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Richard Fresenius in Cronberg

  Die schöne Kunst Senefelder's, die jetzt leider durch die hohe Vervollkommnung der Photographie ganz in den Hintergrund gedrängte Steinzeichnung des artistischen Lithographen, stand im dritten, vierten und fünften Decennium unsers Jahrhunderts in höchster Blüthe. Damals gab Franz Hanfstängl die Dresdener Galerie in Steindruck heraus, in München erschienen die prächtigen Kunstblätter des Instituts von Piloty und Loehle; Berlin hatte ein Königliches lithographisches Institut und Künstler ersten Ranges übten die Lithographie, wenn nicht zum Erwerb, so doch als Dilettanten.
Unter so bewandten Umständen bestimmte der Philologe Dr. Fresenius in Frankfurt seinen Sohn Richard, der schon als Knabe Vorliebe und Talent zum Zeichnen entwickelte, für die Lithographie. Ob der Vater bei den schüchternen Versuchen des Knaben, ihn für die Malerei zu gewinnen, dem Talente mißtraute, oder nach der alten Regel die untergeordnete, als die sicheres Brod gebende Kunst vorzog, ist nicht mehr nachweisbar. Richard gab bald den Wünschen des Papa nach, zumal eine gründliche artistische Ausbildung, wonach er strebte dem künftigen Lithographen ebenso notwendig war, als dem Maler.
Und so durfte denn der Sohn, während er seine vierjährige Lehrzeit in einer Frankfurter artistischen Steindruckerei bestand, gleichzeitig einen regelmäßigen Cursus beim Professor Jakob Becker durchmachen und wartete, einstweilen zufrieden, den rechten Zeitpunkt ab, um mit seinen höher hinaufgehenden Plänen hervorzutreten. Er wanderte als Lithograph nach München, begann daselbst aber sofort mit Uebungen in der Malerei. Nach Studien von Bamberger, Kirchner u. A. versuchte er sich in landschaftlichen und architektonischen Oelgemälden, und als er, keck wagend, eine spanische Abendlandschaft zu Stande gebracht, sandte er dieselbe ins Aelternhaus und bekam dann auch vom Vater die Erlaubniß, bei der Malerei zu verbleiben.
Für sein durchaus ernstes Streben spricht der Umstand, daß er nach zweijährigem Aufenthalt eine Tausch zwischen München und Karlsruhe nicht scheute, trotz des ungünstigen Wechsels zwischen der alle Genüsse bietenden bairischen Hauptstadt und der ziemlich anachoretischen viel kleineren badischen Residenz. In letzerer war eben der Lehrer seiner Wahl, Hans Gude, für ihn maßgebend und allerdings beurtheilte Fresenius die Eigenart seines Talentes richtig, als er sich diesem Meister anschluß. Nun aber wollte Gude nicht, wie es seines Schülers Wunsch war, ihn direkt zu Marinemalerei übergehen lassen, trotzdem er, der Lehrer, das Meer in seinen eigenen Bildern mit Vorliebe darstellt. Nach des Altmeisters Schirmer trefflichen Vorlagen und alsdann direkt nach der Natur wurde vielmehr der Baum, der Strauch, die Pflanze als unerläßliche Hauptsache der Landschaftsmalerei von Grund aus studirt und gemalt, und als der Kunstjünger von des Meisters Anleitung lohnende Erfolge genoß, blieb er sieben Jahre hindurch treu unter dessen Aegide.
Endlich erwachte nun doch die alte Sehnsucht; nach Frankfurt heimgekehrt und seinen Genossen in Cronberg sich anschließend, beschloß Fresenius eine Probe mit der Marinemalerei vorauszuschicken in derselben Weise, wie er seinen Uebergang vom Lithographen zum Maler vollzogen. Ohne jemals das Meer gesehen zu haben, componirte er aus Studien, die Binnenseen und Flüsse zum Gegenstand hatten seine ersten Marine-Gemälde und kein Beschauer sah es ihnen an, daß die salzige Fluth der tobenden Meereswogen nur Maske war für ganz harmlos ruhiges süßes Flußwasser.
Das Kunststück war nur gemacht, um Kunstwerken zur Einleitung zu dienen und als es gelungen war, ging der Maler mit vollem Selbstvertrauen in die neue Laufbahn über. Das schönste Küstenland Nordenropa's wurde zunächst ausgesucht, Fresenius ging nach Norwegen. Er hatte das Glück, in Hamburg mit einer Gesellschaft deutscher Collegen zusammen zu treffen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Selbander konnten nun ihrer sechs oder sieben Maler nach Herzenslust die wilden Schluchten des nordischen Hochlandes durchwandern, von den gewaltigen Felsen auf die großen Fjorde herniederschauen, oder in Kähnen die klaren Fluthen derselben befahren - da gab es überall reiche Ausbeute.
Als eine Anzahl kleinerer und größerer Oelbilder von Skandinaviens Küsten vollendet war, trat der Maler eine zweite Reise an, die ihn in's flache Niederland führte; nach den Küsten der Normandie, nach der Insel Sylt ging eine dritte und vierte Reise. Seine auf solche Weise gewonnenen Studien setzen ihn in den Stand, die mannichfaltigste Abwechselung in seine Marinebilder zu bringen, zumal dieselben öfter ein besonderes Gepräge erhalten durch ihren landschaftlichen Hintergrund.


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 342-344

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