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Jakob Maurer in Cronberg

  Wenn alte Leute einer Liebhaberei fröhnen, so macht es ihnen die größte Freude, die gleiche Neigung in Kindern zu entdecken. Der Antiquar, welcher mit dem Drechslermeister Maurer unter einem Dache wohnte, hatte Kunstliebhaber aller Art zu seinen Kunden, aber mit keinem von ihnen befaßte er sich so angelegentlich, als mit dem kleinen Sohne des Hauses, der fast jeden Tag ein paar Stunden in Seiner Boutike verweilte. Opferte der Kleine doch nicht selten seine Spiele, seine Spaziergänge, um in den Bilderbüchern und Mappen herumstöbern zu können, und scheute den Dunst der engen Stube nicht, wenn Andere die frische freie Luft aufsuchten.
Also dreht' er Blatt um Blatt
Emsig mit erhitzten Wangen,
Während draußen Blum' und Blatt
Sich im Morgenwinde schwangen,
Nachtigall und Drossel schlug
Lerche sang und Habicht kreiste -
Er hing über seinem Buch. -
Und allmählig gestattete der Alte dem Kleinen, Bleistift und Papier mitzubringen, um einen Holzschnitt oder einen Kupferstich nachzeichnen zu können. Und ein zweiter Alter protegirte des Knaben Neigung, sein Großvater. Der Letztere verkehrte viel mit Reiffenstein und sprach diesem Künstler von seines Enkels Treiben. Reiffenstein ließ Jakob Maurer zu sich kommen, prüfte sein Talent und nahm ihn sofort in sein Atelier.
Wir haben schon an anderer Stelle hervorgehoben, daß Reiffenstein's Werkstatt zugleich ein Museum ist, daß dieses vielseitigen Künstlers Originale vom ersten bis zum letzten Blatte in seinen Schränken aufbewahrt werden und noch manche schöne Zeichnung anderer Meister dazu. Maurer lernte also hier erst recht seiner stillen beschaulichen Neigung fröhnen, und konnte in den Vorlagen abwechseln, so viel ihm beliebte; da war Opulenz auf allen Gebieten. Der Lehrer wartete ab, welches Genre der Zögling wählen würde, als dann aber die Landschaft erkoren wurde, lenkte er des jungen Mannes Interesse auf sein eigenes Gebiet, den Stimmungsbildern zu.
Nach zweijährigem Privatunterricht wurde die hohe Schule bezogen und Jakob Becker übernahm Maurers weitere Ausbildung. Auf der Gallerie des Instituts sind unter den fünf Bildern Lessing's drei Landschaften, seiner älteren romantischen Periode angehörend, aber so ächt poetisch empfunden, daß sie zu den schönsten zählen, die der Meister geschaffen. Die kleinste davon, den "Ritter im Walde", copirte Maurer und bewies mit diesem Bilde, daß er in ernsten, elegischen Darstellungen Vorzügliches zu leisten vermochte.
Der neben Lessing das gleiche Gebiet cultivirende Meister August Weber in Düsseldorf, Sohn eines Frankfurter Juristen, wurde Anlaß, daß Maurer, nachdem er bereits in seiner Vaterstadt selbstständig gearbeitet, die rheinische Kunstschule aufsuchte. Webers Bilder standen im Contrast zu seiner Gemüthsart; während er in seinen Werken tiefernst war, düstere, melancholische Stimmungen liebte, hatte er im Umgang einen höchst jovialen Humor und cultivirte eine Specialität; die humoristische, daher mit dem Epitheton "göttlich" gekennzeichnete Grobheit. Wir müssen, um nicht mißverstanden zu werden, hier ausdrücklich betonen, daß sein ganzer Umgang die Specialität an ihm liebte und ihm besorgt in's Gesicht sah, wenn er einmal unterließ, aus den gewohnten Ton einzugehen. Maurer schloß sich Weber eng an und das Verhältniß wurde gegenseitig (wir meinen natürlich nur die Kunstneigung) und innig, denn nur sehr wenige der Düsseldorfer Landschafter waren in ihrem Streben dem Meister so verwandt, wie unser Künstler.
Im Jahre 1869 kehrte Maurer von Düsseldorf nach Frankfurt zurück. Herr Bankier Metzler hatte ihm damals eine Ansicht von Frankfurt bestellt. Die Aufnahme der Stadt geschah vom Mühlberge und das ziemlich umfangreiche Gemälde wurde in Oel ausgeführt. Mehrere Reisen nach Italien und den Niederlanden hatten blos das Studium der dortigen Gallerieen zum Zweck, Maurer blieb in seinen Schöpfungen lediglich deutscher Landschaftsmaler. Einfache Motive, meist Waldbilder, sind seine Themata, von der grotesken Natur sieht er fast ganz ab. Der Herbst mit seinem braunen Laube liefert ihm die meiste Ausbeute. Und eine ausgeprägte Stimmung verleiht allen seinen Gemälden einen besonderen Reiz, sie gehören zu den Bildern, an denen man sich nie müde sieht und die dem Besitzer je länger desto lieber werden.
Maurer ist Mitglied der Cronberger Colonie, er zählt zu ihren Gründern und wohnt seit sieben Jahren im Taunus, wo er seine Stoffe reichlich vorfindet.


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 295-297

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