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Anton Burger in Cronberg

  Mit einer Zusammenstellung der Werke Anton Burger's könnte man eine Gallerie machen; kein Fach, kein Genre der Malerei bliebe da unvertreten. Figurenbilder und Landschaften und Architekturstücke, Jagd- und Thierbilder, Stillleben, in Oelgemälden, Aquarellen, Kreide- und Bleistiftzeichnungen hat dieser Künstler geschaffen, und obwohl er die Mittelhöhe des Lebens bereits überschritt, ist er noch heute so schöpferisch und vielseitig wie je zuvor. Symptome einer außergewöhnlich reichen Naturanlage zeigten sich schon im Knabenalter; vom achten Jahre an (sein Geburtstag war im Jahre 1823) begann bereits die Lust am Zeichnen, und Sie erstreckte sich aus alle Dinge, die nur irgend jemals in den Gesichtskreis eines lebensfrohen Kindes gelangen können.
Dem Vater Burger's, einem Weißbindermeister, war allerdings daran gelegen, durch Schulung und Regelung der wuchernden Fruchtbarkeit einen Künstler zu erziehen; er gab den Sohn in den Elementarunterricht des Städel'schen Instituts. Aber er nahm von vornherein Bedacht auf den ungünstigen Fall: Anton Burger mußte sich gleichzeitig mit Beginn seiner Künstlerlaufbahn als Lehrling der Weißbinderei einschreiben lassen, um die Privilegien des Handwerks genießen zu können, falls ihm das große und schöne Privilegium der Kunst vorenthalten sein sollte.
Von allen seinen mannichfachen Versuchen kam der Zögling zunächst auf die Landschaft zurück, als er die akademischen Classen absolvirt hatte und ein eigenes Atelier bezog. Es geschah dies noch unter Leitung seines ersten Lehrers Rustige. Bei dessen Nachfolger, Jakob Becker, entstanden die ersten Figurenbilder und eines derselben erregte die Aufmerksamkeit des Direktors Veit in solchem Grade, daß er den jungen Künstler speciell protegirte. Das Bildchen war dem elterlichen Hause des Malers entnommen: es stellte einen Aspiranten der Weißbinderei dar, welcher pfeifend einer Stubenwand die Farbe der Unschuld verlieh.
Um dieselbe Zeit, als Veit von der Leitung des Instituts zurücktrat, 1842, verlegte Jakob Dielmann, von Düsseldorf kommend, seine Werkstatt in die Räume der Frankfurter Kunstschule und schloß sich bald darauf zweien Zöglingen eng an. Es waren Rumpf und Burger, die denn auch, der Eigenart Dielmanns folgend, sich ausbildeten, aber erst zu voller Reife gediehen, als sie unter Göbel's Anleitung das im Drange der Genialität vernachlässigte Naturstudium mit großem Eifer nachholten.
Schon hatte Burger geraume Zeit selbstständig und erfolgreich gearbeitet und einen eigenen Herd begründet, als er seine junge Gattin durch den Tod verlor. Er verließ nun Frankfurt und nahm seine Zuflucht zu August Weber nach Düsseldorf. Wenn er auch nur ein Jahr bei diesem trefflichen Landschaftsmaler verblieb, so hatte dessen Rath und Führung doch einen nachhaltigen Einfluß auf Burgers Fortbildung in jenem Fache, das er fürderhin mit am eifrigsten cultivirte.
Zwischen seiner Rückkehr nach Frankfurt und seiner definitiven Ansiedelung in Cronberg geschahen größere Reisen nach München, nach Paris, zu den Kunststätten in Italien und den großen Gallerieen der Niederlande. Das Studium der alten Meister ist in allen Burger'schen Bildern unverkennbar, und urtheilt man nach der Mehrzahl derselben, so findet man eine besondere Vorliebe für die niederländische Schule.
In der Weise der holländischen Alten waren denn auch die beiden ersten Bilder ausgeführt, die Burger's Namen in die Welt brachten, als die Londoner Ausstellung von 1862 erschien. Er hatte das Innere der Frankfurter Judengasse in einem größeren Oelbilde dargestellt und die dortige "Bendergasse" als Pendant dazu gemalt. Die Bilder gingen sofort in den Besitz eines englischen Kunstfreundes über.
Nach dem Taunus zog unseren Künstler nicht nur seine Liebe zur Natur, sondern auch die verwandte, bei ihm stark ausgeprägte Lust am Waidwerk. Unzählige seiner Bilder sind Früchte der Jägerei. Neben größeren Gemälden wie der "Heimkehr von der Jagd" (im Gasthof zum "Englischen Hof") und dem "aufgefundenen Hirsch (vom Kunstverein verloost) sind eine Menge von Cabinetstücken in den Privatgallerieen Frankfurter Kunstfreunde Vorhanden, und viele derselben haben einen Anflug von Humor, zumal jene, in denen statt des berufenen Jägers der Bauer zum Waidmann wird und sein Aufzug einen komischen Gegensatz zu der "noblen Passion" bildet.
In der Architekturmalerei, namentlich in der Darstellung des Innern der Wohnungen, denen eine alterthümliche oder vorzugsweise charakteristische Bauart malerisches Interesse verleiht, besteht ein besonderer Zweig von Burgers Kunstproduction. Werkstätten, wie jene des Böttchers, des Grobschmieds, des Schuhmachers und andre kleinere und größere Schauplätze des Volkslebens sind in dieser Branche seine Lieblingsstoffe. In der Landschaft liebt er, sofern nicht der Herbst mit den Jüngern Nimrod's dargestellt wird, eine Staffage, die den Gedanken ergänzt oder vertieft; selten erscheinen seine Figuren wie zufällig.
Neben heitern, humoristischen und tragikomischen Szenen entstehen tiefernste Schilderungen. Aber wie jene sich von allen burlesken Erscheinungen fern halten, vermeidet der Maler bei diesen sehr glücklich die Sentimentalität - ein Beweis von seiner kerngesunden Natur, die ihm noch lange erhalten bleiben möge!


Wilhelm Kaulen: Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler, Christian Winters Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1878, Seite 69-72

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