankfurt und zog nach Cronberg im Frühjahr 1875.
Neben seinen landschaftlichen Gemälden sind es vorzugsweise Familien-Genrebilder, die Rumpf als Spezialität cultivirt. Er bedient sich der einfachsten, alltäglichsten Motive, verleiht aber seinen Bildern eine Innigkeit der Empfindung, die tief zum Herzen geht und nichts mit jener Süßlichkeit gemein hat, welche, von der Natur abweichend, nur momentan besticht, ohne dauernd zu fesseln. Wir sehen "Damengruppe im Park", "ein lesendes Mädchen", "Mutterliebe", "die junge Künstlerin" etc. Rumpf's neustes Oelgemälde steht eine elegante, hübsche junge Frau vor, auf deren Knieen ein halbjähriges Kind liegt, das ganz abgewendet Von der Mutter hinaussieht. Um des Kindes Antlitz zu sehen, biegt sich die Mutter Seitwärts auf die Sophalehne. Hoffentlich gelangt dies Bild zur Vervielfältigung, es würde, gut gestochen, die meisten vorhandenen Familiengenrebilder übertreffen an Wahrheit und Innigkeit.


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 306-309

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