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J.F. Dielmann in Cronberg

  Im elterlichen Hause Jakob Dielmann's obwalteten ähnliche Verhältnisse wie bei dem Vater Beranger's, des größten französischen Volksdichters. "Nichts verkündete den Ruhm eines Orpheus (Sagt der berühmte Sänger von Seiner Häuslichkeit) und meine Wiege war nicht von Blumen." Die Sachsenhäuser Gärtner sind praktische Leute, mit ihrem Gemüsebau vertragen sich Tändeleien mit jeglichem Luxus der Flora nicht. Noch weniger freilich hatte das Dielmann'sche Haus einen Kunst-Luxus aufzuweisen, denn die Lithographie existierte 1809 nur erst in Senefelders Erfinderwerkstätte, und lediglich ihr verdanken wir doch die erste Verallgemeinerung artistischer Werke.
Aber zeichnen mußte der Gärtnerssohn, auch wenn absolut jede Vorlage fehlte, und so übte er sich denn nothgedrungen sofort nach der Natur; die Tasse, die Kaffeekanne, jedes beliebige Küchengeräth wurde vorgenommen. Nun wurde auch allmählich nach Höherem gestrebt, Kupferstiche nach alten Meistern waren das Ideal. Es ging damit nicht so bequem wie heute; Schaufenster an Kunstläden existierten in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts noch nicht, der Kunstfreund mußte viele Mappen durchstöbern, Jakob Dielmann holte Seine artistischen Bedürfnisse beim Antiquar aus der Messe. Und mit ihm ging ein "studirter" Vetter und half wählen und handeln, und konnte erklären, was von historischen Darstellungen in des Knaben Hände fiel. Dieser "Studirte" war gleich unserm Kunstjünger von hervorragendem Talente; er hieß Freyeisen, ward nachmals 1833 ein Tribun der studirenden Jugend (im Polizeistaat Demagoge genannt) und nahm Theil an dem Sturm auf die Frankfurter Konstablerwache vom 3. April 1833.
Der nachmalige Demagoge half dem Vetter aus allen Kräften, ertheilte ihm wissenschaftlichen Privatunterricht und sorgte für kleinen Erwerb durch Coloriren von Kupferstichen. Als Freyeisen die Universität bezog, nahm die Vogel'sche Kunstanstalt Dielmann in ihre Ateliers auf; bald nachher besorgte ihm Philipp Veit ein Stipendium für's Städelsche Institut.
Bei Vogel lernte Dielmann Jakob Becker kennen; die beiden langjährigen Collegen waren gleichzeitig Schüler der Lithographie. Dielmann besuchte in seinen Freistunden den Unterricht in der Städel'schen Kunstschule. Nachdem Sie einige Jahre in seinen Kunstwerkstätten gearbeitet, schickte Vogel Beide an den Rhein und Sie zeichneten gemeinsam ein malerisches Panorama der Ufer zwischen Coblenz und Mainz. Das Kunstwerk wurde, lithographisch vervielfältigt, zu theuer für eine allgemeine Verbreitung; auch war die unbequeme Form, ähnlich jener von Leporello's berühmtem Register, der Verwerthung hinderlich.
Als Becker den Dienst in der Vogel'schen Anstalt quittirte, um in die Düsseldorfer Schule einzutreten, folgte ihm Dielmann nach und blieb volle acht Jahre in der Kunststadt am Rhein. In Düsseldorf erst ging Dielmann zur Oelmalerei über, und gleich eins seiner ersten Bilder fand, in Berlin durch Steindruck Vervielfältigt, großen Beifall. Ein Landmädchen im hessischen Costüm steht in ihrer Hausthür, strickend, mit ihrem Knäuel spielt eine Katze. Die Idee dieses reizenden kleinen Idylls ist später Von unzähligen Malern annectirt worden, meistens mit Verbesserungen und Zusätzen, ähnlich der berühmten Correctur des alten Lübecker Buchdruckers Johann Ballhorn.
