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Peter Burnitz in Frankfurt

  Wenn, wie es im Leben häufig geschieht, die Wahl eines Berufes von äußeren Verhältnissen mehr, als von innerer Neigung bestimmt wird, so pflegt der Conflikt meist so frühzeitig einzutreten, daß der Austausch eines aufgezwungenen gegen ein freigewähltes Metier sich vollziehen läßt, ehe die Zeit der Lehrjahre vorüber ist. Wer die Mühseligkeiten dieser Lernperiode durchkämpft mit dem Gedanken, nachmals eine zweite, mit neuen Anstrengungen verknüpfte vor sich zu haben, der muß schon von harten Fesseln gehalten sein. Wer sich in den Jahren der körperlichen Reife noch zu einer neuen Lebensbahn entschließt, begeht ein großes Wagestück
Dr. Peter Burnitz kam nicht durch den Zwang der Verhältnisse zu seinem ersten Beruf; höchstens könnte man der traditionell herrschenden Ansicht, daß einem Juristen alle Wege offen stehen, einen Einfluß zuschreiben, zumal vor dreißig Jahren das republikanische Frankfurt die höchsten Aemter und Würden den Jüngern der Themis vorbehielt. Der frühverwaiste Knabe hätte sogar bei seinem Onkel und Vormund, einem tüchtigen Architekten, Protection gefunden, wenn er sich der Künstlerlaufbahn zugewendet haben würde - es geschah nicht. Als das Gymnasium absolviert war, ging der Zwanzigjährige im Jahre 1844 zur Universität, durchochste seine sechs Semester zu Heidelberg, Göttingen und Berlin mit allem Eifer, machte den "Doctor", legte das Staats-Examen ab und kam dann erst, als nun die Praxis des Advokaten beginnen sollte, zu der Ueberzeugung, daß die Rechte nicht das Rechte für ihn seien.
Als das Rechte erkannte er nun endlich, im vierundzwanzigsten Lebensjahre, die Malerei. Einigen Grund zn dieser Erkenntniß fand er allerdings in seinem Vorleben.
Der Maler Bamberger hatte in seinem älterlichen Hause gewohnt, Burnitz hatte viel mit ihm verkehrt, durch ihn Geschmack am Zeichnen gefunden und schon in früher Jugend viele Blicke ins Künstlerleben gethan. Und zwar in ein sehr mannichfaltiges; Bambergers Vater war Musiker, seine Gattin und Töchter hatten dem Schauspiel und der Oper angehört, sein Sohn war Maler. Eine ganze Familie von genialen Naturen auf dreierlei Gebiete der Kunst repartirt!
Und noch ein anderer Einfluß war hinzugetreten. Der eben mit dem Doctor-Titel von der alma mater entlassene junge Mann trat eine Reise zum Besuche einer Schwester an und diese Tour führte ihn zu den berühmtesten Naturschönheiten der Welt, nach Neapel und Sicilien - Messina war sein Ziel. Die mächtigen Eindrücke schlugen tiefe Wurzeln, der Wunsch, Landschaftsmaler zu werden, nahm feste Gestalt an. Burnitz verweilte längere Zeit auf Sicilien und hatte nebenbei Gelegenheit, des schönen Landes elende politische Zustände kennen zu lernen. Der damals herrschende Tyrann, der Vielberufene Re bomba von Neapel, strafte fünf Männer mit dem Tode, bloß weil Sie "evviva Pio nono" (der jetzige Papst war damals das Schiboleth der Revolution!) gerufen hatten!
Die Ausführung des verspäteten Entschlusses zur Künstlerlaufbahn ging nun aber nicht rasch von Statten; die Ereignisse der Zeit waren hinderlich. Als Burnitz von Sicilien nach Frankfurt heimkam, herrschte hier die größte Aufregung wegen des gewaltsamen Todes von Auerswald und Lichnowski, und die parlamentarischen Kämpfe der Reichsversammlung theilten die Bevölkerung der Stadt in zwei Lager. Der Kunst-Aspirant zog es unter solchen Umständen vor, zunächst wieder eine große Reise zu machen; er ging nach Algier und von dort nach Spanien.
Wenn die pyrenäische Halb-Insel nur sehr selten von Mitgliedern der deutschen Künstlerschaft besucht wird, so mögen die politischen Zustände daran Schuld sein; die Natur des Landes verdiente ebensogut wie Italien von Malern studirt zu werden, und der Reichtum an Kunstwerken ist in Spanien enorm. Das Museum in Madrid, darin die einstigen Weltherrscher Karl V. und Philipp II. die Kunstschätze ihrer Zeit gesammelt und die späteren spanischen Könige die besten Gemälde und Sculpturen aus dem Eskurial und den Klöstern aufgehäuft haben, ist wohl die umfassendste Kunstsammlung der Welt.
In der spanischen Hauptstadt traf Burnitz seinen alten Hausgenossen, den Maler Bamberger, und noch einen andern deutschen Künstler, den Maler Gerhard, welcher im Auftrage des Königs Friedrich Wilhelm IV. das Land bereiste. Unter der Aegide Beider, Speciell des Letzteren, wurden nun fleißig Naturstudien gemacht und alsdann, auf Gerhard's Rath, in Paris fortgesetzt. Karl Bodmer, der Special-Artist des Prinzen Max von Wied auf dessen Reise nach Amerika, nahm sich in Paris des deutschen Landsmannes an, führte ihn in die Künstlerkreise ein und veranlaßte ihn, sich der Colonie der Landschaftsmaler, welche in Fontainebleau und Umgegend ansässig ist, zuzugesellen.
Ein langjähriger Verkehr hat den Aufenthalt der französischen Künstler in ihren Colonieen zu Fontainebleau und Barbison zu einem sehr angenehmen gestaltet und namentlich ist ihr Verhältniß zu den Einwohnern vortrefflich. Die Letzteren, geizen nach der Ehre, Maler zu beherbergen, überbieten sich in Toleranz, wenn die Abrechnungs-Termine kommen, und legen ihre Verehrung für die Kunst auf alle Weise an den Tag. So veranstaltete z. E. ein kunstenthusiastischer Schneider alljährig ein Festmahl für diejenigen Maler, die ihm die Ehre anthaten, die Produkte seiner Werkstatt zu tragen, und ließ sich am liebsten seine Röcke und Hosen mit Gemälden bezahlen.
Von den Colonieen aus besuchten die Künstler bei jedem Anlaß die Hauptstadt und verkehrten in Paris mit den Koryphäen aller geistigen Interessen in bester Kameradschaft, die ja von den Franzosen in einer Weise gepflegt wird, welche der in Deutschland bestehende Gegensatz nur noch schätzbarer macht.
Nachdem Burnitz 1855 sein erstes Bild in Paris ausgestellt und mit demselben Anerkennung gefunden hatte, nahm er seinen bleibenden Wohnsitz unter den Franzosen und verweilte bei ihnen ein ganzes Decennium. Daß der Kaiser ihm ein Bild abgekauft, daß die Commission der internationalen Ausstellung in München ihm die goldene Medaille verlieh, mußte für ihn um so mehr Werth haben, als man in der Kunstanstalt der Vaterstadt seinen Werken jede Anerkennung verweigerte, weil - er anders malte, als dort hergebracht war.
Gleichwohl blieb er auf seiner Bahn und machte nun seinen Weg außerhalb der Schule - hatte, er ihn doch eigentlich von jeher selbstständig gemacht und nur die Natur als Lehrmeisterin anerkannt. Wie früher in Frankreich, blieb er nachmals in der Heimath in stetem Verkehr mit dieser alma mater. Er holt seine Motive nicht von den Bergen Norwegens oder der Schweiz, und obgleich er den ewig blauen Himmel Italiens und Spaniens und die Farbenpracht der Tropen sehr genau kennen gelernt, kann er sich doch mit dem deutschen Feld und Wald, mit der schlichten Ebene, ja mit der unscheinbarsten Baumgruppe begnügen. Die Stimmung gibt seinen Bildern den Reiz. Aus dem Parke der ehemalig Brentano'schen Besitzung zu Rödelheim, von der aus Goethe's Zeit bekannten Gerbermühle hat Burnitz zahlreiche Studien hergeholt und weilt einen großen Theil des Jahres auf diesen seinen Lieblingsplätzen, um seine große Studiensammlung, die reichste, die ein Künstler haben kann, mit neuen Motiven unausgesetzt zu vermehren.


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 218-222

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