Die ganze Kunstgenossenschaft Düsseldorfs bestand zur Zeit, als Dielmann ihr angehörte, aus jugendlichen Elementen, die Mehrzahl der Maler hatte kaum 30 Jahre erreicht, manche, und darunter hervorragende Talente, befanden sich noch im Studentenalter. Sie lebten auch wie Studenten, natürlich nicht wie "Füchse", sondern wie "bemooste Häupter", und mit Beimischung jener Würde, welche die Selbstständigkeit und vor Allem ein junger Ruhm ihnen verliehen. Der Unterschied zwischen Studio und Maler trat am meisten bei größeren geselligen Vergnügungen hervor; wo der Student nur seinen Commers, seine Kneipbräuche und Seinen Pauk-Comment hat, bietet des Malers Kunst lebende Bilder, Costüm-Aufzüge und Theatervorstellungen. In Düsseldorf florirten vor Allen die letzteren, weil ein bewährter Meister der dramatischen Kunst, Karl Immermann, die Leitung besorgte. Zu Dielmann's Schönsten Erinnerungen aus seiner Düsseldorfer Zeit gehört eine Aufführung von Shakespeare's "Was Ihr wollt" von lauter Dilettanten aus der Malergenossenschaft, wozu eigends eine Bühne erbaut worden, mit derselben Einrichtung, wie sie zu Shakespeare's Zeiten gewesen.
Im Jahre 1842 verließ Dielmann das Klein-Athen am Rhein und folgte zunächst einer Einladung des Baron v. Reutern nach einem Gute Willingshausen im Thale der Schwalm. Das malerische Costüm der oberhessischen Landleute, die originelle alterthümliche Bauart ihrer Wohnungen, verbunden mit dem Zauber höchst romantischer Landschaften bot die reichste Ausbeute für einen Künstler, der die Schönheiten der Natur so fein aufzufassen und So naiv wiederzugeben verstand. Von vielen seiner damaligen Zeichnungen sei hier nur eine genannt, "Die Blumen-Gratulantin", das unzähligemale nachgeahmt, und meist sehr unnatürlich versüßt, jetzt seit 30 Jahren wiederkehrt, wenn irgendwo der Geburtstag einer Dame gefeiert wird.
Die nächsten Jahre nahm der Auftrag des Kunstverlegers Jügel, die Herausgabe eines Albums von Rhein-Ansichten in 80 Blättern, in Anspruch. Dielmann bereiste den Strom vom Bodensee bis nach Holland und lieferte die Zeichnungen für den Stahlstich.
Seit Mitte der vierziger Jahre hatte unser Künstler seinen ständigen Wohnsitz in Frankfurt, von hier aus gingen seine Studienreisen an den Rhein, die Lahn und die Ahr, nach dem Westerwald und in den Taunus. Aus dieser Zeit stammt die große Sammlung von Handzeichnungen, welche zu den besten Schätzen des Städel'schen Instituts gehört, Genrebilder, Landschaften, Architektur und Interieurs, gegen 200 an der Zahl. Hier find die Freuden und Leiden des Volks geschildert, wie noch kein Dichter es vermocht, hier folgt der Künstler dem harten mühebeladenen Leben des Landmanns von der Wiege bis zur Bahre mit seinem klaren, scharfen Auge, mit seinem warmen Herzen und mit dem Verständnis, das, an die Erinnerungen seiner Jugend anknüpfend, jeden künstlichen Putz verschmäht.
In den letztverflossenen zehn Jahren hat Dielmann seine Werkstatt nach Cronberg verlegt; eine kleine Gruppe von Künstlern, zum Theil seine Schüler, ist seitdem dort um ihn angesiedelt, und mancher Kunstfreund in der weiten Welt kennt und schätzt die Colonie, das "Malernest im Taunus".


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 40-44

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